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Full text of "Der Spiritismus"

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EDUARD von HARTMANN 



DER SPIRITISMUS 




LEIPZIG VJj_y BERLIN 

VERLAG VON WILHELM FRIEDRICH 

K. HOFBUCHHANDLUNG 

1885. 




Im gleichen Verlage erschien: 

Philosophische Fragen 

der Gegenwart 
von Eduard von Hartmann. 

gr. 8. Preis broch. M. 6. — . 
In gemeinverständlicher Darstellung bietet dieses neue Werk des be- 
kannten Philosophen zwölf Essays über Gegenstände aus den verschiedensten 
Gebieten der Philosophie. Es behandeltelt u. a. die Philosphie Schopenhauers 
und seiner Schule, das Problem des Pessimismus, das Verhältniss von Philo- 
sophie und Christenthum, die neuesten Enthüllungen über indische Geheim- 
lehre, die Grundbegriffe der Rechtsphilosophie, die Bedeutung Kants für 
die heutige Erkenntnisstheorie u. s. w. Im ersten Aufsatz fallen grelle 
Streiflichter auf die Physiognomie der heutigen Universitätsphilosophie, der 
vierte liefert zum ersten Mal einen Abriss des Hartmannschen Systems im 
engsten Rahmen aus der Feder seines Urhebers. Wo nicht die behandelten 
Gegenstände selbst der Philosophie der Gegenwart angehören, da greifen 
sie doch in litterarische Streitfragen ein, welche gerade neuerdings lebhaft 
erörtert worden sind (z. B. über die Bedeutung des Wortes Nirvana), und 
manche dieser Streitfragen (so z. B. die um den Pessimismus) dürfte durch 



diese Veröffentlichung in eine neue Phase gerückt sein. Sowohl wegen des 
sachlichen Interesses der darin behandelten Gegenstände, wie auch als 
Beiträge zur näheren Klarstellung und festeren Begründung des philoso- 
phischen Standpunktes ihres Verfassers werden diese Aufsätze auf Beach- 
tung rechnen dürfen. 



Das Judenthum 

in Gegenwart und Zukunft. 
von Eduard von Hartmann. 

IL durchgesehene Auflage, gr. 8. Preis broch. M. 5. — . 
Wenn unser hervorragendster Philosoph das Wort zu dieser bren- 
nenden Tagesfrage nimmt, darf man überzeugt sein, die Verhältnisse 
vom wirklich unparteiischen Standpunkt aus beleuchtet und erklärt zu sehen, 
und indem die Kampfesweise und Wirkung des Antisemitismus als schädlich 
verworfen, werden zugleich die Fehler des Judenthums, welche gegenwär- 
tige Zustände hervorgerufen, blossgelegt. Die vielen verschiedenen Seiten 
der verwickelten Frage werden gesondert einer gründlichen Erörterung 
unterzogen und überall die Wege zur naturgemässen Lösung gewiesen. — 
Die beste Empfehlung des Werkes ist der ungeheuer schnelle Absatz der 
ersten grossen Auflage, welcher nach drei Wochen eine zweite folgen 
musste, während eine dritte in Vorbereitung sich befindet. 

Kgl. Hofbuchhandlung von Wilhelm Friedrich, Leipzig und Berlin. 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. 






EDUARD von HARTMANN 



DER SPIRITISMUS 




LEIPZIG Vj[j_y BERLIN 

VERLAG VON WILHELM FRIEDRICH 

K. HOFHICUHANDLUNG 

1885. 



Alle Rechte vorbehalten. 



ORUC< VON EMIL HERBMANN SEN., LEIPZIG. 



Inhalt. 



1. Der allgemeine Stand der Frage . I 

2. Die physikalischen Erscheinungen 25 

3. Der Vorstellungsinhalt der Kundgebungen 57 

4. Die Transfigurationen und Materialisationen 84 

5. Die Geisterhypothese 106 






1. Der allgemeine Stand der Frage. 



Das Wort „Spiritismus" ist ein französisches Produkt, 
während die Engländer und meist auch die Deutschen 
an dem Ausdruck „Spiritualismus" festgehalten haben; 
es scheint jedoch rathsam, die Bezeichnung „Spiritualis- 
mus" für einen dem Materialismus entgegengesetzten 
metaphysischen Standpunkt festzuhalten, und demgemäss 
zur Vermeidung von Verwechselungen die Erklärung der 
mediumistischen Erscheinungen durch Mitwirkung ab- 
geschiedener Geister mit dem neugebildeten Ausdruck 
„Spiritismus" zu benennen. Das Uebergewicht inner- 
halb des Spiritismus besitzt die amerikanisch-englische 
Richtung, welche keine Reinkarnation annimmt, sondern 
in der Hauptsache auf dem christlichen Unsterblichkeits- 
glauben fusst. In Frankreich herrscht die Richtung, 
welche Allan Kardec der Sache gegeben hat, nämlich 
die Hinwendung zu dem indischen Glauben, dass die 
Seele so lange sich in neuen Körpern zu rei'nkarniren 
habe, bis sie den gottgewollten Zustand der Vollkom- 
menheit erlangt habe. In Deutschland besitzt der trans- 
cendentale Individualismus Hellenbachs einen Anhänger- 
kreis, welcher die Möglichkeit, aber nicht gerade die 
Xothwendigkeit der Reinkarnation lehrt, und sich vom 
französischen Spiritismus hauptsächlich dadurch unter- 
scheidet, dass er den Aussagen der Medien ebenso wenig, 
wie dieser viel Werth beilegt. 

Die Zahl der spiritistischen Zeitschriften ist bedeu- 
tend; fünfzig sind von den „Psychischen Studien" auf- 
geführt, mit welchen diese in Austausch stehen, und 
allein in Deutschland giebt es fünf. Die meisten sind 
von einer geradezu unglaublichen Kritiklosigkeit und 
superstitiösen Leichtgläubigkeit; am schlimmsten vorn 

Hartmann, Spiritismus. I 



allen sind in dieser Hinsicht die amerikanischen Berichte, 
was ihren Werth um so mehr herabdrückt, als gerade 
in Amerika auch der Humbug und Schwindel der 
professionellen Medien seinen Gipfel erreicht. Unter 
den deutschen spiritistischen Journalen nimmt die Mo- 
natsschrift „Psychische Studien" (Leipzig bei Oswald 
Mutze 1874 — 1885) dadurch eine Ausnahmestellung ein, 
dass ihr Redakteur Dr. Wittig mit Energie und kriti- 
schem Scharfsinn die Cox'sche Theorie der psychischen 
Kraft und die Hallucinationshypothese gegen die Geister- 
hypothese vertritt, insbesondere in den letzten drei Jahr- 
gängen. Es ist charakteristisch für die ganze Bewegung, 
dass dieser Versuch eines Redakteurs, der Stimme der 
Vernunft Gehör zu verschaffen und sein Journal auf ein 
wissenschaftliches Niveau zu erheben, sich nur im Kampfe 
mit dem Herausgeber und der Mehrzahl der Mitarbeiter 
vollziehen kann, und dass er zunächst bloss das Empor- 
blühen mehrerer Konkurrenzzeitschriften zur Folge ge- 
habt hat. Da nämlich die meisten Abonnenten spiri- 
tistischer Zeitschriften gar kein wissenschaftliches In- 
teresse an der Erklärung der Erscheinungen haben, 
sondern nur das Herzensinteresse, ihren Unsterblich- 
keitsglauben durch die mediumistischen Erscheinungen 
gekräftigt zu sehen, so hört für sie mit einem Schlage 
jedes Interesse an der Sache auf, sobald ihnen diese 
Hoffnung benommen wird. 

"Wenn man sich mit der Literatur der Spiritisten 
befassen will, so muss man sich auf den Standpunkt 
eines Irrenarztes stellen, der sich von seinen Patienten 
eine möglichst genaue Schilderung ihrer Wahnvorstel- 
lungen geben lässt; wer nicht die Geduld hat, in den 
Vorstellungskreis und die typische Ausdrucksweise dieser 
Gedankenverirrung einzutreten und sich in derselben 
heimisch zu machen, der wird niemals ihre psychologi- 
schen Ursachen ergründen. 

Dass ein Somnambuler die Vorstellungen seines 
träumenden Mittelhirns verbildlicht und so weit als mög- 
lich personificirt, ist eine psychologische Notwendigkeit, 
über die er als Somnambuler keine Macht hat. Dass ein 
larvirter Somnambuler die intelligenten Kundgebungen 
seines somnambulen Bewusstseins , welche sein Tages- 
bewusstsein nicht als die „seinigen" anerkennt, fremden, 



unsichtbaren, personificirten Intelligenzen zuschreibt, ist 
ebenso psychologisch nothwendig. Wenn nun weiter 
diejenigen Thätigkeiten , durch welche die ihm unbe- 
wusste Intelligenz seines larvirten somnambulen Bewusst- 
seins ihre Kundgebungen vermittelt, durch unwillkür- 
liche und unbewusste Impulse seines Mittelhirns (sei es 
auf die Muskeln der Gliedmassen oder Stimmwerkzeuge, 
sei es auf noch unbekannte Nervenkräfte von mecha- 
nischer Wirksamkeit) hervorgebracht werden, so ist es 
unvermeidlich, dass diese Thätigkeiten als eigne geleugnet 
und statt dessen als unmittelbare Thätigkeiten jener 
personificirten Intelligenzen angeschaut werden. Wenn 
sich nun gar mit solchen Vorgängen die Fähigkeit des 
Somnambulen verbindet, in der Seele empfänglicher An- 
wesender kombinirte Hallucinationen mehrerer Sinnes- 
organe zu erzeugen, so werden diese leicht geneigt sein, 
die combinirten Gesichts-, Gehörs-, Gefühls- und Tast- 
Hallucinationen wegen ihrer „Handgreiflichkeit" für ob- 
jektive Realitäten zu nehmen, und wenn endlich die 
Uebereinstimmung dieser eingepflanzten Hallucinationen 
bei mehreren Zeugen konstatirt wird, so scheint ihnen, 
wie dem sie einpflanzenden Somnambulen kaum noch 
ein Zweifel an der Realität der Erscheinungen übrig zu 
bleiben. 

Alle diese intuitiven Trugschlüsse vollziehen sich 
mit gleicher psychologischer Gesetzmässigkeit wie das 
Zustandekommen von Sinnestäuschungen. Man mag eine 
Sinnestäuschung mit der abstrakten Reflexion vollstän- 
dig durchschauen, so hört sie darum doch nicht auf, sich 
für die Anschauung von Neuem zu produciren, sobald 
die Bedingungen ihrer Entstehung von Neuem herge- 
stellt werden. Ja sogar bei einem Theil der mediumi- 
stischen Phänomene, insbesondere der Uebertragung von 
Hallucinationen auf Dritte, scheint der ungestörte Glaube 
an die Realität der Traumpersonifikationen im hervor- 
rufenden Somnambulen fast unerlässliche Bedingung zu 
sein, und für das Zustandekommen in den Zeugen min- 
destens begünstigend zu wirken. Es wird hieraus ver- 
ständlich, weshalb die Zuschauer mit wachsendem spiri- 
tistischem Glauben auch reicher entfalteten Erscheinungen 
gegenübertreten, und dass eine intolerante Skepsis, 
welche es verschmäht, in den Vorstellungskreis des Me- 

i* 



diums, wenn auch nur zum Schein, einzutreten, lähmend 
auf dessen Produktionskraft wirken muss. 

Man erkennt schon aus diesen vorausgeschickten 
Bemerkungen, dass man es bei dem Erscheinungsgebiet, 
auf welches der Spiritismus sich stützt, mit wesentlich 
anderen Versuchsbedingungen zu thun hat, als bei Ex- 
perimenten mit unorganischen Stoffen oder organischen 
Körpern. Nur ein kleiner Theil der mediumistischen 
Erscheinungen ist seiner Wirkung nach rein physikalisch ; 
aber selbst dieser Theil ist seiner Entstehung nach an 
psychische Bedingungen, an Stimmung, Zuversicht, un- 
gestörte Behaglichkeit des Mediums geknüpft. Nun ist es 
aber ganz ungerechtfertigt, wenn Naturforscher die Unter- 
suchung dieser Erscheinungen deshalb ablehnen, weil die- 
selben an Bedingungen geknüpft sind, deren Herstellung 
nicht zu jeder Zeit in der Macht des Forschers liegt. 

Wenn man den Floh des Maulwurfs oder die Ein- 
geweidewürmer der Grille untersuchen will, so muss man 
schlechterdings erst Maulwürfe und Grillen fangen, um 
ihnen die Flöhe oder Eingeweidewürmer abzusuchen. 
Wenn man bestimmte Formen des Irrsinns untersuchen 
will, so muss man in die Irrenhäuser gehen, wo solche 
Kranke zu finden sind. Wenn man elektrische Rochen 
oder Aale untersuchen will, so muss man sich welche 
aus ihrer Heimath schicken lassen. Ganz ebenso muss 
man, wenn man abnorme Erscheinungen der mensch- 
lichen Natur studiren will, abnorm veranlagte Naturen 
aufsuchen, oder solche zu sich kommen lassen. Auch 
die Experimente des Laboratoriums sind oft von so 
verwickelten Bedingungen abhängig, dass der Forscher 
für ihr Gelingen nicht in jedem Falle einstehen kann; 
aber diess hindert nicht die Beweiskraft der gelungenen 
Fälle. Wenn der elektrische Rochen von der Reise 
erschöpft ist oder krank wird, so werden die Versuche 
mit demselben ebenso unbefriedigend ausfallen müssen, 
wie diejenigen mit einem Medium, das sich nicht wohl 
befindet, und wenn der Feuchtigkeitsgehalt der Atmo- 
sphäre einen gewissen Grad übersteigt, so werden die 
Versuche an der Reibungselektrisirmaschine ebenso 
misslingen wie diejenigen an einem Medium. Diess 
alles darf aber die Erforschung der abnormen Erschein- 
ungen unmöglich hindern. 



Schlimmer als die Abhängigkeit von den Medien 
und ihrer Disposition ist der Kampf gegen absichtliche 
Täuschung, der einem Forscher bei der Untersuchung 
elektrischer Rochen allerdings erspart bleibt. Indessen 
ist hier an das Gebiet der Geistes- und Nervenkrank- 
heiten, der Hysterie und des Somnambulismus zu er- 
erinnern, wo der Arzt und der Theoretiker ebenfalls 
mit den raffinirtesten Täuschungsversuchen zu thun hat, 
ohne dass er sich deshalb in seinem Forschungseifer 
hemmen lässt. Ein Somnambuler erhält von seinen 
Phantasiepersonen Weisungen, welche er pünktlich be- 
folgt, in dem guten Glauben, nur das zu thun, was jene 
durch ihn thun, und schwört in seinem wachen Bewusst- 
sein mit gutem Gewissen darauf, von jenen Thätigkeiten 
nichts zu wissen, hält dann vielmehr deren Ergebniss für 
unmittelbare Leistungen jener Phantasiegestalten. Aehn- 
lich kann ein Medium im somnambulen Zustand die 
Rolle eines Geistes spielen und Dinge thun, von denen 
es hernach im wachen Zustande nichts weiss, die es 
vielmehr nach den Berichten der Zeugen für unmittel- 
bare Geisterwirkungen halten muss. 

In welchen feinen und krausen Verschlingungen 
Gutgläubigkeit und Betrug bei Hysterischen verfitzt sind, 
davon weiss nur, wer sich mit solchen Kranken näher 
beschäftigt hat, ohne sich von ihnen täuschen zu lassen, 
Nun sind aber alle Medien, welche nicht bloss Magne- 
tiseure sondern zugleich offne oder larvirte Somnambule 
sind, ohne Ausnahme Individuen mit einer gewissen Des- 
organisation des Nervensystems, d. h. von einer relativ 
zu grossen Selbständigkeit der niederen und mittleren 
Nervencentra gegen das höchste reflexhemmende Cen- 
trum der bewussten Selbstbeherrschung; sie sind mit 
andern Worten ebensogut wie die nicht mediumistischen 
Somnambulen trotz häufigen Anscheins körperlicher Ge- 
sundheit hysterisch*) und vollbringen ihre Wirkungen 
entweder in offenem oder in larvirtem Somnambulismus, 
befinden sich also bei ihrer Produktion unter den für 
unbewussten oder halbbewussten Betrug denkbar gün- 



*) Dass Hysterie nicht bloss eine Krankheit des weiblichen Ge- 
schlechtes ist, gilt in Frankreich seit 20 Jahren für ausgemacht, und ist 
in Deutschland neuerdings von Mendel ausser Zweifel gestellt. 



— 6 — 

stigsten Bedingungen. Sie sind fest überzeugt davon, 
dass die Geister ihnen helfen, haben aber doch auch das 
Bewusstsein, dass sie auf irgend welche Weise eine für 
die Geister unentbehrliche mitwirkende Bedingung sind, 
d. h. dass die Geister nur mit Hilfe ihrer wirken können. 
Liegt es da nicht nahe genug, dass sie sich bemühen, 
auch ihrerseits den Geistern zu dem erwünschten Er- 
gebniss zu helfen, und dass dabei die Grenze zwischen 
ganz unwillkürlicher, halbunwillkürlicher, und willkür- 
licher Mitwirkung sich verwischt? Kann überhaupt der 
Begriff der „vollen Zurechnungsfähigkeit" auf einen 
Geisteszustand Anwendung finden, wo die organisch- 
psychische Gesammtenergie sich zwischen wachem Be- 
wusstsein und somnambulem Bewusstsein spaltet und 
für das erstere nur einen grösseren oder geringeren 
Bruchtheil der normalen Intensität übrig lässt? 

Ich glaube, es müsste sonderbar zugehen, wenn ein 
vollkommen normaler Mensch zu dem Einfall kommen 
sollte, sich als Medium zu produciren. Am ehesten dazu 
befähigt wären offenbar Taschenspieler, aber diese ziehen 
es vor, ihre Künste vor einem grösseren Zuschauerkreise 
vorzuführen, während Medien auf die geringen Erträge 
eines engen Cirkels angewiesen sind. Man hat wohl 
von vielen Medien gehört, die Taschenspieler geworden 
sind, aber noch von keinem Taschenspieler, der Medium 
geworden wäre. Man darf deshalb wohl annehmen, dass 
niemand in die Laufbahn eines Mediums kommt, der nicht 
durch Zufall abnorme Eigenschaften und Kräfte an sich 
entdeckt hat. Etwas von diesen Eigenschaften und 
Kräften dürfte wohl jeder Mensch besitzen, aber in so 
geringem Grade, dass nichts Besonderes damit zu leisten 
ist. In England sollen 3%, in Nordamerika, wo die Luft 
trockener ist, sogar 5% der Menschen in dem Grade 
Medien sein, dass ihre Ausbildung lohnt. Bei Frauen 
ist die Entwickelung dieser abnormen Anlagen häufiger 
als bei Männern, bei mageren nervösen Constitutionen 
häufiger als bei wohlbeleibten, bei jüngeren Individuen 
häufiger als bei älteren, vor der Geschlechtsreife häufiger 
als nach derselben. 

Das Medium, das sich entdeckt hat, pflegt von den 
Erscheinungen ebenso überrascht zu sein wie seine Um- 
gebung; es bedarf der längeren Uebung, um soweit die 



Herrschaft über seine mittleren Nervencentra zu er- 
langen , dass es sich durch seinen Willen in den zur 
Hervorbringung der Erscheinungen geeigneten Zustand 
zu setzen vermag. Beim Fortschreiten dieser Uebung 
nehmen die Erscheinungen an Mannichfaltigkeit und 
Stärke zu, und sein Ruf verbreitet sich; bald erhält es 
Aufforderungen zum Besuch in fremden Städten und 
Ländern, für welchen Geldentschädigung gewährt wird. 
Hat vorher schon die Eitelkeit als Sporn gewirkt, so 
tritt nun das Geldinteresse hinzu ; das Medium vernach- 
lässigt seinen bürgerlichen Beruf und wird professionel- 
les Medium. Es wird ihm peinlich, Geld anzunehmen 
für misslungene Sitzungen, und doch braucht es Geld 
zum Leben; es fängt an, den Geistern nachzuhelfen, da- 
mit die Leute zufriedengestellt werden. 

Das professionelle Medium wird bezahlt für jede 
Sitzung; je mehr Sitzungen, desto mehr Geld. Jede 
Sitzung strengt aber das Nervensystem an und macht 
das Medium nervöser, hysterischer, kraftloser. So lange 
der mitgebrachte Kraftvorrath der Jugend vorhält, geht 
die Sache ; dann lässt die erschöpfte mediumistische 
Kraft merklich nach und die Erscheinungen werden 
seltner und schwächer. Der Ruf des Mediums aber 
hinkt seinen Leistungen nach und verschafft ihm mehr 
Einladungen, als es annehmen kann ; es sieht das Geld 
vor sich und kann es doch nicht einstreichen. Jetzt 
wird die Versuchung, den Geistern nachzuhelfen, drin- 
gend. Fast keinem professionellen Medium bleibt diese 
absteigende Phase seiner Mediumschaft erspart, und es 
gehört eine grosse Charakterstärke dazu, den verlassenen 
bürgerlichen Beruf nach längerem Vagabundenleben 
wieder aufzunehmen. Manche Medien ziehen es vor, 
Antispiritisten zu werden, und das Publikum mit den 
Taschenspielerkniffen zu unterhalten, mit welchen sie 
in ihrer Medienlaufbahn den Geistern nachgeholfen 
haben; dabei verdienen sie dann in der Regel vieL 
mehr, als durch echte mediumistische Leistungen. Da- 
neben werden dann auch wohl einzelne mediumistische 
Leistungen, die sich für Produktion in grösserem Kreise 
eignen (z. B. das Gedankenlesen durch Berührung und 
nach den Direktiven unwillkürlicher Muskelbewegungen) 
weiter gepflegt und der Antispiritismus nur zur Ge- 



winnung des erforderlichen Vertrauens als Vorspann 
benutzt ; zugleich dauert aber die Taschenspielerei fort 
und das Publikum wird von diesen Antispiritisten noch 
weit sicherer betrogen als von den spiritistischen Medien. 
Viele Medien langen zuletzt bei völliger Zerrüttung des 
Körpers und des Geistes an, verfallen in Siechthum oder 
Melancholie und enden in Irrsinn oder Selbstmord. Diess 
gilt nicht bloss für die amerikanischen Medien, sondern 
auch für die indischen, obwohl letztere niemals einen 
Gelderwerb aus der Sache machen dürfen und weit 
weniger versucht sind, ihre Kraft durch allzuhäufige Aus- 
nutzung zu erschöpfen; die indischen Fakirs streben aber 
gerade nach jener Zerrüttung des Geistes und Körpers, 
welche unsre Medicin fürchtet, und sehen in dem all- 
mählichen Verfall und Absterben vor dem Tode das 
wünschenswertheste Ziel. 

Zwischen einem Taschenspieler und einem Medium 
ist ein beträchtlicher Unterschied erkennbar. Der Taschen- 
spieler ist unabhängig von seinem Befinden, von der 
Luftfeuchtigkeit, von den Gesinnungen der Anwesenden 
gegen ihn, von der Zahl der Zuschauer und der Be- 
leuchtung; dagegen ist er abhängig in seinen Leistungen 
von der Lokalität, von der Beschaffenheit der Gegen- 
stände, mit welchen er hantirt, von der Entfernung und 
Stellung der Zuschauer zu ihm, in den meisten Leistun- 
gen auch von den Vorbereitungen, welche er an der 
Lokalität und den Apparaten hat treffen können. Selten 
arbeitet er ohne Helfershelfer und von einer nervösen 
Erschöpfung durch die Vorstellung ist bei ihm nichts zu 
bemerken ; er ist abhängig von bestimmten Bedingungen, 
unter welchen er seine Kunststücke vorführt, aber wenn 
man ihm diese Bedingungen nicht stört, so ist er auch 
seines Erfolges so gut wie sicher. Diess alles ist anders 
beim Medium. 

Das Medium kommt allein, ohne Gehilfen und ohne 
Apparate in eine ihm fremde und vor der Sitzung nicht 
zugängliche Lokalität. Der indische Fakir erscheint 
nackt, bloss die Schaam mit einem Lappen bedeckt; 
jedes verständige Medium — und mit anderen sollte 
niemand experimentiren — lässt sich bereitwillig vor 
und nach der Sitzung vom Kopf bis zur Zehe unter- 
suchen und weigert sich nicht, die mitgebrachten Klei- 



— 9 — 

der unter Aufsicht mit neu hingelegten von besonderem 
Schnitt und Kolorit zu vertauschen. Alles, was das 
Medium an Gegenständen braucht, nimmt es von dem 
Wirth in Empfang, so dass jede Präparation vor der 
Sitzung ausgeschlossen ist. Während der Sitzung be- 
findet sich das Medium unmittelbar unter den Augen 
und in Berührung mit den Zuschauern; da es aber be- 
einflusst wird von deren Vorstellungen und Empfindun- 
gen, so wirkt auch übelwollende, feindselige, oder frivole 
Gesinnung unter den Zuschauern störend auf seine 
Seelenthätigkeit ein, und zwar gleichviel ob es sich des 
Grundes dieser Störung bewusst ist oder nicht. Da 
jeder Mensch andre Gedanken, Empfindungen und Ein- 
flüsse mitbringt, so mehren sich die störenden Einflüsse 
mit der Zahl der Zuschauer ; mediumistische Vorstellun- 
gen vor mehr als drei Zuschauern sind von vornherein 
verdächtig, und pflegen nur dann Erfolg zu haben, wenn 
sich unter den Zuschauern Medien befinden, welche, 
ohne es zu wissen, durch Zusammenwirken mit dem 
Hauptmedium dessen Kraft verstärken und so die stö- 
renden Einflüsse ausgleichen. 

Die nervöse Abspannung und Erschöpfung des Me- 
diums ist proportional der Fülle und Stärke der pro- 
ducirten Leistungen, kann freilich auch fingirt oder 
heuchlerisch übertrieben werden. Der Erfolg ist völlig 
unsicher, und wenn man das Medium vor jeder Ver- 
suchung zu täuschender Nachhilfe bewahren will, so 
muss man ihm vor allen Dingen klar machen, dass man 
mit dieser Unsicherheit des Erfolges bekannt sei und 
keineswegs enttäuscht oder ungeduldig sein werde, wenn 
selbst mehrere Sitzungen gänzlich erfolglos verlaufen. 
Empfehlenswerth ist es auch, den Medien nicht die 
einzelne Sitzung zu honoriren, sondern ihnen ein Fixum 
pro Monat oder ein Pauschquantum für die Dauer der 
Versuchsreihe neben freier Station auszusetzen, weil mit 
dem Honoriren der einzelnen Sitzungen ein wichtiger 
Impuls zu Täuschungen in Wegfall kommt. 

Ebenso hinderlich wie feuchte Luft und üble Ge- 
sinnungen der Zuschauer ist für mediumistische Wir- 
kungen das grelle Licht, welches der Taschenspieler mit 
Vorliebe herstellt, damit man nur ja nicht denke, er 
wolle sich im Dunkeln das Munkeln zu leicht machen. 



IO 

Die meisten Medien müssen erst durch Dunkelsitzungen 
ihre Anlagen entdecken und ausbilden, bis sie so weit 
gekräftigt und abgehärtet sind, um eine massige Be- 
leuchtung zu ertragen. Nur hervorragende Medien 
bringen es dahin, bei vollem Lichte zu wirken; beson- 
dere Leistungen, z. B. das Emporfliegen des Mediums 
und die Einpflanzungen von Hallucinationen in den Zu- 
schauern, scheinen unter allen Umständen nur ein ge- 
dämpftes Licht zu ertragen. So gewiss man die ver- 
schiedenen Formen des elektrischen Glimmlichts nur in 
der Dunkelkammer beobachten kann, so gewiss kann 
man auch die phosphorescirenden Lichterscheinungen, 
welche sehr gewöhnliche Begleiterscheinungen der Dun- 
kelsitzungen sind, nur im Dunkeln kennen lernen. Es 
ist daher unthunlich, die Dunkelsitzungen ganz zu ver- 
werfen, doch sollte man sich in ihnen auf das Studium 
dieser Erscheinungen beschränken, und auf alles, was 
sonst vorkommt, keinen Werth legen. Die Aermelauf- 
schläge, die Stiefel und die Mütze des Mediums sollten 
ebenso wie etwa sonst im Zimmer befindliche Gegen- 
stände durch Merkzeichen von selbstleuchtender Farbe 
gekennzeichnet sein. Noch besser ist die Vertheilung 
von einer Menge ganz schwacher elektrischer Glüh- 
lampen im Zimmer, wie man sie jetzt in Schmuckgegen- 
ständen anwendet. Derartige schwache Lichtquellen von 
mehr phosphorescirendem Charakter pflegen auch von 
schwächeren Medien vertragen zu werden, während 
stärkeres Licht (vielleicht durch seine Verwandtschaft 
mit elektrischer Induktion) störend wirkt. 

Alle andern Untersuchungen wird man bei ge- 
dämpftem oder hellem Licht vornehmen müssen und 
können, dann aber auch an der Sichtbarkeit aller Kör- 
pertheile des Mediums in Verbindung mit Visitation und 
Kleiderwechsel vor und nach der Sitzung genügende 
Kontrolmassregeln besitzen, um sich gegen Taschen- 
spielerei zu sichern. Gänzlich zu verwerfen ist alles 
Binden der Medien, weil es die Taschenspielerei, die 
absichtliche und unabsichtliche Täuschung, geradezu 
herausfordert, und weil Taschenspieler im Lösen und 
Wiederknüpfen von Knoten und im Herausschlüpfen 
und Wiederhineinschlüpfen in Schlingen und Fesseln 
so Unglaubliches leisten, dass allein ein Taschenspieler 



— II — 

kompetent sein kann, über die Zulänglichkeit der Fes- 
selung zu urtheilen. Ausserdem ist aber die Fesselung 
eine für das Medium quälende und darum unwürdige 
Art vermeintlicher Sicherstellung, und fast jedes Me- 
dium sucht sich der Fesseln zu entledigen, sobald es in 
Hypnose oder somnambulen Zustand verfallen ist und 
sich vor den Augen der Zuschauer sicher weiss. Wer 
auf Fesselung baut und sonstige Kontrole vernachlässigt, 
kann allemal sicher sein, dass er getäuscht wird, und 
alle Berichte über Sitzungen dieser Art sind ohne Wei- 
teres als werthlos zu verwerfen. 

Wer seine fünf Sinne nicht für ausreichend hält, um 
unter den angegebenen Sicherheitsmassregeln Taschen- 
spielerei von unwillkürlichen Erscheinungen zu unter- 
scheiden, der erklärt damit die menschlichen Sinnes- 
werkzeuge überhaupt für ungeeignet zur Feststellung 
von Thatsachen und muss ebenso auf jeden gerichtlichen 
Zeugenbeweis wie auf wissenschaftliche Forschung ver- 
zichten. Kann man bei jeder Sitzung einen gewiegten 
Taschenspieler als vierten Mann hinzuziehen, so ist das 
gewiss zu empfehlen; denn ein solcher hat das offenbare 
Berufsinteresse, vorkommende Taschenspielereien auf- 
zudecken, damit nicht die Medien den Ruf der Taschen- 
spieler verdunkeln. Bekanntlich haben die beiden ersten 
Taschenspieler Deutschlands und Frankreichs, Bellachini 
und Houdin, ihr Zeugniss zu Gunsten der von ihnen be- 
obachteten Medien abgegeben; dagegen haben andere 
Taschenspieler (z. B. Hermann) behauptet, dieselben Er- 
scheinungen wie die Medien durch ihre Kunst hervor- 
bringen zu können. 

Prüft man die letzteren Behauptungen näher und 
durchblättert man die anonymen „Confessions of a Me- 
dium" oder Cumberlands „Besucher aus dem Jenseits" 
oder ähnliche Enthüllungsschriften, so erkennt man so- 
fort, dass die Taschenspielerei Bedingungen und Vor- 
aussetzungen erfordert, die man dem Medium nicht zu- 
gestehen wird. Z. B. bei fernwirkender Schrift braucht 
man nur dafür Sorge zu tragen, dass das Medium die 
Tafel entweder gar nicht, oder doch erst im letzten 
Augenblick in die Hand bekommt, um einer vorherigen 
Präparation vorzubeugen, und braucht nur die Hand- 
haltung zu kontroliren oder für sichern Verschluss der 



Tafel zu sorgen um ein direktes Schreiben durch den 
Finger des Mediums unmöglich zu machen. Da zahl- 
lose Berichte von einem hörbaren Schreiben in der Hand 
eines Dritten, oder bei frei auf dem Tisch liegender 
Tafel in deren wohlverschlossenem Innern sprechen, da 
einzelne Beobachter die schreibende Bewegung des 
Schieferstückchens auf der unter dem Tisch halb vor- 
gezogenen Tafel gesehen haben wollen, andre sogar das 
Schreiben eines sich selbst aufrichtenden Bleistiftes auf 
dem Papier wahrgenommen haben wollen,*) da immer 
wieder das Aussetzen des Schreibens bei Oeffnung der 
Sitzungskette und dessen Fortsetzung bei Wiederver- 
einigung der Hände behauptet wird, da in der ver- 
schlossenen Tafel oft genug Worte oder Sätze geschrie- 
ben worden sind, die erst nach dem Verschluss oder 
während des begonnenen Schreibens von einem An- 
wesenden dem Medium diktirt wurden, da auf diesem 
Wege sinnvolle Antworten in der verschlossenen Tafel 
auf die eingeschriebene, dem Medium unbekannte Frage 
erfolgen (Ps. St. XI, 552), und derartige Erscheinungen 
nicht nur bei Slade sondern auch bei Monk, Eglinton 
und verschiedenen Privatmedien von Hunderten von 
Beobachtern konstatirt sind, so kann man zwar an der 
Glaubwürdigkeit aller dieser Gewährsmänner zweifeln, 
aber jedenfalls nicht darum, weil sich unter wesent- 
lich anderen Bedingungen ähnliche Wirkungen durch 
Taschenspielerei erzielen lassen. Dagegen ist jedem, 
der solchen Versuchen beiwohnen will, die Lektüre 
solcher Enthüllungsschriften nur zu rathen, damit er 
sich vor den dort beschriebenen Arten von Täuschungen 
um so gesicherter weiss.**) 



*) Psychische Studien IV, S. 468, 545; Owen „Das streitige Land" 
deutsch von Wittig I, 139. 

**) Die zweifellos beste derselben sind die anonymen „Confessions 
of a Medium" (von Chapman), London, bei Griffith et Farran, 1882, während 
Cumberland's „Besucher aus dem Jenseits" (Breslau bei Schottländer 1884) 
ein dürftiger und widerwärtig manierirter Nachklang jener sind. Deutsche 
Leser finden einen Auszug der ersteren Schrift bei Fritz Schultze „Die 
Grundgedanken des Spiritismus" (Leipzig bei Günther 1883) S. 58 — 121. 
Macht ein früheres Medium in Antispiritismus, so gehört es mit zu diesem 
Umschwung, auch seine etwaige frühere mediumistische Kraft zu ver- 
leugnen, und alle seine Leistungen für blosse Taschenspielereien zu er- 
klären. 



Nicht anders als mit der Taschenspielerei ist es 
mit den sogenannten „Entlarvungen" bei angeblichen 
Geistererscheinungen; beide werden nur missverständ- 
licher Weise als Instanz gegen die von so vielen Zeugen 
behaupteten Thatsachen geltend gemacht. Wenn eine 
angebliche Erscheinung ergriffen wird, und sich nur das 
Medium aus ihr herausschält, so hat eine „Entlarvung" 
stattgefunden für denjenigen, der etwas anderes als das 
Medium in der „Erscheinung" vermuthet hat. Wer aber 
vorher sich hat sagen lassen, dass dieser Erfolg in sol- 
chem Falle der wahrscheinliche sein werde, weil kaum 
5 °/ der sogenannten „Erscheinungen" vom Medium 
völlig abgelöst seien, der kann doch, wenn der voraus- 
gesagte Erfolg eingetreten ist, nicht mehr von „Ent- 
larvung" reden. Wer mit Recht oder Unrecht eine 
Erscheinung A erwartet und eine Erscheinung B vor- 
geführt erhält, der muss doch als exakter Forscher vor 
allem B untersuchen, aber nicht darauf pochen, dass B 
nicht A sei, und im Hohn darüber B ignoriren. Wer in 
solchem Falle sich damit begnügt, das durch unsanften 
Schreck aus seinem somnambulen Zustand geweckte 
und seiner Sinne noch nicht wieder mächtige Medium 
auszulachen, anstatt sofort zur Untersuchung überzu- 
gehen, mit welchen Mitteln das vorher visitirte Medium 
das veränderte Aussehn der „Erscheinung" hervor- 
gebracht habe, der zeigt damit, dass es ihm ebenso 
wenig wie den Geistergläubigen um wirkliche Erforschung 
der Erscheinungen, sondern um ganz andere Dinge zu 
thun ist. Wenn man die Geschichte der (von den Zei- 
tungen natürlich ungenau berichteten) „Entlarvungen" 
genauer studirt, so erkennt man bald, dass die „Ent- 
larver" meist noch weniger Befähigung zum Experimen- 
tiren gezeigt haben als die Geistergläubigen, und wird 
sich kaum noch darüber wundern, dass jede solche 
„Entlarvung" der Sache des Spiritismus einen mächtigen 
Aufschwung gegeben hat. 

Gegen bewusste und absichtliche Täuschungen der 
Medien kann man sich schützen, und unbewusste Täu- 
schungen derselben gehören selbst mit zum Gegenstande 
der Forschung. Darum, weil ein professionelles Medium 
als eine mehr oder weniger zu Täuschungen hinneigende 
Persönlichkeit anzusehen ist, darf man noch nicht so feige 



— 14 — 

sein, ihre Prüfung von vornherein abzulehnen, wenn man 
auch ganz recht thut, privaten Medien vor professionellen 
den Vorzug zu geben. Es ist ein logischer Fehler, aus 
der Thatsache, dass ein Medium in einem Falle unter be- 
stimmten Bedingungen geschwindelt habe, zu schliessen, 
dass dieses Medium in allen Fällen unter den verschie- 
densten Bedingungen bloss geschwindelt habe ; man hat 
eben die Bedingungen jedes Falles zu prüfen, und eine 
zweifellos positive Instanz kann selbst durch hundert 
negative nicht entkräftet werden. Da nun aber Privat- 
personen weder die nöthige Umsicht und Uebung im 
Experimentiren noch die nöthige Autorität gegenüber 
dem Publikum besitzen, so ist es durchaus nothwendig, 
dass Physiker, Physiologen und Psychiatriker von Ruf 
und amtlicher Stellung im amtlichen Auftrage diesem 
Erscheinungsgebiet näher treten, um unter Hinzuziehung 
von Taschenspielern längere Versuchsreihen mit ver- 
schiedenen Medien anzustellen. 

Das Publikum hat nachgerade ein Recht darauf, 
zu wissen, woran es mit diesen Dingen ist, und da es 
selbst nicht in der Lage ist, sich ein eigenes Urtheil 
zu bilden, so ist es auf das Urtheil der offici eilen Träger 
der Wissenschaft angewiesen. Diese aber lehnen es ab, 
sich mit diesen Dingen die Finger zu verbrennen, sei 
es, dass sie in der Ueberzeugung von der Unfehlbarkeit 
der bisherigen Wissenschaft a priori dekretiren zu können 
meinen, was möglich und was unmöglich sei, sei es, 
dass sie bloss nicht Lust haben, die ihnen einmal ver- 
traute Forschungs-Specialität mit einer andern zu ver- 
tauschen. Deshalb müssen die Regierungen einschreiten 
und Mittel zur Untersuchung dieses Erscheinungsgebiets 
auswerfen, da man ja auch dem Einzelnen nicht zu- 
muthen kann, die Kosten längerer Sitzungsreihen zu 
tragen. Jeder vorsichtige Mann wird es, ebenso wie 
es seinerzeit Baron Hellenbach gethan hat, ablehnen 
müssen, über die Erscheinungen ein sicheres Urtheil 
abzugeben, bevor er nicht wenigstens hundert Sitzungen 
mit verschiedenen Medien durchgemacht hat; das können 
aber nur reiche Leute durchführen, die nichts zu thun 
haben, und wenn sie das Geld- und Zeitopfer gebracht 
haben, so hat ihr Urtheil doch für keinen ausser ihnen 
selbst Gewicht. Die vorliegenden Materialien reichen bis 



jetzt entschieden nicht aus, um die Frage für spruch- 
reif zu erklären, sie reichen aber sehr wohl aus, um 
dieselbe für untersuchungsbedürftig zu erklären. 
Jede Regierung hat die Pflicht, eine unnöthige Ver- 
wirrung und Aufregung in den Köpfen ihrer Staats- 
bürger zu verhindern, wenn sie derselben durch so 
einfache Mittel wie die Niedersetzung einer wissen- 
schaftlichen Kommission vorbeugen kann. 

Der Spiritismus droht gegenwärtig eine öffentliche 
Kalamität zu werden, auf welche jede Regierung ihr 
Augenmerk zu richten hat, welche aber nicht durch 
das Verbot einer öffentlichen Diskussion auszurotten ist, 
wie man es in Russland versucht hat. Der Aberglaube 
an Geister greift epidemisch um sich und öffnet der 
Ausbeutung der Leichtgläubigkeit durch gewandte Be- 
trüger neue Mittel und Wege. Alle todtgeglaubten 
Formen mittelalterlichen Aberglaubens erwachen aus 
ihrer Gruft und drohen ihr Unwesen von Neuem zu be- 
ginnen. Die Wächter der Religion schöpfen bereits 
ernste Sorge aus diesen Vorgängen; die Vertreter einer 
geläuterten Sittlichkeit sehen ihre Bestrebungen über- 
wuchert durch den neu gestärkten transcendenten Egois- 
mus eines sinnlich- derben Unsterblichkeitsglaubens. Die 
Vorkämpfer der Aufklärung wissen zu diesen Ver- 
irrungen keine andre Stellung zu nehmen, als indem 
sie alle denselben zu Grunde liegenden Thatsachen 
rundweg abstreiten und für baaren Schwindel und Be- 
trug erklären ; dadurch erreichen sie aber nichts weiter, 
als dass von den Geistergläubigen ihre Ehrlichkeit in 
Zweifel gezogen wird und dass durch den apriorischen 
Widerspruch der Glaube zum Fanatismus emporge- 
schraubt wird. Man weiss in der That nicht, auf 
welcher Seite mehr Oberflächlichkeit, Kritiklosigkeit, 
Vorurtheil, Leichtgläubigkeit und Unfähigkeit zur Unter- 
scheidung zwischen beobachteten Thatsachen und nahe- 
liegenden Vermuthungen zu finden ist, ob bei den 
Spiritisten, die in jedem zufällig umfallenden Regen- 
schirm die Offenbarung einer Geisterhand sehen, oder 
bei den Aufklärern, welche alles für unmöglich erklären, 
was nicht zu ihrem beschränkten Weltbilde passt. Es 
ist hohe Zeit, dass diesem Zustand der Verwirrung 
durch officielle wissenschaftliche Erforschung des frag- 



— i6 — 

liehen Erscheinungsgebietes ein Ende gemacht wird, 
damit die Natur der darin sich kundgebenden Kräfte 
endlich dem Verständniss erschlossen und der Aus- 
beutung für den plumpsten Aberglauben entzogen wird. 

Da ich selbst niemals einer Sitzung beigewohnt 
habe, so bin ich auch nicht in der Lage, mir über die 
Realität der fraglichen Erscheinungen ein Urtheil zu 
bilden; ich kann nur soviel sagen, dass, wenn alles 
Berichtete wahr wäre, allerdings noch neue bisher noch 
unerforschte Kräfte im Menschen angenommen werden 
müssten, dass aber von einer Umstossung von Natur- 
gesetzen oder von einem Verlassen der Sphäre des 
Natürlichen dessenungeachtet in keiner Weise die Rede 
sein könnte. Wenn z. B. ein Medium in liegender 
Haltung an die Decke steigt, so beweist das für mich 
nicht, dass das Gesetz der Schwere in demselben durch 
übernatürliche Mächte aufgehoben sei, sondern dass 
dasselbe mit einer Kraft geladen sein muss, deren Ab- 
stossung gegen die Erde stärker ist als die Anziehung 
der Gravitation, ganz ähnlich wie diess von den Figür- 
chen aus Hollundermark unter der elektrischen Glocke 
gilt. Deshalb kann auch nur derjenige, welcher alle 
Naturkräfte nach ihrem ganzen Umfang zu kennen 
behauptet, sich erkühnen, bestimmen zu wollen, was 
möglich oder unmöglich sei, bevor er es erfahren und 
beobachtet hat; da aber solche Behauptung nur bei 
völliger Verkennung unseres beschränkten Kenntniss- 
umfangs möglich ist, so prostituiren solche apodiktischen 
Vorhersagen nur die Urtheilsfähigkeit der Forscher, 
welche sich zu ihnen hinreissen lassen. 

Von den Männern, welche sich um die Erforschung 
dieses Erscheinungsgebietes verdient gemacht haben, 
kenne ich nur zwei persönlich, Zöllner und Hellenbach. 
Zöllners Versuche sind vortrefflich arrangirt, geben die 
denkbar beste Bürgschaft gegen Taschenspielerei und 
zeigen überall die kundige Hand des gewandten Ex- 
perimentators; auch sind die Berichte über dieselben 
präcis und klar geschrieben. Es ist zu bedauern, dass 
Zöllner alles darauf ankam, seine Hypothese einer vierten 
Dimension des realen Raumes bestätigt zu sehen; doch 
kann diess den Werth der erhaltenen faktischen Re- 
sultate nicht beeinträchtigen. Leider sind aber Zöllners 



— 17 — 

Berichte in einem solchen Wust von Polemik vergraben 
und zeigen seine vier Bände „ Wissenschaftliche Abhand- 
lungen" eine so sehr an Ideenflucht grenzende Stoffver- 
wirrung, dass er in den letzten Jahren seines Lebens 
nicht mehr als klassischer Zeuge gelten kann. 

Baron Hellenbach ist ein schlagfertiger, geistes- 
gegenwärtiger Weltmann, dem man wohl zutrauen darf, 
dass er auch feinere Taschenspielereien durchschauen 
würde; nebenbei bemerkt ein Mann, der von der cha- 
rakterologischen Unzuverlässigkeit der Medien und von 
der Werthlosigkeit ihrer Offenbarungen durchdrungen 
ist. Andrerseits steht er ebenso wenig wie Zöllner den 
Erscheinungen und ihrer Deutung mit völliger Unbe- 
fangenheit gegenüber, denn wie dieser für die vierte 
Dimension, so sucht er in ihnen Bestätigungen für seinen 
metaphysischen Standpunkt des transcendentalen Indi- 
vidualismus. Aber was schlimmer ist, er hält es nicht 
für loyal, zur Kenntnissnahme der Erscheinungen von 
seinen fünf Sinnen weiter Gebrauch zu machen, als die 
Medien oder Erscheinungen dazu auffordern oder es er- 
lauben. Nun gebe ich zwar zu, dass es illoyal ist, ein 
Medium oder eine Erscheinung in brüsker Weise an- 
zupacken, weil ein schreckhaftes Erwecken aus dem 
somnambulen Zustand sehr schädliche Folgen haben 
kann; aber ich gebe nicht zu, dass es illoyal sei, die 
Gesichts- und Gehörs-Eindrücke durch vorsichtige Tast- 
wahrnehmungen, beziehungsweise Geruchswahrnehmun- 
gen zu ergänzen; ich behaupte vielmehr, dass es Pflicht 
eines Forschers sei, diese Ergänzung gegenüber der Er- 
scheinung eines sich auf 4 — 5 Zoll dem eigenen Gesicht 
nähernden Kopfes nicht zu unterlassen. Denn entweder 
fasst man durch die Erscheinung durch, oder man tastet 
einen Körper von bestimmter Beschaffenheit, sei es dass 
er Stand hält, oder unter der Hand zerfliesst; in allen 
diesen Fällen kann dem Medium dadurch kein Schade 
geschehen. Indem Hellenbach diese Pflicht nicht aner- 
kennt, hat er in meinen Augen der Möglichkeit des Betruges 
zu günstige Chancen eröffnet, um noch als klassischer 
Zeuge gelten zu können. Immerhin gehören die Sitzungs- 
Berichte Hellenbachs zu den klarsten und präcisesten, 
welche wir nächst den Zöllnerschen besitzen ; aber wenn 
sie allein ständen in der Welt, so würde ich mich nicht 

Hartmann, Spiritismus. 2 



— 18 — 

im Stande fühlen, auf dieselben gestützt von einer Re- 
gierung die Niedersetzung einer Untersuchungs-Kom- 
mission zu verlangen. 

Nun stehen jedoch diese Berichte nichts weniger 
als allein. Was die physikalischen Erscheinungen be- 
trifft, so werden sie am besten ergänzt durch die Be- 
richte von Crookes und Cox, deren ersterer durch seine 
Experimente mit Home zuerst versuchte, für das ganze 
Gebiet eine exakte Basis zu schaffen, und deren letzterer 
in seiner Schrift über die psychische Kraft den besten 
zusammenfassenden Bericht über das Gebiet der physi- 
kalischen Erscheinungen geliefert hat. Leider hat Cox 
in seinen Beobachtungen und Diskussionen das Gebiet 
der physikalischen Erscheinungen nicht überschritten, 
und Crookes hat in den bezüglichen Versuchen mit Miss 
Cook nicht dasjenige Maass von kritischer Besonnenheit 
beobachtet, welches man von einem wissenschaftlichen 
Forscher erwarten darf, indem er das Medium durch 
eine unzulängliche galvanische Bindung*) gesichert 
glaubte, zwischen abgelöster Gestaltbildung und Trans- 
figuration nicht unterschied und den Einfluss eingepflanz- 
ter Hallucinationen für das Zustandekommen einer illu- 
sorischen Transfiguration nicht in Anschlag brachte. 
Auf alle Fälle gehören die Berichte der genannten vier 
Männer zu dem Instruktivsten, was über den Gegen- 
stand geschrieben ist, und wer sich mit demselben be- 
kannt machen will thut am besten, mit der Lektüre der 
betreffenden Abschnitte zu beginnen.**) Beachtenswert!! 



®) Die Bindung durch Anfassen der Endpole , wie Crookes und 
Varley sie bei den physikalischen Sitzungen mit Mrs. Fay in Anwendung 
brachten (Psych. Stud., Jahrgang II, S. 349 — 358), darf als ausreichende 
Sicherung gelten, aber nicht das Befestigen an den Armen durch Gummi, 
wobei Münze und feuchtes Löschpapier nach hinten und oben verschoben 
werden kann, ohne das Medium am Hervortreten zu hindern (Psych. Stud., 
I, S. 341—349). 

**) Zöllner, „Wissenschaftliche Abhandlungen" (Leipzig bei L. Staack- 
mann 1878 — 1879), Bd. I, S. 725 — 729; Bd. II, Abth. I, S. 214 — 215, 
314 — 350; Abth. 2, S. 909 — 939, 1173 — 1180; Bd. III, S. 231 — 283. — 
Lazar B. Hellenbach, „Mr. Slade's Aufenthalt in Wien" (Wien bei J. C. 
Fischer & Co. 1878), 44 Seiten. Dsb., „Die Vorurtheile der Menschheit" 
III. Bd. (Wien bei L. Rosner 1880), S. 219 — 255. Dsb., „Die neuesten 
Kundgebungen einer intelligiblen Welt" (Wien bei L. Rosner 1881), 68 
Seiten. Dsb., „Geburt und Tod als Wechsel der Anschauungsformen oder 
die Doppelnatur des Menschen" (Wien bei W. Braumüller 1885), S. 109 — 



— ig — 

ist dabei jedenfalls der Umstand, dass Cox gegen die 
Geisterhypothese ist, dass Crookes und Zöllner sich 
weder für noch gegen dieselbe ausgesprochen, sondern 
erklärt haben, sich auf das Studium der Erscheinungen 
beschränken zu wollen, und dass Hellenbach mindestens 
sehr geringschätzig von dem Geistergesindel denkt, das 
thöricht genug ist, sich mit uns abzugeben. 

Der Umstand, welcher erst den Berichten dieser 
Männer ein Gewicht verleiht, welches sie als verein- 
zelt dastehende nicht besitzen würden, ist der, dass in 
den letzten vierzig Jahren zahllose Zeugen ähnliche 
und darüber hinausgehende Beobachtungen gemacht 
und veröffentlicht haben, und dass dieses Erscheinungs- 
gebiet ebenso alt ist , wie die Geschichte der Mensch- 
heit. In China und Indien, bei den sibirischen Scha- 
manen und den malayischen Zauberern, bei den Mysti- 
kern der alexandrinischen Schule und in der Urgeschichte 
des Christenthums , in den Kanonisationsprocessen der 
katholischen Heiligen und in der Geschichte der Hexen - 
processe, bei den Alchymisten und Astrologen des 
Mittelalters und bei den vagabundirenden Wunder- 
thätern der letzten Jahrhunderte — überall kehren 
ganz bestimmte typische Formen abnormer Befähi- 
gungen und Leistungen wieder.*) Je nach den An- 
sichten des Zeitalters und je nach der Lebensstellung 
der Medien werden dieselben bald Göttern, Natur- 
geistern, Elementargeistern oder Dämonen, bald der 
Macht des heiligen Geistes oder des Teufels, bald den 
Ahnengeistern, bald einer Vereinigung von Natur- 
geistern und Ahnengeistern zugeschrieben. Der heutige 
Spiritismus ist nichts als die Wiederentdeckung und 



115. — Crookes „Der Spiritualismus und die Wissenschaft". Deutsch von 
Wittig (Leipzig bei F. Wagner 1872), S. 86 — 99 und 113 — 115 (2. Auf- 
lage 1884 erschienen). — Edward W. Cox, Rechtsgelehrter, „Die Theorie 
und die Thatsachen der psychischen Kraft", Deutsch von Wittig (Leipzig 
1883). Psych. Studien, Jahrgang X, S. 120 — 129, 312 — 318, 3^2 — 37 I. 
*) Vgl. Hellenbach, „Aus dem Tagebuche eines Philosophen", IV. 
Die mystischen Naturen der Vergangenheit. Ferner Jacolliot: Le spiritisme 
dans le monde. L'initiation et les sciences occultes dans Finde (Paris 
1875). ''erty, „Die mystischen Erscheinungen der menschlichen Natur", 
2 Bde. (Leipzig und Heidelberg bei Winter, 1872). Schindler: „Das ma- 
gische Geistesleben" (Breslau bei Korn 1857) und „Der Aberglaube des 
Mittelalters" (ebd. 1858). 



20 

Wiederbelebung eines bei allen Völkern und zu alten 
Zeiten bekannten Erscheinungsgebietes, welches durch 
die Machtsprüche der Aufklärungsperiode gewaltsam 
verneint worden war; die spiritistische Erklärung der 
Erscheinungen stimmt mit derjenigen überein, welche 
der chinesische und indische Ahnenkultus denselben 
giebt, lässt aber die Vermischung mit Naturgeistern 
und Teufelsspuk bei Seite, welche unserer Zeit nicht 
mehr mundrecht ist. 

Die Aufklärungsperiode hatte gar keinen Respekt 
vor Thatsachen; sie stellte die Welt auf den Kopf, 
d. h. konstruirte a priori aus der Aufklärungsvernünf- 
tigkeit, was sein solle und dürfe und was nicht. Gegen- 
wärtig liegt diese seichtrationalistische Denkweise im 
Kampfe mit der wiedererwachten Achtung vor der 
Wirklichkeit, von welcher die schwache menschliche 
Vernunft erst zu lernen hat, was möglich ist. Die Er- 
scheinungen , auf welche der Spiritismus sich stützt, 
haben darum ein doppeltes Interesse: erstens ein 
physikalisches und psychologisches, indem sie unsere 
Kenntnisse von dem, was wirklich und demzufolge 
auch möglich ist, erweitern und vervollständigen, und 
zweitens ein historisches, indem sie uns den Schlüssel 
in die Hand geben zum kulturgeschichtlichen Ver- 
ständniss alles Wunderglaubens und Aberglaubens und 
für die natürliche und gesetzmässige Entstehung seiner 
typischen Formen. Bis jetzt steht die moderne Ge- 
schichtsforschung vor der Nekromantie, dem Fliegen 
der Wundermänner, Heiligen und Hexen und vor zahl- 
losen anderen Glaubenssätzen der Vergangenheit wie 
vor unlösbaren Räthseln ; schon die Hoffnung, für diese 
eine befriedigende Lösung zu finden, müsste den Eifer 
zur Erforschung dieses Erscheinungsgebietes anspornen, 
auch wenn es nicht ausserdem die wichtigsten Aufschlüsse 
über noch unerforschte Naturkräfte und unerforschte Ein- 
wirkungen einer Seele auf die andre verspräche. Aber es 
kommt alles darauf an, dass diese Forschung in berufene 
Hände gelegt wird, und vor allen Dingen nicht ausschliess- 
lich in den Händen solcher belassen wird, die bei diesen 
Untersuchungen durch keinerlei wissenschaftliches In- 
teresse, sondern nur durch ein Herzensinteresse an 
der Bewährung der Geisterrealität geleitet werden. 



Ohne Zweifel hat man es bei den Medien mit ab- 
normen, pathologischen Naturen und Erscheinungen zu 
thun, und muss sich klar machen, dass das Heran- 
bilden von Medien und die Veranlassung derselben zu 
Sitzungen einen schädlichen Einfmss auf deren körper- 
liche und geistige Gesundheit hat. "Wäre das Gebiet 
der mediumistischen Erscheinungen von berufenen 
Autoritäten zur Genüge durchforscht, so müsste dieser 
Umstand hinreichen, um von jeder unnützen Wieder- 
holung solcher Versuche abzumahnen. Aber dieses 
Gebiet ist bis jetzt noch so wenig durchforscht und 
klar gestellt, dass der theoretische Gewinn seiner 
Untersuchung grösser scheint, als der Schaden, welcher 
für Einzelne aus der Untersuchung erwachsen kann. 
Es ist ferner zu berücksichtigen, dass in berufenen 
Händen die Medien viel besser aufgehoben sein werden, 
als in denen von Dilettanten, weil das Verständniss 
für den gesundheitsschädlichen Einfluss der Sitzungen 
auch zur humanen Schönung und ärztlichen Kontrole 
führt, welche bis jetzt den Medien versagt sind. Die 
Erscheinungen bei kräftigen Medien würden sich vor- 
aussichtlich steigern, wenn man dieselben dahin bringen 
könnte, nicht täglich, sondern nur wöchentlich ein bis 
zwei Sitzungen zu halten; sie würden dann ihre Kraft 
auch länger konserviren und an ihrer Gesundheit viel 
geringere Einbusse erleiden, vielleicht keine grössere als 
eine gute Natur durch Ernährung wieder auszugleichen 
vermag. Ebenso wie ich principiell alle öffentlichen Schau- 
stellungen dieser Art als nicht zu duldenden Unfug ver- 
werfe, ebenso bin ich gegen das künstliche Aufsuchen von 
Medien durch Sitzungen in Privatkreisen; ich halte es 
für genügend, diejenigen Medien zur Ausbildung zu 
bringen, deren hervorragende Veranlagung sich unwill- 
kürlich manifestirt. Wenn die Regierung alle Behörden, 
Magistrate, Geistliche und Aerzte anwiese, über vor- 
kommende Fälle von spukhaftem Klopfen, Rumoren, 
Klingeln und Steinwerfen in bestimmten Grundstücken 
sofort auf das unbewusste Medium zu fahnden und 
Anzeige zu erstatten, so würde in wenigen Jahren ein 
ausreichendes Material von Medien zur Verfügung 
stehen. 

Wer sich einen raschen Ueberblick über das 



Gebiet verschaffen will, dürfte am besten thun, die 
sorgfältig und übersichtlich gearbeitete Schrift von 
W. Schneider: „Der neuere Geisterglaube" (Paderborn 
bei Schöning 1882) zur Hand zu nehmen, wenngleich 
der völlig mittelalterliche Dämonenglaube des katho- 
lischen Verfassers den Umstand ausser Acht lässt, dass 
die Heiligen und die frömmsten Söhne und Töchter 
der Kirche formell genau dieselben Erscheinungen 
zu Tage gefördert haben, wie die angeblich mit sata- 
nischer Hilfe operirenden Hexen, Geisterbanner und 
Spiritisten. Dass die Spiritisten um ihrer bösen Lust willen 
eigentlich heute noch so von der Kirche bestraft und aus- 
gerottet werden müssten, wie dereinst die Zauberer und 
Hexen, ist die gut katholische, wenn auch unausgesprochene 
Schlussfolgerung dieses Buches von 430 Seiten. Wer sich 
eingehender mit dem Gegenstand vertraut machen will, 
dem empfehle ich die Monatsschrift „Psychische Studien", 
welche ein Archiv alles Wissenswerthen aus der 
neuesten Phase des Spiritismus darstellt. In diesem 
Journal findet der Leser auch alle wichtigeren Berichte 
von Zöllner und Heljenbach abgedruckt, so wie die 
Schrift von Cox über die psychische Kraft, so dass 
diese Zeitschrift mit Ausnahme der ersten grundlegen- 
den Versuche von Crookes ebensowohl alles nöthige 
Material wie auch die Diskussion der verschiedenen 
Hypothesen vereinigt. 

Was die deutsche Philosophie bisher pro und 
contra über die Sache vorgebracht hat, ist höchst 
dürftig. Abgesehen von den schon erwähnten Schriften 
Hellenbachs sind zunächst die inzwischen verstorbenen 
drei theistischen Philosophen J. H Fichte, Ulrici und 
Franz Hoffmann zu nennen, welche mit Sang und 
Klang ins spiritistische Lager übergegangen sind, um 
von den vermeintlichen Beweisen der Spiritisten für 
die Unsterblichkeit der Seele Nutzen zu ziehen. Wundt 
hat eine kleine antispiritistische Brochure veröffentlicht, 
die gar nicht in die Diskussion der Sache selbst ein- 
greift, sondern vom Aufklärungsstandpunkt aus über 
die Probleme a priori abspricht. Vom darwinistischen 
Standpunkte aus hat Fritz Schultze theils auf die ,,Con- 
fessions of a Medium", theils auf die oben erwähnte 
Schneidersche Schrift gestützt, über das Ganze den 



Stab gebrochen in seiner Schrift „Die Grundgedanken 
des Spiritismus und die Kritik derselben" (Leipzig, 
bei Günther 1883); von den drei Vorträgen beschäftigt 
sich nur der erste (S. 3 — 130) mit dem modernen 
Spiritismus, und in diesem ist wiederum nur der 
siebente Abschnitt beachtenswerth, welcher einen 
blossen Auszug aus den „Confessions of a Medium" 
bietet, während die im achten Abschnitt an die Zöll- 
nerschen Berichte angelegte Kritik unzulänglich und 
oberflächlich ist. 

Als der Besonnensten einer zeigt sich der ver- 
storbene Schopenhauerianer Julius Frauenstädt in 
seiner Kritik der,,wissenschaftlichen Ansicht des U eberna- 
türlichen" von Wallace in der Sonntagsbeilage der „Voss. 
Ztg." 1874 No. 41 fg. Beachtenswerth als ein Hin- 
weis auf die nahen Beziehungen zwischen den älteren 
Versuchen und Hypothesen Reichenbachs und den 
mediumistischen Erscheinungen ist auch die Brochure 
von Leeser „Herr Professor Wundt und der Spiritis- 
mus", 2. Aufl., Leipzig 187g. 

Ich bin, wie gesagt, ausser Stande, über die 
Realität der ungewöhnlichen Erscheinungen ein Ur- 
theil abzugeben , halte aber die bis jetzt vorliegenden 
Zeugnisse der Geschichte und der Zeitgenossen in 
ihrem Zusammenhange für eine ausreichende Beglau- 
bigung der Annahme, dass es im menschlichen Orga- 
nismus noch mehr Kräfte und Anlagen giebt, als die 
bisherige exakte Wissenschaft erforscht und ergründet 
hat, und für eine hinlänglich dringende Aufforderung 
an die Wissenschaft, in die exakte Untersuchung dieses 
Erscheinungsgebietes einzutreten. Dagegen halte ich 
mich allerdings für zuständig, ein bedingungsweise 
geltendes Urtheil über die aus diesen Erscheinungen 
im Falle ihrer Realität zu ziehenden Schlussfolgerungen 
abzugeben , denn diess ist recht eigentlich die Aufgabe 
des Philosophen, während er das thatsächliche Material 
seiner Schlussfolgerungen und Induktionen sich von 
den exakten Wissenschaften liefern lassen muss. Ich 
glaube, dass grade auf diesem Erscheinungsgebiete, wo 
gewisse Hallucinationen für das Medium fast die un- 
entbehrliche Bedingung für das Zustandebringen .ge- 
wisser Phänomene zu sein scheinen, unddie Anwesenden 



— 24 — 

mehr oder weniger unter dem magnetischen Einfluss 
des Mediums und unter der Ansteckung seiner Halluci- 
nationen stehen, die vollständige Unbefangenheit des 
Urtheils durch häufige Theilnahme an mediumistischen 
Sitzungen mit psychologischer Nothwendigkeit beein- 
trächtigt wird, dass es für die durch häufige Sitzungen 
unter die Macht der Medien und ihrer Hallucinationen 
gerathenen Forscher sehr schwer, für die Medien selbst 
aber fast unmöglich sein muss, die aus den Erschei- 
nungen zu ziehenden theoretischen Schlussfolgerungen 
unabhängig von dem fälschenden Eindruck der durch- 
lebten Hallucinationen zu halten, und dass deshalb in 
Bezug auf die eventuellen Konsequenzen der fraglichen 
Erscheinungen ein konditional aus seiner Studirstube 
urtheilender Denker verhältnissmässig grössere Bürg- 
schaft für Unbefangenheit gewährt. 

Im Ganzen thut der Philosoph wohl daran, mit 
dem Ziehen der Schlussfolgerungen zu warten, bis das 
exakte Thatsachenmaterial ihm in ziemlich zweifelfreier 
und unbestrittener Gestalt vorliegt; wo aber die Ver- 
treter der exakten Wissenschaft grade deshalb Be- 
denken tragen, sich mit der Untersuchung eines be- 
stimmten Erscheinungsgebietes zu befassen, weil sie 
die Folgerungen scheuen, welche fast allgemein von 
Freunden und Gegnern der Sache als unabweislich an- 
gesehen werden, da muss es als ein dem Erkenntniss- 
fortschritt geleisteter Dienst erscheinen, wenn die 
philosophische Kritik diese hemmenden Vorurtheile 
zersetzt und auflöst und damit erst der unbefangenen 
wissenschaftlichen Forschung die Bahn frei macht. So- 
bald die Vertreter der exakten Wissenschaft das Ver- 
trauen gewinnen, dass der Nimbus des Uebernatür- 
lichen, den der Aberglaube um dieses Gebiet gewoben 
hat, ein vor der Kritik unstichhaltiges Vorurtheil ist, 
wird sie nichts mehr an dem Eintritt in die Unter- 
suchung desselben hindern. Sobald aber erst dieses 
allem Wunderglauben und Aberglauben zur Grundlage 
dienende Erscheinungsgebiet wissenschaftlich durch- 
forscht und natürlich erklärt sein wird, muss es noth- 
wendig die Kraft verlieren, den Wunderglauben und 
Aberglauben zu nähren und zu kräftigen, der von der 



Aufklärung nur erst gewaltsam und äusserlich unter- 
drückt, aber nicht innerlich überwunden ist. 

Es würde zu ermüdenden Wiederholungen führen, 
wenn ich bei jeder angeführten Erscheinung auf den 
Vorbehalt zurückkommen wollte, dass ich dieselbe nur 
bedingungsweise, d. h. für den Fall ihrer Realität, er- 
örtere, und dass ich für die Realität derselben keiner- 
lei Bürgschaft leisten kann und will; ich bitte daher, 
dieser Verwahrung, die hier ein für allemal ausge- 
sprochen wird, in dem Folgenden durchweg eingedenk 
zu bleiben. Zugleich bemerke ich, dass es im engen 
Rahmen einer Brochure unmöglich sein würde, die 
genauere Bekanntschaft mit den fraglichen Erschei- 
nungen zu vermitteln, und dass hierzu ein umfang- 
reicher Band erforderlich wäre. Ich muss mich schon 
aus räumlichen Rücksichten darauf beschränken, einige 
typische Formen von Erscheinungen der Erörterung 
zu Grunde zu legen und im Uebrigen auf die Quellen 
verweisen. 



2. Die physikalischen Erscheinungen. 



Wenn man verschiedene Personen prüft in Betreff 
des Maasses, in welchem ihr bewusster Wille ihre will- 
kürlichen (quergestreiften) Muskeln in der Gewalt hat, 
so erhält man sehr verschiedene Resultate. Niemand 
ist im Stande, alle unwillkürlichen Muskelbewegungen 
mehrere Minuten hindurch ganz zu unterdrücken; bei 
normalen Menschen aber schwanken diese unwillkür- 
lichen Bewegungen um eine vom bewussten Willen 
vorgezeichnete Mitte, und entfernen sich nicht allzuweit 
und nicht dauernd von dieser. Anders bei einer Minder- 
zahl von Personen, bei denen die Abweichungen von 
der beabsichtigten Haltung und Stellung mit der Zeit 
beträchtlicher werden und endlich zu ganz bedeutenden 
kombinirten Bewegungen ganz verschiedener Art 
führen. Lässt man z. B. jemand einen Faden mit daran 
geknüpftem Gewicht mit ausgestrecktem Arm über 
einen Maassstab halten, so zeigen sich bei abnormen 



— 26 — 

Naturen bald bedeutende unwillkürliche Abweichungen 
des Gewichtes von der bezeichneten Stelle. Die Physio- 
logie lehrt, dass solche unwillkürlichen Muskelbewe- 
gungen nicht von denjenigen Theilen der Grosshirn- 
rinde ausgehen, in welchen der bewusste Wille seinen 
Sitz hat, sondern von mittleren Hirntheilen, dass bei 
normalen Naturen die reflexhemmende Kraft des Gross- 
hirns ausreicht, um solche Bewegungen in praktisch 
bedeutungslose Schranken zu bannen, dass aber bei 
abnormen Naturen die relative Selbstständigkeit der 
mittleren Hirntheile gegen den Träger des bewussten 
Willens einen bedeutenden Grad erreichen kann. 

Indem die Thätigkeit dieser mittleren Hirntheile 
für gewöhnlich nur einen vorbereitenden oder aus- 
führenden Werth hat und deshalb der Regel nach für 
das menschliche Selbstbewusstsein unbewusst bleibt, 
haben wir es hier mit einer relativ unbewussten Ge- 
hirnthätigkeit zu thun, deren Resultate sich durch un- 
willkürliche Muskelbewegungen äussern. Insofern auch 
diesen mittleren Hirntheilen noch Gedächtniss, Intelli- 
genz und Begehrungen zukommen, können die Ergeb- 
nisse der von ihnen erzeugten unwillkürlichen Muskel- 
thätigkeit sehr wohl den Eindruck machen, aus einer 
intelligenten und gemüthvollen Persönlichkeit hervor- 
zugehen, trotzdem das wache Selbstbewusstsein der 
Person, welche diese Bewegungen vollzieht, von seiner 
dieselben verursachenden unbewussten Gehirnthätigkeit 
nichts weiss. Ja sogar, die betreffende Person braucht 
nicht einmal ihre unwillkürliche Muskelthätigkeit zu em- 
pfinden, kann also mit gutem Gewissen leugnen, der 
geistige Urheber und der körperliche Vermittler der 
eintretenden Erscheinungen zu sein und kann doch in 
beiderlei Hinsicht deren alleinige Ursache sein. Diese 
Theorie der unwillkürlichen Muskelthätigkeit und un- 
bewussten Gehirnthätigkeit ist zuerst von dem eng- 
lischen Physiologen Carpenter aufgestellt und näher 
entwickelt,*) und darf gegenwärtig als ziemlich allge- 
mein anerkannt gelten. Carpenter hat nur den Fehler 
begangen , seine Theorie für eine erschöpfende Er- 
klärung aller mediumistischen Erscheinungen zu halten 



s ) Psych. Stud. I, S. 174, 218, 269, 316, 363, 462, 509 u. fg 



und die Forscher, welche, wie Crookes, diesen Anspruch 
widerlegten, in illoyaler Weise zu bekämpfen. 

Wenn sich mehrere Personen im Dunkeln in ge- 
spannter Erwartung mit aufgelegten Händen um einen 
Tisch setzen, so wird häufig die eine oder die andre 
-derselben eine abnorme Natur in dem Sinne sein, dass 
sie nach einiger Zeit unwillkürliche Muskelthätigkeit 
entwickelt und den Tisch bewegt, obwohl sie darauf 
schwören kann, dass sie ihn nicht hat bewegen wollen 
und nichts von unwillkürlichen Muskelbewegungen ihrer 
Arme und Hände gespürt hat. Will man dahinter 
kommen, wer die Person im Kreise ist, so hat man 
nur nöthig, den Tisch anzureden und ihm vorzuschlagen, 
dass einmaliges Klopfen Nein, zweimaliges Ungewiss- 
heit und dreimaliges Klopfen Ja bedeuten solle. Hat der 
Tisch dieser Verabredung durch dreimaliges Klopfen zu- 
gestimmt, so fragt man denselben weiter, ob A, ob B, ob 
C das Medium sei, bis man statt der verneinenden eine 
bejahende Klopfantwort erhält. Dann thut man gut, 
weiter zu fragen, ob die Reihenfolge der Theilnehmer 
für das Zustandekommen der Erscheinungen günstig 
sei, oder wie sie geändert werden müsse, um das 
Medium von störenden Einflüssen zu befreien, oder ob 
ein störendes Mitglied aus dem Kreise ausscheiden 
solle. In den Antworten spiegelt sich die unbewusste 
Antipathie und Sympathie des Mediums mit den übri- 
gen Anwesenden, und die Erscheinungen werden nach 
Befolgung dieser Anweisungen um vieles deutlicher. 
Man kann alsdann dazu übergehen, das Alphabet ab- 
klopfen zu lassen, d. h. die Gruppenziffer von Klopf- 
stössen als Ordnungszahl eines Buchstabens im Alpha- 
bet zu deuten, und dadurch freilich in sehr umständ- 
licher Weise jede Unterhaltung mit den unbewusst 
fungirenden Hirntheilen des Mediums zu führen. 

Schneller geht die Unterhaltung von Statten, wenn 
man die unwillkürliche Arm- oder Handbewegung gleich 
zum Aufzeigen der Buchstaben verwerthet, z. B. den 
Faden mit Gewicht über einem im Kreise aufgezeich- 
neten Alphabet hängen lässt, *) oder den unwillkür- 



*) Ganz ähnlich den Bewegungen eines solchen hängenden Fadens 
ist in ihrer Entstehung die Bewegung der Wünschelruthe, nur dass die 



liehen Druck auf die Unterlage der Hand auf einen 
Zeiger überträgt, der sich über einer Scheibe mit 
Alphabet dreht, oder auf eine drehbare Scheibe mit 
festem Zeiger. In jedem Falle müssen die unbewusst 
fungirenden Hirntheile des Mediums sich erst auf die 
gestellten Bedingungen einüben, und machen vor er- 
langter Uebung viele Buchstabirfehler , zu deren Be- 
richtigung grosse Geduld gehört. 

Noch schneller als mit solchen sogenannten 
„Psychographen" oder „Spiritoskopen" geht die Unter- 
haltung, wenn das Medium direkt mit Feder oder 
Stift schreibt. Dieses unwillkürliche Schreiben ist bei 
Irren häufig konstatirt ; tritt es bei gesunden Personen 
ein, so nennt man dieselben „Schreibmedien". Oft sind 
die Schreibmedien nur mit der linken Hand im Stande, 
unwillkürliche Schrift hervorzubringen, und diese ist 
dann meist Spiegelschrift. Manche liefern auch mit 
der rechten Hand Spiegelschrift, wenn sie unwillkür- 
lich schreiben. Bei den meisten zeigt die unwillkür- 
liche Handschrift eine von ihrer gewöhnlichen ab- 
weichende Physiognomie, und manchmal ähnelt dieselbe 
der Handschrift derjenigen Personen, als deren Kund- 
gebung der Inhalt des Geschriebenen sich darbietet. 
Das unwillkürliche Schreiben findet häufig bei vollem 
Bewusstsein, mitten in einer munteren Unterhaltung 
statt, und anscheinend so mechanisch und gedankenlos, 
wie ein inhaltloses Fingerspiel. Zur Unterhaltung ist 
es weniger geeignet als die Klopfsprache oder die Be- 
nutzung des Psychographen , weil es mehr seinen 
eigenen Launen und träumerischen Bahnen folgt, und 
absichtlichen Täuschungen den breitesten Spielraum 
gewährt. 

Neben dem unwillkürlichen Schreiben ist hier 
noch gleich das unwillkürliche Sprechen zu erwähnen, 



letztere nicht zum Aufzeigen von Buchstaben sondern zum Sichtbarmachen 
der sensitiven Empfindungen niederer Nervencentra durch unwillkürliche 
Muskelreflexe benutzt wird, insbesondere zum Sichtbarmachen der dunkeln 
unklaren Empfindungen, welche in Sensitiven durch die Nähe von Wasser 
oder Metallen erregt wird. Das Problem der Wünschelruthe, welche bei 
Quellensuchern (Ps. St. VI, 483 — 486) und Schatzgräbern eine so wichtige 
Rolle spielt, ist bereits durch Reichenbach (in seinem Werk „Der sensitive 
Mensch") endgültig gelöst. 



das jedoch meist nur bei Bewusstlosigkeit des wachen 
Menschen, also in einem Zustande der Verzückung oder 
Ekstase (Trance) vorkommt. Sowohl auswendig gelernte 
Reden und Dichtungen werden in dieser Weise recitirt, 
als auch freie Vorträge und Predigten gehalten meist 
über religiöse oder sonst dem Herzen wichtige Gegen- 
stände mehr idealen Gehalts. Das „Zungenreden" der 
ersten Christengemeinden ist nur als unwillkürliches 
Sprechen in einer religiös motivirten Ekstase zu ver- 
stehen. Die Sprachmuskeln werden hierbei ebenso wie 
beim Schreiben die Handmuskeln durch unbewusste 
Gehirnthätigkeit mittlerer Centralorgane innervirt, und 
die Stimme nimmt hierbei ebenso wie dort die Hand- 
schrift einen veränderten Klang und Tonfall an, der 
sich dem Stimmklang einer bestimmten Person an- 
nähert, wenn das Medium die Illusion hat, dass diese 
Person aus ihm spreche. 

Bei den Sprechmedien ist es ganz klar, dass man 
mit einem sonnambulen Zustande *) zu thun hat, dessen 
Auftreten durch psychische Erregung bedingt ist; bei 
den Schreibmedien kann während des Schreibens ein 
für die Aussenwelt unempfindlicher Trance -Zustand 
ohne waches Bewusstsein und Selbstbewusstsein be- 
stehen, es kann aber auch das wache Bewusstsein 
anscheinend ungestört fortbestehen und und sich in 
munterer Unterhaltung bethätigen, während gleich- 
zeitig die unbewusste Thätigkeit der mittleren Hirn- 
theile das unwillkürliche Schreiben bewirkt. Hier sind 
nnn zwei Fälle möglich: entweder die fragliche unbe- 
wusste Hirnthätigkeit ist ein absolut unbewusster, rein 
materieller Vorgang, der vorgezeichnete mechanische 
Bahnen verfolgt und nur darum in seinem Ergebniss 
den Schein bewusster Intelligenz hervorruft, weil die 
mechanisch durchlaufenen Bahnen in früheren Fällen 
durch relativ bewusste psychische Thätigkeit geebnet 
und vorgezeichnet sind, oder aber es besteht neben 
und hinter dem wachen Bewusstsein ein sonnambules 
Bewusstsein, welches diese mechanischen materiellen 



*) Vgl. meinen Aufsatz „Der Somnambulismus" (in „Nord und Süd" 
1885), welcher die Ergänzung zu dieser Schrift bildet. 



Hirnprocesse begleitet und mit wirklicher Intelligenz 
durchleuchtet. 

Wenn das unwillkürliche Schreiben nur Auswendig- 
gelerntes wiedergäbe, oder Bruchstücke von Gedächt- 
nissmaterial in zufälliger, intelligenzloser Weise ver- 
knüpfte, so würde die erste Seite der Alternative aus- 
reichend sein und als die einfachere Annahme den 
Vorzug verdienen. Da aber bis zu einem gewissen 
Grade das Walten einer productiven Phantasie und 
einer ordnenden Intelligenz in diesen Produktionen un- 
verkennbar ist, so wird man sich für das Zusammen- 
bestehen zweier Bewusstseine in verschiedenen Hirn- 
theilen entscheiden müssen. Diese Erscheinung werden 
wir also zwar Sonnambulismus nennen müssen, aber 
larvirten, d. h. für den Draussenstehenden durch 
die Fortdauer des wachen Bewusstseins verhüllten, ver- 
schleierten und unkenntlich gemachten Sonnambulismus. 
Dieser larvirte Sonnambulismus ist als ein Uebergangs- 
zustand zwischen der Alleinherrschaft des wachen 
Bewusstseins und derjenigen des sonnambulen Bewusst- 
seins zu betrachten, und kann die verschiedensten 
Grade in dem Helligkeitsverhältniss beider Bewusst- 
seine durchlaufen; von dem ersten Auftauchen des 
sonnambulen Bewusstseins über die Schwelle, bei wel- 
chem das wache Bewusstsein noch gar nicht alterirt 
scheint, führt diese Stufenfolge durch halbträumerische 
Zustände von gestörter Besonnenheit und Zurechnungs- 
fähigkeit (wie sie beim zweiten Gesicht vorkommen) 
bis zum vollen Erlöschen der Empfindung des wachen 
Bewusstseins hindurch. *) 

Was wir bisher mit Carpenter unconscious cere- 
bration nannten, können wir also ebenso gut sonnam- 



*) Dieser larvirte Sonnambulismus spielt auch bei Sehern und Mysti- 
kern eine noch nicht genug beachtete und erforschte Rolle. Je mehr die 
Virtuosität des zweiten Gesichtes oder der mystischen Intuition sich aus- 
bildet, desto mehr schwindet die zuerst bestehende Nothwendigkeit, dass 
das normale Bewusstsein erlösche, damit der ekstatische Zustand eintreten 
könne, und von einem gewissen Grade der Virtuosität an beherrschen die 
Seher und Mystiker den Eintritt des ekstatischen Schauens derart, dass er 
mit dem normalen Bewusstsein zugleich und in Wechselwirkung besteht. 
Bei Andrew Jackson Davis z. B. sind die Perioden des offnen und larvirten 
Sonnambulismus als aufeinander folgende Abschnitte seiner Laufbahn zu 
verfolgen. 



bule Bewusstseinsthätigkeit nennen, und behaupten, 
dass die unwillkürlichen Muskelbewegungen der Medien, 
insoweit sie durch ihre Ergebnisse eine mitwirkende 
Intelligenz verrathen, durch sonnambule Bewusstseins- 
thätigkeit verursacht und geleitet sind, sei es, dass 
dieses sonnambule Bewusstsein durch Erlöschen des 
wachen Bewusstseins für die Draussenstehenden zu 
Tage trete, sei es, dass es durch Fortbestand des wachen 
Bewusstseins larvirt sei. Unter einem Medium werden 
wir ein Individuum zu verstehen haben, welches von 
selbst durch zufällige oder durch selbstgesetzte psychische 
Erregungen in offenkundigen oder larvirten Sonnam- 
bulismus verfällt. In offenkundigen Sonnambulismus 
pflegen die Medien zu verfallen: erstens beim unwill- 
kürlichen Sprechen, zweitens zur Produktion von 
physikalischen Erscheinungen, welche eine ganz beson- 
dere Anspannung von Nervenkraft erfordern, und 
drittens zur Einpflanzung von Hallucinationen in die 
Anwesenden, wozu eine besondere Intensität der 
Hallucinationen in den Medien selbst Vorbedingung zu 
sein scheint. Die meisten der übrigen Erscheinungen 
vollziehen sich im Zustande eines larvirten Sonnam- 
bulismus, und grade dieser Zustand ist es, der sowohl 
die unkundigen Zuschauer, wie auch die Medien selbst 
über die Ursachen der Erscheinungen am allerleichte- 
sten in Täuschungen wiegt. Darum ist das Verständ- 
niss des larvirten Sonnambulismus der Schlüssel zum 
ganzen Gebiete der mediumistischen Erscheinungen. 

Charakteristisch für die Medien ist ferner, dass sie 
Autosonnambule sind, d. h. dass sie ohne den Einfluss 
eines Magnetiseurs und ohne Benutzung mechanischer 
Hilfsmittel, also unter blosser Anwendung psychischer 
Hilfen, sich in den (gleichviel ob larvirten oder offen- 
kundigen) Sonnambulismus versetzen. Diese Selbstver- 
setzung in Sonnambulismus zur verlangten Zeit ist es 
grade, welche beträchtliche Uebung erfordert , ehe sie 
mit einiger Sicherheit auf den Wunsch fremder Leute 
zu Gebote steht, und sie ist es auch, die am leichtesten 
versagt und Fehlsitzungen herbeiführt. Die Unter- 
suchungen Fahnestocks haben gezeigt, dass in jedem 
Menschen die Fähigkeit schlummert, sich durch bloss 
psychische Hilfsmittel willkürlich in Autosonnambulis- 



mus zu versetzen , und dass viele Menschen durch 
Uebung dahin gelangen können , diesen Uebergang zu 
jeder Zeit ziemlich schnell zu bewirken. Sie haben 
ferner gezeigt, dass man sich aus diesem Zustande durch 
blosse Willenskraft willkürlich aufwecken kann, dass 
man aber auch die Aufweckung willkürlich nur für 
gewisse Körpertheile (z. B. bloss den Kopf, oder bloss 
den Oberkörper, oder bloss den Kopf und eine Körper- 
hälfte) vollziehen kann, ja sogar dass man den ganzen 
Körper mit Ausnahme eines einzigen Gliedes aus dem 
sonnambulen Zustand erwecken kann.*) 

Die Wirkung ist in solchem Falle die, dass das 
wache Bewusstsein wieder funktionirt und sein be- 
wusster Wille die Herrschaft über die erweckten 
Körpertheile wieder antritt, dass aber die noch nicht 
erweckten Körpertheile der Herrschaft des bewussten 
Willens nach wie vor entrückt und ausschliesslich der 
Herrschaft des sonnambulen Bewusstseins unterworfen 
bleiben, während sie bei dem Mangel jeglichen Im- 
pulses aus den sonnambulen Hirntheilen kataleptisch 
erscheinen. Diese merkwürdige Erscheinung des lokal- 
beschränkten oder lokalaufgehobenen Hynotismus findet 
in den neuesten französischen Forschungen über den 
Sonnambulismus ihre Bestätigung. Die Uebung führt 
nach Fahnestock endlich dahin, dass man einzelne 
Körpertheile direkt dem bewussten Willen und der 
bewussten Empfindung entrücken und in einen an sich 
kataleptischen, thatsächlich aber für jeden Innervations- 
impuls des sonnambulen Bewusstseins empfänglichen 
und willfährigen Zustand versetzen kann, In diesem 
Zustand, der sich durch Abnahme der Hauttemperatur 
des betreffenden Gliedes erkennbar macht, hört jede 
Konkurrenz zwischen den Innervationsimpulsen der 
sonnambulen Hirntheile und den Reflexhemmungen 
und Willkürakten des wachen Bewusstseins auf, so 
dass das betreffende Glied allein und ausschliesslich 
den sonnambulen Impulsen dienstbar ist. 

Dieser Zustand lokaler Katalepsie für das wache 



*) Statuvolence oder der gewollte Zustand von Dr. med. Wm. Baker 
Fahnestock, deutsch von Wittig (Leipzig bei Mutze 1883). Psych. Stud. 
X, S. 115 — 120, 169, 173, 204. 



Bewusstsein kann um so leichter eintreten, wenn ohne- 
hin schon ein allgemeiner Zustand des larvirten Son- 
nambulismus besteht, den Fahnestock nicht kennte 
solche lokale Katalepsie und Empfindungslosigkeit muss 
aber für das Medium selbst die Täuschung zu einer 
vollständigen machen, dass die Verrichtungen, welche 
es auf Grund sonnambuler Innervationsimpulse mit 
diesem Gliede vollzieht, durchaus nicht von ihm voll- 
zogen seien. Es ist eine immer wiederkehrende 
Beobachtung, dass die Hand eines Mediums, welche 
durch noch unerforschte Nervenkräfte ungewöhnliche 
Erscheinungen hervorbringt (z. B. fernwirkende Schrift 
ohne Berührung des schreibenden Stiftes), kühl wird,, 
und dass das Kühlwerden regelmässig dem Beginn 
der Erscheinungen unmittelbar vorhergeht (Ps. St. XI, 
498). Bei ganz besonderen Erscheinungen, z. B. dem 
Durchdringen des Armes des Mediums durch einen 
eisernen Ring, wird berichtet, dass die Hände des 
Mediums so kalt geworden seien , wie die einer auf 
Eis gelegten Leiche (Ps. St. III, 55). 

Dabei ist aber der Uebergang eines Gliedes in 
den kataleptischen oder hypnotischen Zustand bet 
Medien als eine nicht durch Willkür bedingte, sondern 
unwillkürlich im Hinblick auf das Ziel des sonnam- 
bulen Bewusstseins herbeigeführte Erscheinung anzu- 
sehen. Das wache Bewusstsein und sein bewusster 
Wille giebt dem Medium nur erstens den Impuls, sich 
in den larvirten oder offenen Sonnambulismus zu ver- 
setzen, und zweitens die allgemeine Direktive, welche 
Art von Erscheinungen gewünscht und erwartet wird;, 
das in Thätigkeit gesetzte sonnambule Bewusstsein be- 
rücksichtigt wohl bis zu einem gewissen Grade diese 
AVünsche und Direktive, oft aber auch gar nicht, und 
selbst da, wo es denselben Rechnung trägt, pflegt doch 
gewöhnlich ein etwas andres Ergebniss als das er- 
wartete einzutreten, das dann meist hinter den Erwar- 
tungen zurückbleibt, manchmal aber auch dieselben 
überflügelt. Wie das sonnambule Bewusstsein des 
Mediums es anfängt, die Ziele, welche es sich mit oder 
ohne Berücksichtigung der Wünsche des wachen Be- 
wusstseins steckt, zur Ausführung zu bringen, d. h. wie 
es zur Herrschaft über die unwillkürliche Muskel- 
Hartmann, Spiritismus. -i 



— 34 — 

thätigkeit und die noch unerforschten Kräfte des Orga- 
nismus gelangt, davon wissen wir noch ebenso wenig, 
als wie der bewusste Wille es anfängt, zur Herrschaft 
über die willkürlichen Muskelbewegungen und den 
thierischen Magnetismus zu gelangen. Sicher ist, dass 
auch hier die Uebung einen grossen Einiluss hat, dass 
aber auch andrerseits bei völlig ungeübten Medien 
ganz unwillkürlich die überraschendsten Erscheinungen 
eintreten können, bei welchen die Medien selbst gar 
keinen Zusammenhang mit ihrer Person ahnen. 

Ein universelles Medium muss mehr sein als ein 
Autosonnambuler, es muss zugleich ein kräftiger 
Magnetiseur sein. Es giebt starke Magnetiseure , die 
selbst keine Anlage zum Sonnambulismus haben, solche 
heissen dann nicht Medien, weil ihr sonnambules Be- 
wusstsein von ihrem bewussten Willen niemals so weit 
befreit wird, dass es zur Produktion mediumistischer 
Leistungen gelangt. Ihre Wirkungen beschränkten sich 
dann darauf, andere Personen lokal oder total zu 
magnetisiren und im letzteren Falle sonnambul zu 
machen; aber es ist die Frage, ob man nicht auch 
ihren bewussten Willen dazu erziehen könnte, ihre 
magnetische Kraft auf andere als lebende Objekte zu 
richten, und ob es nicht auf diese Weise gelingen 
würde, wenigstens einen Theil der mediumistischen 
Erscheinungen mit bewusstem Willen hervorzubringen. 
Dabei kann es sich natürlich nicht um die bisher be- 
sprochenen Wirkungen unwillkürlicher Muskelthätigkeit 
handeln, sondern um ein anderes Gebiet physikalischer 
Erscheinungen, deren Versuchsbedingungen so ein- 
gerichtet sein müssen, dass die Mitwirkung unwill- 
kürlicher Muskelthätigkeit zweifellos ausgeschlossen 
bleibt. 

Als das Grundphänomen dieses Gebietes betrachte 
ich folgendes. Aus zwei Kugeln von Lindenholz von 
je 7 cm Durchmesser, einem dünnen Stäbchen von 
30 cm Länge und einem Pferdehaar konstruirte sich 
Dr. R. Friese in Breslau eine horizontale Drehwaage. 
Nähert ein Medium von kräftiger physikalischer 
Wirkungsfähigkeit die Fingerspitzen einer Hand einer 
der beiden Kugeln, so findet eine, allerdinds ausser- 
ordentlich geringe Abstossung statt. Hat jedoch das 



— OD — 

Medium die betreffende Kugel vorher eine Minute mit 
der Hand umschlossen oder auch nur angehaucht, so 
findet zwischen der Hand und der Kugel nunmehr 
eine Anziehung statt, die viel kräftiger ist als vorher 
die Abstossung, so dass es leicht ist, die Kugel lang- 
sam im Kreise herumzuziehen (Ps. St. VIII, 381). Diese 
Versuche müssten zunächst von Anderen wiederholt 
und erweitert werden, insbesondere das Verhalten 
zweier in der Hand gehaltenen Kugeln von verschie- 
denen Drehwaagen gegen einander beobachtet werden. 
Die Versuche sind nur so zu deuten, dass die Hand 
des Mediums mit einer Kraft geladen ist, welche auf 
die neutrale, d. h. ungeladene Holzkugel abstossend 
wirkt, auf die gleichnamig geladene aber in weit 
höherem Grade anziehend. Dieses Verhalten ist analog 
aber umgekehrt wie bei der Reibungselektricität und 
dem Magnetismus. 

Die Verwandtschaft der fraglichen Kraft mit der 
Reibungselektricität zeigt sich unter andern auch in 
der Abhängigkeit beider von dem Feuchtigkeitsgehalt 
der Luft und in der von Reichenbach, Fechner, *) Zöllner 
und vielen andern konstatirten Fähigkeit der Medien 
zur stürmischen Beunruhigung der eingeschlossenen 
Magnetnadel ohne Berührung. Ein Magnetiseur besitzt 
die Fähigkeit, einen Menschen derart zu laden, dass 
zwischen ihm und dem metallenen Bettgestell, von dem 
er durch eine wollene Decke isolirt ist, bei zufälliger 
Annäherung eines Körpertheiles kräftige Funken ent- 
ladung stattfindet; diess habe ich an mir selbst unter 
vorsichtiger Prüfung des Magnetiseurs und seiner Um- 
gebung konstatirt,**) und lasse dahin gestellt, ob es 
sich dabei um explosive Ausgleichungen der mediumi- 
stischen Nervenkraft selbst, oder um vorherige Um- 
wandlung dieser Kraft in Elektricität handelt. Elek- 
trisches Knistern ist eine der gewöhnlichsten und 
häufigsten Erscheinungen bei mediumistischen Sitzungen. 
Die nächste Aufgabe des Experiments müsste sein, das 



*) „Erinnerungen an die letzten Tage der Odlehre und ihres Ur- 
hebers" (Leipzig bei Breitkopf & Härtel, 1876). 

**) Phil. d. Unb. 1. Aufl., S. 132 — 133; 9. Aufl., Bd. I, S. 151 
bis 152. 

3* 



- 36 — 

Verhalten der fraglichen Kraft erstens zu den Polen 
frei aufgehängter grosser Stabmagneten, zweitens zu 
dem Elektroskop, drittens zu den freischwebenden be- 
weglichen Drähten, die von galvanischen Strömen durch- 
flössen sind, und viertens zur Stromstärke galvanischer 
Ströme in festen Leitungen zu untersuchen, und es ist 
gradezu unbegreiflich und das schlimmste Zeichen für 
die wissenschaftlichen Interessen der Spiritisten, dass 
noch niemand auch nur den Versuch gemacht hat, diesen 
Fragen näher zu treten. 

Eine grosse Zahl der mediumistischen Erscheinungen 
beschränkt sich auf das Hinrutschen der Gegenstände 
zum Medium. Das Abgestossenwerden der Objekte 
soll auch vorkommen, aber viel seltener sein. Cox sah 
das erstere niemals, das letztere sehr häufig und hat 
es recht anschaulich beschrieben. Er vergleicht die 
Bewegungsart der Objekte mit derjenigen von Stahl- 
stücken, die auf einer Ebene von einem Magneten an- 
gezogen werden: „Zuerst erheben sie sich ein wenig, 
fallen nieder, bewegen sich vorwärts, halten an, bis sie 
sich innerhalb des Einflusses der magnetischen Kraft 
befinden, und dann hüpfen sie zum Magneten (resp. 
Medium) mit einem plötzlichen Sprung" (Ps. St. X, 
127 — 128). Stühle sah er in dieser Weise von 6 bis 
10 Fuss Entfernung auf das Medium zurutschen, Arm- 
stühle und Sophas 2 — 3 Fuss fortrücken; einmal sah 
er einen 14 Fuss entfernten schweren Armstuhl an das 
Medium herankommen. Je kräftiger ein Medium ist, 
desto grösser ist die Sphäre seiner Wirksamkeit, aber 
immer ist sie begrenzt, und die zu überwindenden 
Schwierigkeiten sind nicht proportional der Grösse, 
sondern dem Gewicht den Gegenstände. Die Frage ist 
dabei, wie das Medium es anfängt, einen bestimmten 
entfernten Gegenstand mit seiner Kraft zu laden; wel- 
che Wege schlägt die Kraftübertragung ein und mit 
welchen Mitteln wird sie geleitet? Auch hier könnten 
Experimente (Isolirung des Mediums vom Fussboden, 
Zwischenstellung verschiedener Stoffe zwischen Me- 
dium und anzuziehendes Objekt u. s. w.) Aufschluss 
geben. 

Dass es sich hierbei weder um Muskelthätigkeit 
noch um unmittelbare geistige Einwirkung des Mediums 



auf die materiellen Objekte handeln kann, sondern nur 
um eine physikalische Kraft, welche unter psychischer 
Anregung durch das Nervensystem des Mediums 
producirt wird, ist klar. Es scheint deshalb unver- 
ständlich, warum Cox dieser Kraft die irreleitende 
Benennung „psychische Kraft" statt „Nervenkraft" 
gegeben hat, da er selbst sie ausdrücklich für eine 
physikalische (also nicht psychische Kraft) erklärt, die 
er durch die Bezeichnung „psychische Kraft" nur von 
der Muskelkraft unterscheiden wolle (Ps. St. X. 
213—214). 

Einen weitergehenden Einfiuss als blosse Abstossung 
und Anziehung zwischen Medium und Objekten zeigt die 
Nervenkraft des Mediums, indem sie das dynamische 
Verhältniss zwischen den Objekten und der Erde ver- 
ändert. Wie vorher die Drehwaage , hat hier die 
Waage das Grundphänomen zu konstatiren, und hat 
sich dabei Crookes und die meisten anderen Experi- 
mentatoren der Federwaage bedient. Es ist die Frage, 
ob nicht für freie Versuche die Schaalenwaage oder 
Hebelwaage den Vorzug verdiente, um zunächst fest- 
zustellen , ob und in welchem Maasse kleinere Holz- 
kugeln durch Laden mit mediumistischer Nervenkraft 
ihr Gewicht verändern können. Sehr empfehlenswerth 
ist es, bei allen Versuchen, wie Crookes es gethan hat, 
selbstregistrirende Apparate an den Waagen anzubringen, 
weil nur die bleibende mechanische Aufzeichnung des 
Apparates selbst gegen den Verdacht sicher stellt, dass 
der Ablesende unter dem Einfiuss einer ihm vom Me- 
dium eingepflanzten Hallucination gestanden habe. 
Um den Einfluss unwillkürlicher Muskelthätigkeit aus- 
zuschliessen, hat Crookes zwei ineinandertauchende 
Wassergefässe über dem festen Drehpunkt des Brettes 
angebracht, dessen Ende von der Federwaage getragen 
wurde, und hat das Medium seine Hand in das Wasser 
des obersten, festen Gefässes tauchen lassen.*) Andre 
haben einen Tisch an der Drehwaage aufgehängt und 
die Hände des oder der Medien, welche auf umgedrehten 
vStühlen knieen mussten, in einiger Entfernung vom Tisch 
halten lassen. So sah Cox das Gewicht eines 8 Pfd. 



■■) Crookes: „Der Spiritualismus und die Wissenschaft." S. S6 — 99. 



schweren Tisches zwischen 5 und 85 Pfd. schwanken, 
je nachdem man wünschte, dass er schwer oder leicht 
sei (Ps. Pt. X. 127); Chambers und Owen sahen einen 
121 Pfd. schweren Tisch unter gleichen Bedingungen 
zwischen 60 und 144 Pfd. schwanken.*) Von indischen 
Fakirs wird folgende Leistung berichtet: In Blumen- 
töpfe wird Erde geschüttet, in diese kleine Stäbchen 
senkrecht eingesteckt, auf diese werden durchbohrte 
Papierblätter geschoben; nach einigen Minuten beginnen 
die Blätter an den Stäbchen langsam und zitternd auf 
und nieder zu steigen, während der Fakir mehrere Fuss 
entfernt sitzt. Die Gegenstände werden vom Fakir 
weder mitgebracht in das Haus, in welchem er Sitzung 
hält, noch überhaupt berührt. Es ist eine sehr gewöhn- 
liche Erscheinung in mediumistischen Sitzungen, dass 
der Tisch, mit allem was darauf ist, sich erhebt, oder 
dass einzelne Personen mit dem Stuhl, auf dem sie 
sitzen, ein Stück emporgehoben werden, entweder ohne 
Berührung des Mediums oder mit Berührung desselben 
in einer Stellung und Haltung, welche nicht geeignet 
ist, um derartige Erscheinungen durch Muskelthätigkeit 
hervorzubringen. Sonnambule im Bade zeigen bisweilen 
eine Gewichtsverminderung gegen ihren normalen Zu- 
stand, welche genügt, sie bei Eintauchung eines ziem- 
lich geringen Bruchtheils ihres Körpers schwimmend 
zu erhalten, und die Hartnäckigkeit, mit welcher ganze 
Jahrhunderte an der Wasserprobe der Hexen fest- 
gehalten haben , deutet darauf hin , dass die Hexen, 
wenn sie aus Angst in Reflexhypnose verfielen, bis- 
weilen eine Gewichtsverminderung erlitten. Auf eben 
dieser Gewichtsverminderung im ekstatischen Zustande 
beruht auch die „Hexenwäage" oder die direkte Ge- 
wichtsprobe, welcher die Hexen unterzogen würden. 
Endlich wird von Medien berichtet, welche selbst in 
die Luft gestiegen sind, theils in Dunkelsitzungen, wo 
sie etwas an die Decke schrieben, theils auch bei ge- 
dämpftem Gaslicht (Ps. St. VI, 566). Dieses Fliegen 
wird auch von Jamblichus, Faust, von verschiedenen 
Hexen und Heiligen, in besonders stark beglaubigter 



*) Owen : „Das streitge Land", deutsch von Wittig (Leipzig, Mutze 
1876) I, 109— 1 10; Ps. St. II, 113. 



— 39 — 

Weise von dem zwei Jahre nach seinem Tode heilig 
gesprochenen Joseph von Copertino berichtet, der sogar 
zweimal eine andre Person mit in die Höhe genommen 
haben soll (Ps. St. IV, 241 fg.). Unter allen Umständen 
scheint das Emporsteigen des Mediums von einem völlig 
sonnambulen Zustande desselben bedingt zu sein; da 
dieser aber auch zur Uebertragung von Hallucinationen 
auf die Zuschauer der geeignetste ist, und das Empor- 
fliegen des Mediums meist erst nach mehreren Sitzungen 
mit demselben Cirkel und dann erst am Schlüsse der 
Sitzung einzutreten pflegt, wo auch die Anwesenden 
für Hallucinationseinpflanzung empfänglicher geworden 
sind, so bedarf es hier ganz besonders einer Beglaubi- 
gung der objektiven Realität der Beobachtung durch 
bleibende Merkzeichen. *) 

Die fraglichen Erscheinungen sind nur durch eine 
Polarität der Nervenkraft nach Analogie der Reibungs- 
elektricität erklärbar. Handelte es sich nur um eine 
der Gravitation entgegenwirkende Abstossung geladener 
Körper gegen die Erde, so könnte man mit einer ein- 
fachen Kraft auskommen; da aber die dynamischen 
Beziehungen der mit Nervenkraft geladenen Körper 
zur Erde bald gleichgerichtet mit der Gravitation, bald 
derselben entgegengesetzt sind, so scheint eine doppelte 
Art der Ladung angenommen werden zu müssen, wel- 
che von dem sonnambulen Willen des Mediums abhängt. 
Man wird den Rückschluss machen dürfen, dass auch 
bei der Anziehung und Abstossung der Objekte durch 
das Medium eine doppelte Art der Ladung anzunehmen 
ist, da die Abstossung des Mediums gegen alle neu- 
tralen Körper die gleiche sein müsste. Die Erklärung 
durch eine polarische Kraft ist schon von den alten 
Indern aufgestellt worden, welche behaupten, dass die 
Aufhebung der Schwerkraft und ihre Umwandlung in 
eine Steigkraft durch eine Umkehrung der Polarität 
des Körpers zu Stande komme. Man wird hierbei 
daran erinnern dürfen, dass Zöllner versucht hat, die 
allgemeine Gravitation aus statischen Wirkungen der 



r '') Einem Somnambulen die Hallucination zu erwecken, dass der 
Magnetiseur im Zimmer herumfliege, ist ganz leicht (Psych. Stud. III,. 
536—537)- 



— 4Q — 

Elektricität zu erklären*) und dassbei aller Verschieden- 
heit der verschiedenen Naturkräfte dieselben doch 
zweifellos nur Ableitungen aus den gleichen Urkräften 
sind. Liesse man Zöllners Ansicht gelten und dächte 
man sich, dass die Nervenkraft den statisch- elektrischen 
Zustand des Körpers , von welchem seine Gravitation 
abhängt, veränderte, so hätte man es in der That mit 
einer Kraft zu thun, welche nicht bloss die Wirkung 
der Schwerkraft aufhöbe oder überwöge, sondern die 
Schwerkraft selbst vergrösserte , verkleinerte, oder 
negativ machte, ohne dass darum von einer Aufhebung 
oder Durchbrechung von Naturgesetzen die Rede sein 
könnte. 

Die fliegenden Gegenstände verhalten sich nach 
Cox ähnlich wie ein kleiner Luftballon, d. h. sie ver- 
ändern niemals plötzlich ihre Schwere, sondern allmäh- 
lich, steigen sanft und ohne Stösse auf, und kommen 
ebenso zur Erde zurück, zeigen aber fortwährend leichte 
pendelartige Schwankungen. Tische mit brennenden 
Petroleumlampen haben noch niemals Schaden ange- 
richtet, wenn sie sich erhoben, weil die Sanftheit der 
Bewegung und die Langsamkeit und geringe Ausschlags- 
weise der Pendelschwingungen keinen Anlass zum Um- 
stürzen der Lampen geben. Ausser den Pendelschwing- 
ungen zeigen die schwebenden Objekte aber noch 
zitternde Bewegungen, welche aus den automatischen 
Curven der Crookesschen Versuche am deutlichsten er- 
sichtlich sind, und welche mit den gleichzeitigen Puls- 
kurven des Mediums, wie der Sphygmograph sie ergeben 
würde, in unverkennbarem Zusammenhange stehen. 
Diess ist der deutlichste Beweis, dass die Kraft wirk- 
lich vom Medium und nur von diesem ausgeht. Alle 
mediumistischen Erscheinungen sind ausserdem nicht 
konstant, sondern schwanken beständig in unregelmässi- 
gen Wellen, welche den Innervationswellen entsprechen, 
die vom Mittelhirn des Mediums in seinen Organismus 
.ausströmen. 



*) Zöllner: „Erklärung der universellen Gravitation aus den stati- 
schen Wirkungen der Elektricität uud die allgemeine Bedeutung des 
Weberschen Gesetzes" (Leipzig bei Staackmann 1882). Vgl. dessen 
.„Wissenschaftliche Abhandlungen", Bd. I, No. 3. 



— 4i — 

Die Leistungen eines Mediums pflegen stärker zu 
werden, wenn dasselbe nicht allein ist, sondern in einem 
kleineren Kreise von Personen gemischten Geschlechts. 
Es scheint als ob ein Medium die Fähigkeit besässe, 
auf die Anwesenden mehr oder minder in dem Sinne 
einzuwirken, dass es dieselben auch zu Medien macht, 
d. h. sie veranlasst, unbewusster Weise Nervenkraft zu 
entwickeln, und dass das Medium weiterhin im Stande 
ist, auf die Art und Weise der Vertheilung und Ver- 
wendung der von allen Anwesenden zusammen ent- 
wickelten Nervenkraft bestimmend einzuwirken. Es be- 
darf einer Dauer von mehreren Minuten bis zu mehreren 
Viertelstunden, ehe die Ladung des Sitzungsraumes und 
■des Mediums dasjenige Maximum erlangt hat, welches 
zur Hervorbringung von ungewöhnlichen Kraftleistungen 
erforderlich ist. Die Kraftproduktionen fallen deshalb 
meistens an den Schluss der Sitzungen, oder wenigstens 
in deren letzte Hälfte, und sie fallen desto intensiver 
aus, je mehr Medien, d. h. Nervenkraft entwickelnde 
Personen, unter den Anwesenden sind, auf deren un- 
bewusste Mitwirkung das Hauptmedium sich stützen 
kann. Für schwächere Medien ist deshalb ein „Cirkel" 
geradezu unentbehrlich, und nur starke Medien ver- 
mögen auch allein bedeutende Wirkungen hervorzubrin- 
gen; diess ist bei Experimenten mit ungeübten oder 
massig veranlagten Medien wohl zu berücksichtigen. 

Aus der Verbindung der anziehenden und abstossen- 
den Wirkung mit der leichter und schwerer machen- 
den Wirkung in denselben Objekten ergeben sich schon 
die mannigfachsten Erscheinungen. Die schwebenden 
Objekte brauchen nicht mehr zum Medium hin oder 
von ihm fortzurutschen, sondern fliegen zu ihm hin und 
von ihm fort. Dasselbe Objekt (etwa ein kleiner Tisch) 
kann beispielsweise am Boden entlang vom Medium 
fortrutschen, im fernsten Winkel des Zimmers sich er- 
heben und dann schräg auf den Sitzungstisch herab- 
schweben oder stürzen. Wasser erhebt sich ungesehen 
aus einer seitwärts stehenden Kanne und fällt als Sprüh- 
regen auf die Anwesenden herab. Immer und immer 
wieder ereignet es sich, dass in einem Hause zu ge- 
wissen Stunden Tage oder Wochen lang die Klingeln 
läuten, und trotz aller Befestigung und Umwickelung 



— 4^ — 

fortläuten oder heruntergerissen werden*), oder dass 
ein Grundstück mit Steinen, Kohlenstücken oder son- 
stigen herumliegenden Gegenständen förmlich bombar- 
dirt wird, ohne dass die polizeilich und privatim aus- 
gestellten Beobachtungs-Posten dem Urheber des Unfugs 
auf die Spur. kommen können.**) Meist stellt sich dann 
ein Dienstmädchen, oder ein hysterisches Frauenzimmer, 
oder ein Kind in den Entwickelungsjahren als diejenige 
Person heraus, von deren Anwesenheit im Grundstück 
die Erscheinung bedingt ist und in deren Nähe die 
Wurfstücke niederfallen. Die Behörden und Privaten 
haben aber von solchem Zusammenhang in der Regel 
keine Ahnung, und glauben eher an Gespensterspuk, 
als daran, dass ein Medium diesen Unfug unbewusst 
verübt. 

Erwägt man, dass die verschiedenen Gegenstände 
im Sitzungszimmer und die verschiedenen Anwesenden 
in verschiedenem Grade geladen sind, theils durch die 
vom Medium bestimmte Vertheilung der verfügbaren 
Gesammtkraft , theils durch aktive Mitwirkung, so be- 
greift es sich, dass die leichteren Gegenstände, zumal 
wenn sie ins Schweben gekommen sind, gleichzeitig 
dem Einfluss der verschiedensten Anziehungen und Ab- 
stossungen unterworfen sind und Bahnen von krauser 
Verschlingung zurücklegen. Dirigirt das Medium einen 
Gegenstand durch Abstossung in die Richtung, wo die 
Anziehungssphäre eines geladenen Anwesenden über- 
wiegt, so rutscht oder schwebt der Gegenstand zu 
diesem hin, bis er zu dem am meisten geladenen Kör- 
pertheil desselben, etwa einer Hand, gelangt. So er- 
klärt sich z. B. das von Hellenbach beobachtete Em- 
porkriechen einer Schiefertafel an seinem Bein bis zum 
Oberkörper und der Hand. 

Die mediumistische Nervenkraft kann sich ferner 
mit den Wirkungen der unwillkürlichen Muskelthätig- 
keit auf die mannigfachste Weise verbinden. Bei 
Sitzungen um einen Tisch pflegt zunächst die letztere 



*) Owen, „Das streitige Land", I, 46 — 56. 
**) Wallace, „Eine Vertheidigung des modernen Spiritualismus", deutsch 
von Wittig (Leipzig, Mutze 1875) S. 115— 1 18; Ps. St. VII, 237, 562; 
VIII, 5, 81 — 108, 188, 238, 471; IX, 6—15, 39—40, 94—96. 



— 43 — 

sich zu entfalten und erst allmählich nimmt die Ladung 
mit Nervenkraft so weit zu, dass diese allein aus- 
reicht; zuerst also bewegen sich die Gegenstände nur, 
wenn die Anwesenden dieselben berühren, später auch 
ohne Berührung. 

Die Wirkungen der mediumistischen Nervenkraft 
sind übrigens mit den angegebenen Erscheinungsformen 
nicht erschöpft. Besonders beachtenswerth ist eine 
expansive Wirkung derselben, welche der Cohäsion der 
materiellen Theilchen entgegenwirkt, und sich in plötz- 
lichen Entladungen nach Art elektrischer Schläge äussert. 
Wenn die explosive Entladung, die immer an einer ganz 
eng begrenzten Stelle, und zwar meist im Innern der 
Körper ihren Sitz hat, die Cohäsion der materiellen 
Theilchen nicht überwiegt, so kündigt sie sich für den 
Tastsinn als nachzitternde Erschütterung an, und wird 
dem Gehör als stärkerer oder schwächerer Knall oder 
Klopflaut vernehmbar. Wenn die Entladung die Co- 
häsion der Theile überwindet, so erfolgt ausserdem eine 
Zerreissung oder Zertrümmerung des Gegenstandes 
(Zöllners Bettschirm und Wasserglas). Die Klopflaute 
beginnen mit dem leisesten Knistern (wie bei einer 
Elektrisirmaschine) und steigern sich zuweilen bis zu 
schweren Schlägen und dröhnendem Gerassel und 
Gepolter*); sie erklingen bald aus Tischen, Stühlen, 
Schränken, Wänden, bald aus kleinen Geräthen, bald 
aus massiven Felsen, **) und bei allen stärkeren Klopf- 
lauten sollen die fühlbaren Vibrationen des Gegenstandes 
auf denselben Sitz der Schallquelle hinweisen wie die 
Lokalisation des Schalls durch das Gehörorgan. Die 
Beobachtung der Klopflaute durch das Mikrotelephon 
aus grösserer Entfernung, und ihre Registrirung durch 
den Phonographen ist unter allen Umständen wünschens- 
werth, um etwaige eingepflanzte Gehörs- und Tast- 
Hallucinationen der Anwesenden von objektiven Vor- 
gängen unterscheiden zu können. 

Immer wieder treten an den verschiedensten Orten 
dergleichen Klopf laute theils mit, theils ohne Rücken 
von Geräthen und Möbeln auf, ohne dass jemand im 



*) Owen, Das streitige Land, I, ioi — 106. 
• ' i I »wen, I, 89—91. 



— 44 — 

Hause oder der Nachbarschaft die Ursache ahnt. Ebenso 
wie bei dem oben erwähnten Steinewerfen ist allemal 
ein Medium, meist weiblichen Geschlechts, die zunächst 
gänzlich unbewusste Ursache derselben. Kommt die 
Nachbarschaft auf den Verdacht solchen ursächlichen 
Zusammenhanges, so vereinigen sich meist die Brutalität 
niederer Polizeiorgane mit bornirtem und zelotischem 
Pfaffenthum und Pöbelaberglauben, um solche unglück- 
liche Nervenkranke völlig von Sinnen zu bring*en, an- 
statt sie in ärztliche Behandlung zu nehmen oder ihre 
mediumistischen Anlagen systematisch zu Versuchen zu 
verwerthen. 

Ein besonders unwahrscheinliches Erscheinungsge- 
biet betreten wir mit den Berichten, welche sich auf 
Durchdringung der Materie beziehen. Die indischen 
Berichte betrachten dieselbe als zweifellose Thatsache 
und erklären sie durch Zerstreuung und Wiederverdich- 
tung der Elementarbestandtheile des stofflichen Gegen- 
standes. Ein schmiedeeiserner Ring soll auf den Arm 
des Mediums gelangen , während dessen Hand oder 
Finger von einem Anwesenden festgehalten wird; 
Reimers und Aksakow haben den Versuch glücken 
sehen , während die Hand des Hältenden noch durch 
ein Band mit dem Arm des Mediums verknüpft war 
(Ps. St. I, 544, HI, 52 — 54) und Oleott behauptet sogar 
beobachtet zu haben, wie die dem Arm des Mediums 
zugewendete Seite des Ringes sich gleichsam in Dampf 
auflöste und so dem Arm den Durchgang gestattete 
(Ps. St. III, 56). Zahlreich sind die Beobachtungen 
Zöllners über ähnliche Vorgänge, Durchtritt von Mün- 
zen, Schieferstückchen u. s. w. durch verschlossene 
Kästen und Tischplatten, Umlegen eines Ringes um 
einen Tischfuss, Knüpfen von Knoten in versiegelten 
Schnüren und Streifen u. s. w., und ein grosser Theil 
derselben ist von Privatmedien wiederholt worden (Ps. 
St. VII, 390, 3Q2). Nach Hare wurden zwei Platin- 
kugeln in eine versiegelte Glasröhre transportirt. Auch 
bei Voraussetzung der grössten Geschicklichkeit im 
Lösen und Wiederknüpfen von Knoten und im Ab- 
streifen und Wiederaufstreifen von Schlingen und Fesseln 
bleiben doch eine Menge Berichte bestehen, wo die Art 
der Anlegung und Versiegelung der Fesseln und die 



— 45 — 

Unverletztheit der Siegel nach dem Abstreifen und 
Wiederanlegen diese nächstliegende Erklärung ebenso 
auszuschliessen scheint, wie die Kürze der für solche 
Manipulationen zur Verfügung stehenden Frist. Des- 
halb wird von den Spiritisten allgemein angenommen, 
dass ein Medium im sonnambulen Zustand im Stande 
sei, alle Fesselung vermittelst Durchdringung der Ma- 
terie von sich abzustreifen und wieder anzulegen. 

Das mediumistische Steinwerfen, welches meist die 
getroffenen Fensterscheiben u. s. w. zertrümmert, findet 
manchmal auch unter Umständen statt, dass das Medium 
sich in einem geschlossenen Raum befindet, die Steine 
aber von ausserhalb kommen und im Zimmer erst 5 — 6 
Fuss vom Fussboden sichtbar werden (Ps. St. VIII, 
5 — 12). Der Wassersprühregen kommt vor, ohne dass 
Wasser in demselben Zimmer steht; bei Zöllners be- 
züglichen Erfahrungen stand jedoch eine Kanne mit 
Wasser im Nebenzimmer. Der „Apport" von Gegen- 
ständen aus andern Zimmern, oder andern Wohnhäusern, 
oder von Blumen, die im Freien wachsen, in das Sitzungs- 
zimmer, ist eine der gewöhnlichsten mediumistischen Er- 
scheinungen, aber immer ist die irdische Herkunft der 
eingeführten Gegenstände zu konstatiren. Die Steine 
sind trocken oder nass, warm oder kalt, je nach dem 
Wetter, und oft fielen gezeichnete Steine, die ins Freie 
gebracht waren, zum zweiten Mal ins Haus. Hätte man 
es, wie Zöllner meint, bei diesen Erscheinungen mit 
einer vierten Dimension des realen Raumes zu thun, 
so könnte man wohl Einführung materieller Objekte er- 
warten, die nicht zu unserer dreidimensionalen Welt 
gehören; das Gegentheil lässt darauf schliessen, dass 
Zöllners Erklärung nicht die richtige ist, sondern dass 
die Phänomene sich ebenso in unsrer dreidimensionalen 
Welt abspielen, wie das Material zu demselben nur aus 
der letzteren stammt. Bisweilen will Zöllner Erhitzung 
gefühlt oder Spuren derselben beobachtet haben, was 
ebenfalls mehr für molekulare Erschütterungen des ma- 
teriellen Zusammenhanges spricht als für Bewegungen 
und Schwankungen über den dreidimensionalen Raum 
hinaus, bei welchen doch kein Grund zu molekularen 
Erschütterungen und Temperaturveränderungen gegeben 
wäre. 



- 46 — 

Ferner sind noch Lichterscheinungen zu bemerken, 
die fast bei keiner Sitzung mit kräftigeren Medien ganz 
fehlen. Dieselben haben meist eine so geringe Inten- 
sität, dass sie nur im Dunkeln zu beobachten sind, und 
auch da nur von Gesichtssensitiven. Ausnahmsweise 
erlangen sie jedoch eine grössere Lichtstärke, so dass 
sie von allen gesehen werden. Ob der von Zöllner be- 
obachtete Lichtschein an der Wand, welcher von dem 
Schatten der Tischfüsse unterbrochen war, wirklich auf 
eine Lichtquelle jenseits des Tisches deutet, oder ob 
er nicht direkt formirt war, scheint noch fraglich; ebenso 
bleibt es im ersteren Falle zweifelhaft, ob die parallelen 
Lichtstrahlen wirklich aus einer unendlich fernen Licht- 
quelle stammten, oder ob diese transversalen Aether- 
schwingungen in paralleler Richtung nicht durch ganz 
andre Vermittelung und auf ganz andre Weise als durch 
leuchtende Materie (Lichtschwingungen bestimmter Stoff- 
theile an einem bestimmten Ort) zu Stande gekommen 
waren. Sensitive und Sonnambule sehen oft Licht- 
erscheinungen, die ihnen aus unendlicher Ferne zu kommen 
scheinen, ohne dass dieser auf die gewöhnlichen Ent- 
stehungsursachen von Aetherschwingungen gegründete 
unwillkürliche Schluss der sinnlichen Anschauung den 
Thatsachen zu entsprechen braucht. 

Für das Studium dieser Fragen muss man entschie- 
den auf die Erfahrungen Reichenbachs zurückgehen, 
welcher die odische Diaphanität vieler Stoffe behauptet, 
welche für gewöhnliche Lichtstrahlen undurchgängig 
sind; es scheint, dass man es dabei in vielen Fällen mit 
Aetherschwingungen höherer Brechbarkeit und anderer 
Art zu thun hat, welche erst im Auge des Sensitiven 
(oder durch das Medium zeitweilig sensitiv Gemachten) 
in Lichtschwingungen umgewandelt werden. Diess wird 
bestätigt durch die Experimente des Photographen Beattie, 
welcher verschiedene Lichterscheinungen auf den Platten 
erhielt, die ihm und seinen Genossen unsichtbar waren, 
deren Formen aber mit den Beschreibungen der Medien 
über die während der Aufnahme von ihnen an bestimmten 
Orten gesehenen Lichterscheinungen übereinstimmten 
(Ps. St. V, 339, VIII, 257). Diese photographischen Ver- 
suche müssten in ausgedehntem Maasse fortgesetzt wer- 
den, um die sichere Unterscheidung zu gewinnen für 



dasjenige, was an diesen Lichterscheinungen eingepflanzte 
Hallucination, und was an ihnen objektive Schwingungs- 
processe seien. Soweit man es mit wirklichen Aether- 
schwingungen von hoher Brechbarkeit zu thun hat, darf 
man an Umwandlungsformen der mediumistischen Ner- 
venkraft denken, welche den Umwandlungen der Elek- 
tricität in Licht von hoher Brechbarkeit analog sind. 
Dagegen müssten diese Erscheinungen erst ganz genau 
erforscht und alle Versuche dreidimensionaler Erklärung 
vollständig erschöpft sein, bevor man daran denken 
dürfte, eine hypothetische vierte Dimension des realen 
Raumes zur Erklärung derselben heranzuziehen, wie es 
Zöllner offenbar voreilig gethan hat. 

Wenn die mediumistische Nervenkraft sich einer- 
seits in Licht- und Wärmeerscheinungen umwandeln 
kann, und andererseits die Eigenthümlichkeit hat, sich 
auf beschränkten Punkten bis zu einem SpannungsgTade 
ansammeln zu können, der zu einer explosiven Entladung 
führt, so kann es kaum noch auffallen, wenn solche Ent- 
ladungen, ähnlich wie elektrische Funken, im Stande sind 
brennbare Stoffe, z. B. den neuen Docht eines Stearin- 
lichts, zu entzünden, wie diess von Zöllner (Bd. III) be- 
richtet wird. 

Besonders auffallend werden die Wirkungen der 
mediumistischen Nervenkraft in solchen Fällen, wo ein 
schneller Wechsel von Anziehung und Abstossung, von 
stärkerem und schwächerem Druck auf die Unterlage, 
oder von gedrückten Punkten stattfindet, z. B. bei der 
Bewegung des Bogens über den Saiten eines Streich- 
instruments, oder beim abwechselnden Niederdrücken 
verschiedener Tasten einer Ziehharmonika oder eines 
Klaviers, oder beim Führen eines schreibenden Stiftes 
auf einer Unterlage.*) Bei diesen Erscheinungen hat 
man sich zunächst gegenwärtig zu halten, dass sie nur 
in einem Cirkel bei geschlossener Kette vorzukommen 



*) Von indischen Fakirs wird folgendes berichtet. In einer mit 
Wasser gefüllten halben Kokosnussschale schwimmt ein Korkstückchen, 
das unten mit zwei geraden Nadeln beschwert ist und oben eine gebogene 
Nadel, ähnlich einem Entenhals trägt. Diese Korkente tanzt im Wasser 
nach dem Pfeifen des mehrere Fuss entfernten Fakirs und beschliesst die 
Vorstellung mit Untertauchen. („Indische Gaukler und Taschenspieler" im 
„Ausland" 18S5 Februar). 



- 4 8 - 

pflegen, und dass das Spielen der Harmonika wie das 
hörbare Schreiben des Griffels sofort pausirt, wenn und 
so lange als der Schluss der Kette durch Aufheben der 
Hand eines der Theilnehmer unterbrochen wird. Hier- 
aus ist zu entnehmen, nicht nur dass alle Anwesenden 
durch ihre Ladung mit mediumistischer Kraft an der 
Erscheinung mitwirken, sondern dass sie in einer durch 
das Medium von Moment zu Moment anders regulirten 
Weise an derselben mitwirken. Denn die Ladung jedes 
Anwesenden bleibt ja zunächst unverändert, auch wenn 
die Kette unterbrochen wird; aber die wechselnden 
Innervationsimpulse, durch welche das Medium den La- 
dungszustand der Theilnehmer in jedem Moment ändert, 
verlieren bei Unterbrechung der Kette ihre Leitungs- 
bahn und damit ihre Fähigkeit, zu wirken. Wenn eine 
verschlossene Schiefertafel mit eingelegtem Schiefer- 
stückchen mitten auf dem Tisch, oder einem der Theil- 
nehmer auf dem Schoosse liegt, oder von zwei Theil- 
nehmern gehalten wird, so muss man sich ein System 
von attraktiven Kraftlinien, einem Radialnetz von ge- 
spannten Gummischnüren vergleichbar, vorstellen, welche 
einerseits alle in dem Schieferstückchen zusammenlaufen, 
und andererseits durch die Kette der Theilnehmer hin- 
durch zu dem Mittelhirn des Mediums als zu ihrer Cen- 
tralstelle hinführen, von welcher aus abwechselnd bald 
die einen bald die andern dieser Fäden schärfer ange- 
zogen werden. 

Wenn einzelne kräftige Medien auch für sich allein 
fernwirkende Schrift hervorrufen, um die so erhaltenen 
Weisungen ihres sonnambulen Bewusstseins zur Richt- 
schnur ihrer EntSchliessungen zu nehmen, so muss man 
annehmen, dass die verschiedenen Körpertheile des 
Mediums, seine die Tafel haltende Hand, insbesondere 
aber der Tisch, unter dessen Platte sie in solchem Falle 
die Tafel drücken , und auf den sie die andere Hand 
auflegen, die Stelle der sonst aus mehreren Organismen 
gebildeten Kette ersetzen, und ebenfalls genügende 
Stützpunkte zur Herstellung eines Systems koncentri- 
scher Kraftlinien liefern. 

Schon unser gewöhnliches Schreiben durch die Mus- 
kelbewegungen der Hand beruht auf einem ähnlichen 
System von Druck- und Zuglinien der Kraft mit ver- 



— 49 — 

schiedenen Stützpunkten, welche peripherisch um den 
Schreibstift herumgestellt sind, aber hier wird Druck 
und Zug durch materielle Berührung übertragen, wäh- 
rend beide bei der Tafelschrift ohne Berührung aus der 
Ferne wirken. Auch bei dem gewöhnlichen Schreiben 
überspringt unser Bewusstsein das Gefühl der Vermit- 
telungen und projicirt sein Schreibgefühl in die Spitze 
des schreibenden Stiftes; diess muss nach psychologi- 
schen Analogien auch für das Gefühl des sonnambulen 
Bewusstseins bei dem fernwirkenden Schreiben der Fall 
sein. Hat das sonnambule Bewusstsein sich einmal auf 
die Vermittelung des Schreibens durch ein System von 
Druck- und Zuglinien der mediumistischen Nervenkraft 
eingeübt, so verläuft der Wechsel dieser Innervations- 
impulse ganz ähnlich wie der analoge Wechsel der 
anderartigen Innervationsimpulse bei dem Schreiben 
durch unwillkürliche Muskelbewegungen, und darum ist 
es nicht zu verwundern, dass das fernwirkende Schrei- 
ben ebenso schnell erfolgt und ähnliche Schriftzüge 
liefert wie "das unwillkürliche sonnambule Schreiben mit 
der Hand. Die Art der Innervationsimpulse muss na- 
türlich bei der Vermittelung desselben durch Muskel- 
innervation und bei derjenigen durch mediumistische 
Xervenkraft verschieden sein, aber der Rhythmus in 
dem Wechsel dieser Impulse muss in beiden Fällen der 
gleiche sein. Darum ist mit Sicherheit zu behaupten, 
dass ein Medium die Uebung in diesem rhythmischen 
Wechsel der Schreibimpulse • mitbringen muss, wenn es 
sich im fern wirkenden Schreiben üben will; d. h. nur 
ein Medium, das Schreiben gelernt hat, wird unwillkür- 
liche oder fernwirkende Schrift produciren können. 
Aber auch ein des Schreibens kundiges Medium muss 
sich erst auf die für die fernwirkende Schrift erforder- 
liche Art von Innervationsimpulsen und die Beherrschung 
derselben einüben; darum sind die ersten Schriftver- 
suche von Medien so unleserlich, ungleichmässig, krumm 
und schief, wie etwa der erste Versuch, mit dem Fuss 
zu schreiben, ausfallen würde,*) 

Schon die mediumistischenLichterscheinungen zeigen 



*) Vgl. z. B. die Schriftprobe in Owen's „Das streitige Land". 
I, 136. 

Hartmann, Spiritismus. 4 



— 50 — 

bestimmte Formgebilde, doch sind diess noch mehr kry- 
stallinische oder doch unorganische Formen, z. B. Kreuze, 
Sterne, ein helles Feld mit flimmernden Lichtpunkten, 
die mehr Aehnlichkeit mit elektrischen Staubfiguren 
oder Chladnischen Klangfiguren als mit organischen 
Formen haben. Bei dem fernwirkenden Schreiben da- 
gegen muss man bereits ein System von Druck- und 
Zuglinien annehmen, welches dem System von Druck- 
und Zug'linien analog ist, wie es auf den von der 
Schreibhand umfassten Griffel einwirkt. Dächte man 
sich nun ein solches System von Druck- und Zuglinien 
der fernwirkenden Nervenkraft nicht auf einen harten 
Schieferstift, sondern auf einen weichen Wachsstift von 
der Gestalt und Grösse eines Griffels wirken, so müsste 
derselbe ähnliche Verbiegungen und Eindrücke zeigen, 
wie wenn eine menschliche Hand die gleiche Schrift 
mit einem weichen Wachsgriffel mit schreibender Spitze 
herzustellen versucht hätte. 

Denkt man sich eine andre Anordung der Druck- 
und Zuglinien der mediumistischen Nervenkraft, ent- 
sprechend denjenigen Druckverhältnissen, welche die 
Innenseite einer flach ausgestreckten Hand auf einen 
eindrucksfähigen Stoff hervorbringt, so müsste die Ver- 
schiebung der Stofftheilchen, welche durch ein solches 
dynamisches System hervorgebracht würde, wiederum 
mit der durch den Druck der Hand hervorgebrachten 
übereinstimmen, d. h. den Abdruck einer organischen 
Form zeigen , ohne dass eine organische Form in ma- 
terieller Gestalt vorhanden gewesen wäre, welche diesen 
Abdruck hervorgebracht hätte. Da die dynamischen 
Wirkungen der mediumistischen Nervenkraft, ebenso 
wie diejenigen des Magnetismus, jede Art von Materie 
ungestört durchdringen, so können auch materielle Ver- 
schlüsse der eindrucksfähig'en Oberfläche das Zustande- 
kommen solcher Abdrücke nicht einmal erschweren. 
Diess ist denn auch in der That der Fall nach den 
Versuchen Zöllners mit Slade, die von Anderen mit 
Privatmedien wiederholt sind (Ps. St. VII, 387 — 388). 
Zöllner behauptet, deutlich gefühlt zu haben, wie die 
auf seinen Oberschenkeln liegende Doppeltafel zweimal 
kräftig gegen die Schenkel gedrückt wurde; da nun 
auf beiden Innenseiten Abdrücke gefunden wurden, so 



muss bei dem einen Abdruck das System von Kraft- 
linien auf die Tafel gedrückt haben, bei dem andern 
Abdruck die Tafel gegen das System von Kraftlinien 
gepresst oder gezogen worden sein. 

Handelte es sich dabei um wirkliche materialisirte 
Gliedmaassen, die den Anwesenden unsichtbar bleiben, 
so würde eine Durchdringung der abschliessenden Materie 
oder Verschlussdecke nach spiritistischen Annahmen 
zwar möglich sein, aber doch eine ungleich grössere 
Kraftentfaltung erheischen, als der Abdruck auf einer 
offenen Tafel; die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit 
der diese Abdrücke erhalten wurden, spricht ebensosehr 
gegen diese Annahme, wie die Unberührtheit der ein- 
drucksfähigen Schicht der Deckseite von den durch sie 
hindurchwirkenden Druck- und Zuglinien. Wären es 
materialisirte Gliedmaassen, welche die Decktafel durch- 
drängen, so müsste die Russschicht von der Innenseite 
der Decktafel (wo nicht gar der ganze Papierbelag der- 
selben) durch die die Tafel durchdringende Fusssohle 
abgerissen werden ; dass diess nicht geschieht, dass kein 
Abdruck des von der Decktafel durchschnittenen Fuss- 
randes in der Russschicht derselben sichtbar wird, und 
dass die Russschicht derselben bei dem Vorgang völlig- 
intakt bleibt, ist ein sicherer Beweis, dass die dynami- 
schen Wirkungen sich auf die zum Abdruck bestimmte 
Fläche beschränken, dass das fragliche System von 
Kraftlinien nur auf diese Abdrucksfläche hin gerichtet 
ist, dass also mit anderen Worten in diesem Falle nicht 
das dynamische Analogon eines Fusses, sondern nur 
dasjenige einer Fusssohle, d. h. einer Fläche ohne 
dahinterliegenden Körper existirt. 

Da es sich nur um ein System von Kraftlinien mit ver- 
schiedener Druckstärke (resp. Zugstärke, wenn die Rück- 
seite der Tafel dem Medium zugekehrt ist) handelt, so 
liegt auch kein Grund vor, dass die erhaltenen Abdrücke 
in ihren Formen den Gliedmaassen des Mediums ähn- 
lich seien; denn was für die Anordnung der Kraft- 
linien massgebend ist, ist ja lediglich das Phantasie- 
bild im sonnambulen Bewusstsein des Mediums, das 
von seinen eigenen Körperformen beliebig abweichen 
kann. So /eigen denn auch die erhaltenen Abdrücke 
Gliedmassen der verschiedensten Grösse und Gestalt : 



— 5^ — 

ein direktes Abdrücken der eigenen Gliedmaassen des 
Mediums erscheint, ganz abgesehen von den sonstigen 
Versuchsanordnungen, schon in dem Falle ausgeschlossen, 
dass beispielsweise der Abdruck einen Kinderfuss 
zeigt. 

Immerhin gehören die Abdrücke organischer For- 
men, weil sie nicht, wie die Schrift, durch successive, 
sondern nur durch simultane Formation entstanden sein 
können, zu den auffälligsten Erscheinungen des ganzen 
Gebietes, die vielleicht nur noch von den Beispielen 
einer Durchdringung der Materie übertroffen werden. 
Um so wichtiger ist es, dass die bleibenden Ergebnisse 
derselben, die erhaltenen Abdrücke, ebenso wie die er- 
haltenen Schriftstücke, den zweifellosen Beweis liefern, 
dass man es in diesen beiden Fällen nicht mit Hallu- 
cinationseinpflanzung zu thun hat, sondern mit objektiv- 
realen Kraftwirkungen des Mediums auf die Materie. 

Auch diejenigen, welche annehmen, dass unsicht- 
bare materialisirte Gliedmaassen die Träger der den 
Abdruck verursachenden Druckkräfte seien, müssen doch 
zugeben, dass diese unsichtbaren Gliedmaassen dann 
nur als reale Projektionen der sonnambulen Phantasie 
des Mediums aufzufassen sind, d. -h. dass ihre Materie 
aus der Körpermaterie des Mediums entlehnt, ihre 
Form von der sonnambulen Phantasie des Mediums be- 
stimmt und ihr Zustandekommen von dem unbewussten 
Willen des Mediums veranlasst und bedingt ist. Die- 
selben wären also selbst in dem Falle, dass sie als 
materielle Auswüchse aus dem Organismus des Mediums 
angesehen werden, doch immer noch nichts weiter als 
ausschliessliche Produkte des Mediums, und aus dem 
Zusammenwirken seines unbewussten Willens, seiner 
unbewussten Phantasie und seines leiblichen Organismus 
zu erklären. Dasselbe würde gelten, wenn man an- 
nehmen wollte, dass bei der fernwirkenden Schrift eine 
unsichtbare materialisirte Hand die Druck- und Zug- 
kräfte, welche den Stift führen, übermitteln; auch eine 
solche Hand würde dann doch nichts weiter sein, als 
eine Efflorescenz des Mediums selbst. Da übrigens 
eine solche Annahme die physikalische Erklärung der 
Erscheinungen um nichts erleichtert und zu dem un- 
sichtbaren System der Druck- und Zugkräfte nur noch 



— 53 — 

die überflüssige Hypothese einer geformten Materie 
ohne Sichtbarkeit und Tastbarkeit hinzufügt, so hat die- 
selbe keine wissenschaftliche Berechtigung und erscheint 
nur als das>unwillkürliche psychologische Produkt des 
Haftens der Vorstellung am Sinnlichen. *) 

Schliesslich bleibt noch der Einfluss der Nerven- 
kraft auf lebende Organismen zu erwähnen. Dass sen- 
sitive Pflanzen durch magnetische Striche der Hände 
hypnotisirt werden können, ist hinreichend festgestellt;**) 
dasselbe gilt für Thiere, für schlafende Menschen, für 
Kinder und für Wilde, die alle nichts von dem ahnen, 
was mit ihnen vorgenommen werden soll. Es ist dabei 
keineswegs nöthig, dass Striche mit den Händen oder 
Bewegungen mit den Armen gemacht werden ; diese 
sind zwar Hilfsmittel zur Uebertragung der Nervenkraft, 
ebenso wie das Anhauchen oder feste Anblicken, aber 
sie alle sind keineswegs unentbehrliche Hilfsmittel zu 
ihrer Ausströmung oder Ausstrahlung. So wenig ein 
Medium nöthig hat, die zu bewegenden Gegenstände 
durch magnetische Streiche zu laden, so wenig ist dies 
bei einem zuhypnotisirenden Menschen erforderlich; starke 
Magnetiseure bannen ohne jede vermittelnde Aktion 
sensitive Personen und versetzen sie durch ihren blossen 
Willen in einen offenen oder larvirten Sonnambulismus, 
der den bewussten Willen derselben lähmt und das 
an seiner Statt funktionirende sonnambule Bewusstsein 



*) Die wenigen Berichte, welche von dem Schreiben einer sicht- 
baren Geisterhand sprechen, sind ohne Gewicht, da sie sich auf Dunkel- 
sitzungen beziehen, in welchen auf selbstleuchtendem Papier der Schatten- 
abriss einer Hand undeutlich gesehen worden sein soll (Owen I, 128— - 
129, 137—138). 

**) Die Beförderung des Pflanzenwachsthums, welche von den Indern 
der mediumistischen Kraft zugeschrieben wird, erwähne ich nur beiläufig, 
weil mir nicht bekannt ist, dass diese Erscheinung in Gegenwart europäisch- 
amerikanischer Medien als ein offener, in allen Entwickelungsstadien ver- 
folgbarer Vorgang beobachtet worden ist. Uebrigens wissen wir, dass die 
physiologischen Funktionen des Pflanzenlebens sowohl durch überbrechbare 
Lichtstrahlen, wie durch Elektricität, wie durch chemische Reizmittel (Spiri- 
tus, Kampher) mächtig angeregt werden können, dass selbst bei Menschen 
ausnahmsweise ein vierjähriger Knabe die Entwickelung eines dreissig- 
jährigen Mannes erlangt haben kann, und dass gewisse Pflanzenkeime, die 
ohnehin schnell wachsen , in ihrem Wachstlium künstlich beschleunigt 
werden können. Es scheint danach wohl denkbar, dass auch die mediu- 
mistische Nervenkraft als ein solcher Reiz wirken kann. 



— 54 — 

dem Willen des Magnetiseurs unterwirft. *) Andrerseits 
ist es nicht der blosse Wille des Magnetiseurs als sol- 
cher, welcher durch einen rein psychischen Einfluss 
diese Erscheinungen in andern Individuen hervorbringt, 
ebensowenig wie es der blosse Wille des Mediums 
ist, welcher durch einen rein psychischen Einfluss die 
besprochenen physikalischen Erscheinungen an leblosen 
Gegenständen hervorbringt; sondern in beiden Fällen 
hat der Wille zunächst nur die Wirkung, magnetische 
oder mediumistische Nervenkraft aus dem Nerven- 
system zu entbinden und in bestimmter Art und Weise 
auf lebende oder todte Objekte auszustrahlen. 

Dieses Entbinden und dirigirende Ausstrahlen von 
Nervenkraft ist unter allen Umständen, gleichviel, ob 
der erste Impuls zu demselben von der Willkür des 
wachen Bewusstseins oder vom unbewussten Willen 
des sonnambulen Bewusstseins ausgeht, nicht eine 
Funktion derjenigen Hirntheile, welche als Träger der 
bewussten Willkür dienen, sondern tiefer liegender 
Hirnschichten, welche mit den Trägern des sonnambulen 
Bewusstseins entweder zusammenfallen oder doch den- 
selben näher liegen als den ersteren. Darum ist es kein 
Wunder, dass die Entfaltung magnetisch-mediumisti- 
scher Nervenkraft im sonnambulen Zustande stärker 
ist als im wachen, und dass Personen, die im wachen 
Zustande keine Fähigkeit zum Magnetisiren Andrer 
besitzen, dieselbe im sonnambulen Zustande in hohem 
Grade entfalten. So erklärt es sich auch, dass die Me- 
dien erst dann genügende Nervenkraft zur Hervor- 
bringung physikalischer Erscheinungen produciren, wenn 
sie in den Zustand eines larvirten Sonnambulismus ein- 
getreten sind, und dass die Produktion besonders an- 
strengender und schwieriger Erscheinungen nur dann 
stattfindet, wenn der larvirte Sonnambulismus in voll- 
ständigen Sonnambulismus übergegangen ist, d. h. wenn 
das wache Bewusstsein und die Reflexhemmungen der 
dasselbe tragenden Hirntheile ganz erloschen sind und 



*) Privatim wurde mir von einem herumziehenden Kesselflicker dä- 
monischen Aussehens geschrieben, der seinem Verdienst dadureh nachhalf, 
dass er die Frauen fascinirte und ihnen die Illusion von Löchern in den 
Töpfen einpflanzte, die er nachher ohne Löcher wieder überreichte. 



— 55 — 

die vitale Gesammtenergie des Nervensystems sich in 
den das sonnambule Bewusstsein tragenden Hirnschichten 
koncentrirt hat. 

So gewiss die Medien in ihrem larvirten oder 
offenen Sonnambulismus über ein Maass von Nerven- 
kraft, sei es selbstproducirter, sei es von den Anwesen- 
den extrahirter und angesammelter, verfügen, wie noch 
kein Magnetiseur im ganz wachen Zustand es zur Ent- 
faltung gebracht hat , so gewiss muss auch ihre Fähig- 
keit, mit Hilfe dieses überlegenen Kraftquantums die 
Anwesenden in einen Zustand von offenem oder larvirtem 
Sonnambulismus zu versetzen, grösser sein als die irgend 
eines im wachen Zustand agirenden Magnetiseurs. Es 
ist eine gewöhnliche Erscheinung bei mediumistischen 
Sitzungen, dass sensitive Mitglieder in Ohnmacht, Krämpfe, 
Trance, Ekstase oder Hypnose verfallen, und diese Er- 
scheinung würde viel häufiger eintreten , wenn die 
Medien ein Interesse daran hätten, dieselbe hervor- 
zurufen, und deshalb ihren unbewussten Willen zur 
Hervorrufung derselben zu motiviren suchten. Die 
Medien haben aber grade das entgegengesetzte Interesse, 
den Eintritt eines offenes Sonnambulismus bei den An- 
wesenden zu vermeiden, weil dieser meist störend wirkt, 
manchmal mit Krämpfen u. dgl. verbunden auftritt, die 
Aufmerksamkeit der übrigen Anwesenden von ihnen 
und ihren Leistungen ablenkt, und ihnen in den son- 
nambul Gewordenen konkurrirende Medien erwecken 
kann, welche ihre Dispositionen über die im Cirkel 
vorhandene Nervenkraft eigenmächtig durchkreuzen 
können. 

Dagegen können die Medien wohl ein Interesse an 
der Hervorbringung eines larvirten Sonnambulismus in 
sämmtlichen Anwesenden bis zu dem Grade haben, dass 
er dieselben empfänglich macht für die Einpflanzung 
von Hallucinationen , ohne sie zugleich zur aktiven 
Konkurrenz mit dem Medium zu befähigen. Dieses In- 
teresse und die Art seiner Motivation braucht natürlich 
nicht in's Bewusstsein der Medien zu fallen. Wenn 
man sich aber denkt , dass ein sonnambules Medium 
Hallucinationen hat, die es für Wirklichkeit nimmt, und 
zugleich den lebhaften Wunsch hat, dass die Anwesen- 
den dieselbe vermeintliche Wirklichkeit wahrnehmen, 



- 56 - 

d. h. dieselben (hallucinatorischen) Vorstellungen haben 
möchten, wie es selbst, so sind offenbar alle aus- 
reichenden psychologischen Bedingungen im Medium 
gegeben, um dasselbe zu einer unbewussten Beein- 
flussung der Anwesenden zu zwingen in dem Sinne, 
dass sie in einen der Entstehung gleicher Vorstellungen 
(d. h. der Hallucinationsansteckung) günstigen Zustand 
versetzt werden, (welches eben der larvirte Sonnam- 
bulismus ist). 

Da nun thatsächlich die Medien schon im larvirten 
Sonnambulismus vielfach von Hallucinationen aller Art 
heimgesucht werden, meist ohne dieselben als solche zu 
erkennen, da sie im offenen Sonnambulismus sogar ganz 
in solchen befangen sind, da sie ferner um ihres Rufes 
willen und aus Geschäftsrücksichten thatsächlich wün- 
schen, die von ihnen anerkannte Realität solcher rein 
subjektiver Erscheinungen auch von den Mitanwesenden 
anerkannt zu sehen, so wäre es unerklärlich, wenn bei 
der Vereinigung so günstiger Bedingungen nicht in 
ausgedehntem Maasse die Versetzung der Theilnehmer 
in larvirten Sonnambulismus mit einer häufigen An- 
steckung der Hallucinationen des Mediums auf diese 
vorkäme. 

Wenn in spiritistischen Kreisen diese Thatsachen 
noch gar nicht bemerkt und beachtet worden sind, so 
liegt es daran, dass es ihnen ja nur darauf ankommt, 
die objektive Realität aller Erscheinungen zu retten, 
und dass sie deshalb eine solche Bemerkung, wenn sie 
ihnen von andrer Seite entgegengetragen wird, ent- 
rüstet als ein Sakrilegium gegen ihre Heiligthümer 
zurückweisen. Vom wissenschaftlichen psychologischen 
Standpunkt betrachtet dagegen muss jeder Theilnehmer 
an mediumistischen Sitzungen sich beständig vergegen- 
wärtigen, dass er unter dem Einfluss eines sehr starken 
Magnetiseurs steht, welcher das unbewusste Interesse 
hat, ihn in larvirten Sonnambulismus zu versetzen, um 
ihn mit seinen Hallucinationen anzustecken, dass dieser 
Einfluss um so mächtiger wird, je öfter er mediumisti- 
schen Sitzungen beigewohnt hat und je öfter er mit 
demselben Medium zusammen Sitzung gehalten hat. 
Man muss sich sagen, dass dieser Zustand eines larvirten 
Sonnambulismus sich für das eigene wache Bewusstsein 



— 57 — 

durch kein direktes Merkmal ankündigt, sondern nur 
durch die Fähigkeit, sich von den Vorstellungen, speciell 
den Sinnesempfindungen, und ganz besonders den 
Hallucinationen des Magnetiseurs (d. h. hier des Mediums) 
anstecken zu lassen, und muss demnach um so mehr 
auf eingepflanzte Hallucinationen gefasst sein, je länger 
man sich praktisch mit dem Gegenstand beschäftigt, 

Wir werden später sehen, in welchem ausgedehnten 
Maasse diese Hallucinationsiibertragung bei mediumi- 
stischen Sitzungen wirklich stattfindet; hier handelte es 
sich nur darum, festzustellen, dass in einem bei gleicher 
Zusammensetzung eine längere Reihe von Sitzungen 
haltenden Cirkel die denkbar günstigsten Bedingungen 
für Hervorrufung eines larvirten Sonnambulismus selbst 
in nicht sensitiven Personen gegeben sind. 



3. Der Vorstellungsinhalt der Kundgebungen. 



Nachdem wir im vorigen Abschnitt die Erscheinungen 
erörtert haben, welche mehr oder minder zum Ausdruck 
eines Vorstellungsinhalts dienen, oder doch unter gün- 
stigen Umständen zur Uebermittelung eines solchen 
verwendbar werden, haben wir nunmehr den Vor- 
stellungsinhalt selbst in's Auge zu fassen, der uns auf 
diesen ungewöhnlichen Wegen übermittelt wird. Schon 
bei der Besprechung der unwillkürlichen Muskel- 
bewegungen des Sprechens, Schreibens u. s. w. sahen 
wir, dass die leitende Intelligenz in dem sonnambulen 
Bewusstsein der Medien zu suchen ist ; so wie aber die 
Handschrift dieselbe bleibt, gleichviel ob die Hand selbst 
mit unwillkürlichen Muskelbewegungen den Stift führt, 
oder ob die mediumistische Nervenkraft durch ein 
System von dynamischen Druck- und Zug-Linien die 
Führung besorgt, ebenso bleibt auch der Inhalt der 
Schrift in beiden Fällen der gleiche. Wir haben des- 
halb gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es die- 
selben Hirntheile sind, welche die Innervationsimpulse 



- 58 - 

sowohl für die Ausstrahlung und Vertheilung" der 
Xervenkraft wie für die unwillkürlichen Muskel- 
bewegungen geben, dieselben Hirntheile, welche auch 
dem sonnambulen Bew T usstsein zum Träger dienen. 

Der Vorstellungsinhalt der Kundgebungen eines 
„Sprechmediums" deckt sich mit dem zeitweiligen Vor- 
stellungsinhalt seines sonnambulen Bewusstseins; denn 
ein Sprechmedium ist weiter nichts als ein Auto- 
sonnambuler, welcher die. Eigenthümlichkeit hat, un- 
gefragt seinen jeweiligen Vorstellungsinhalt im Zu- 
sammenhange von sich zu geben. Der Vorstellungs- 
inhalt eines Schreibmediums ist aber kein wesentlich 
andrer, als der eines Sprechmediums, und der eines 
Schreibmediums ist unabhängig von der Art des 
Schreibens, ob durch Abklopfen des Alphabets, oder 
durch Aufzeigen der Buchstaben, oder durch unwill- 
kürliche Handschrift, oder durch fernwirkende Schrift. 
Ob das Medium mit veränderter Stimme spricht, mit 
veränderter Handschrift schreibt, oder ob es im Namen 
eines genannten oder ungenannten Dritten spricht oder 
schreibt, ändert nichts an dieser Auffassung; denn wir 
wissen, dass im sonnambulen Bewusstsein eine Ver- 
setzung des Ich in eine andre Person eine ganz ge- 
wöhnliche Erscheinung ist. 

Da das Medium entweder ohne waches Bewusst- 
sein ist, oder aber beim larvirten Sonnambulismus das 
bestehende wache Bewusstsein doch für gewöhnlich von 
dem Inhalt des sonnambulen Bewusstseins nichts weiss, 
so kann auch das Medium nichts davon wissen, dass 
es selbst, d. h. sein sonnambules Bewusstsein es ist, 
welches diesen Vorstellungsinhalt in sich hat und aus 
sich heraussetzt, d. h. es schreibt als wache Person un- 
bewusst. Der experimentelle Beweis dafür, dass dieses 
Schreiben nur relativ ein unbewusstes, für das larvirte 
sonnambule Bewusstsein aber ein bewusstes ist, kann 
übrigens dadurch geführt werden, dass das Medium 
sich in offenen Sonnambulismus versetzt, wo es sich 
des vorher unbew T usst Geschriebenen erinnert und über 
dasselbe mündlich Auskunft ertheilt. Diess ist z. B. 
nach Zöllners Bericht im dritten Bande seiner Abhand- 
lungen von Slade geschehen mit Bezug auf eine am 
Tage vorher in einer verschlossenen Tafel gelieferte 



— 59 — 

fernwirkende Schrift, welche noch gar nicht eröffnet, 
also auch keinem der Anwesenden ihrem Inhalt nach 
bekannt war. 

Die Schrift oder die sonstigen mechanischen Ver- 
mittelungen können über alles Auskunft geben, was das 
sonnambule Bewusstsein des Mediums umspannt, aber 
über nichts, was von diesem nicht umspannt wird. Der 
Vorstellungsinhalt der Kundgebungen ist ebenso kennt- 
nissreich oder unwissend, gebildet oder ungebildet, ernst 
oder possenhaft, gedankenreich oder läppisch, witzig 
oder plump, geistreich oder albern wie der sonnambule 
Bewusstseinsinhalt des Mediums. Darüber ist auch 
wohl im Allgemeinen kein Streit mehr; es giebt nur 
noch immer Individuen, welche den sonnambulen und 
den wachen Bewusstseinsinhalt des Mediums nicht aus- 
einanderzuhalten wissen, und die Abweichungen des 
ersteren vom letzteren auf eine von der ganzen Person 
des Mediums abweichende Quelle beziehen. Es ist also 
wesentlich die mangelnde oder unzulängliche Kenntniss 
des Sonnambulismus, was die Spiritisten den auf der 
Hand liegenden alleinigen Ursprung des Inhalts der 
Kundgebungen verkennen lässt. 

Das larvirte sonnambule Bewusstsein umspannt das 
gleichzeitig bestehende wache Bewusstsein, ohne von 
ihm umspannt zu werden, ebenso wie das offne son- 
nambule Bewusstsein das wache Bewusstsein der Ver- 
gangenheit umspannt, aber nicht umgekehrt. D. h. mit 
andern Worten: die Leitung - von Vorstellungen und 
Wünschen aus den das wache Bewusstsein tragenden 
Hirntheilen in die das sonnambule Bewusstsein tragen- 
den ist leicht, umgekehrt aber schwer. Daher kommt 
es, dass das sonnambule Bewusstsein Worte und Sätze 
schreibt , auf Fragen antwortet und Wünschen Rech- 
nung trägt, welche dem wachen Bewusstsein, sei es vor 
dem Eintritt des larvirten Sonnambulismus, sei es wäh- 
rend desselben, diktirt oder vorgelegt sind. Anderer- 
seits ist aber das sonnambule Bewusstsein auch im 
Stande, auf solche Fragen zu antworten und solchen 
Wünschen Rechnung zu tragen, welche wohl ihm er- 
kennbar geworden sind (z. B. durch Gedankenlesen), aber 
nicht dem wachen Bewusstsein. 

Der Inhalt des sonnambulen Bewusstseins unter- 



— 6o — 

scheidet sich von demjenigen des wachen ßewusstseins 
theils durch seine Form, theils durch seine Herkunft. 
Die Form ist meist anschaulicher, von grösserer sinn- 
licher Greifbarkeit, neigt mehr zu Symbolisirungen und 
Personifikationen, wird aber dadurch auch leicht ver- 
worren, dunkel und räthselhaft im Vergleich zu dem ab- 
strakten Reflexionsgehalt des wachen ßewusstseins. Die 
Herkunft des sonnambulen Bewusstseinsinhalts ist theils 
das gleichzeitig bestehende wache Bewusstsein, theils 
das hyperästhetische Gedächtniss der ihm zu Grunde 
liegenden Hirntheile, theils die direkte Vorstellungsüber- 
tragung, theils endlich das eigentliche Hellsehen. Wer 
die Tragweite dieser verschiedenen Quellen des son- 
nambulen Vorstellungsinhalts recht erkennt, wird schwer- 
lich in Versuchung kommen, nach einer anderweitigen 
Erklärung für den Vorstellungsgehalt der mediumistischen 
Kundgebungen zu suchen. Leider sind nur die That- 
sachen der Gedächtnisshyperästhesie, der Uebertragung 
bewusster und unbewusster Vorstellungen, und des Hell- 
sehens der grossen Masse der Spiritisten ebenso unbe- 
kannt wie ihren Gegnern; so weit sie ihnen aber be- 
kannt sind, werden sie geflissentlich bei Seite geschoben 
und in ihrer Tragweite unterschätzt, weil sie ihren 
Herzenswünschen mit Vernichtung drohen. 

Das hyperästhetische Gedächtniss des sonnambulen 
ßewusstseins liefert oft das erstaunlichste Material, dessen 
Herkunft man sich gar nicht erklären kann, weil das 
gleichzeitig bestehende wache Bewusstsein des Mediums 
nicht nur keine Erinnerung von diesem Material hat, 
sondern manchmal auch aus Nebenumständen irriger 
Weise darauf schliessen zu dürfen glaubt, dass solche 
Vorstellungen ihm noch niemals vorgekommen sein 
können. Wie das sonnambule Sprechen im Stande ist, 
den Klang von Worten oder Sätzen in fremden un- 
verstandenen Sprachen zu wiederholen, die es vor langer 
Zeit achtlos ein Mal gehört hat, so ist das sonnambule 
Schreiben im Stande, das Gesichtsbild geschriebener 
oder gedruckter Worte und Sätze in unverstandenen 
Sprachen zu wiederholen , welche die Person früher 
einmal achtlos gesehen hat, oder auch solche heraus- 
zubuchstabiren aus dem im Gedächtniss bewahrten un- 
verstandenen Wortklang in nicht ganz unverstandenen 



— 61 — 

Sprachen. Hat bei solchem Vorgang nebenbei die 
symbolisirende und personificirende Neigung des son- 
nambulen Bewusstseins dazu geführt, diese Kundgebun- 
gen einer nicht anwesenden Person als Diktat in den 
Mund zu legen, so muss das schauspielerisch umgestal- 
tende Talent des sonnambulen Bewusstseins zugleich, 
dahin wirken, diese Kundgebungen mit allerlei kleinen 
äusserlichen Zügen auszustatten, welche der vorgestellten 
Person eigenthümlich sind. Auf diese Weise können 
Kundgebungen zu Stande kommen, die nach Form und 
Inhalt so wenig als möglich dem wachen Bewusstsein 
des Mediums und so sehr als möglich dem vorausge- 
setzten Urheber des Diktats anzugehören scheinen; wer 
mit den Eigenthümlichkeiten des sonnambulen Bewusst- 
seins nicht vertraut ist, wird in solchem Falle fast 
unvermeidlich der Täuschung verfallen, dass die Kund- 
gebungen unter dem geistigen Einfluss der abwesenden 
oder verstorbenen Person stehen, welche durch deren 
Inhalt selbst als ihr Urheber bezeichnet wird.*) 

Die Vorstellungsübertragung liefert Ergebnisse, 
welche für den mit diesem Thatsachenkreise Unbe- 
kannten noch überraschender sind als die Wirkungen 
der Gedächtnisshyperästhesie.**) Wir sehen hier ganz 
ab von der Deutung von Mienen, Geberden, unwillkür- 
lichen Muskelbewegungen u. s. w., obwohl auch diese 
Deutung eine unwillkürliche, instinktive, reflektorisch 
zur Kundgebung gelangende und vom wachen Bewusst- 
sein erst hinterher aus der reflektorischen Kundgebung 
zu erkennende sein kann. Wir beschränken uns viel- 
mehr auf die Fälle, wo eine solche Art der Vermittelung~ 
durch die Versuchsanordnung zweifellos ausgeschlossen 
ist. Wir haben alsdann zu unterscheiden i) gewollte 
Perception bei gewollter Einpflanzung, 2) gewollte Per- 
ception ohne den Willen zur Einpflanzung beim Andern, 
3) nicht gewollte Perception bei gewollter Einpflanzung 
und 4) nicht gewollte Perception ohne den Willen zur 



*) Dieser Art scheinen mir beispielsweise in der Hauptsache Asakovv's 
„Philologische Räthsel, mediumistisch aufgegeben" (Ps. St. X, 547; XI, 

1,49 %•) 

**) Vgl. die bequeme Uebersicht dieses Gegenstandes bei du Prel: 
„Das Gedankenlesen" (Breslau, Schottländer, 1885, Pr. 60 Pf.); specielt 
S. 11 — 13, 16 — 18, 28 — 30. 



— 62 — 

Einpflanzung beim Andern. Der Wille zur Einpflanzung 
beim Uebertragenden und der Wille zur Auffassung 
beim Empfangenden sind mächtige Beförderung'smittel 
für das Zustandekommen einer Vorstellungsübertragung, 
und zwar scheint der Wille zur Einpflanzung eine un- 
gleich grössere Kraft zu seiner Realisirung zu besitzen 
als der Wille zur Perception, eine so grosse Kraft, dass 
er bei Personen, die durch Liebe , Freundschaft oder 
magnetische Beziehungen in einem gemüthlichen Rapport 
stehen, jede irdische Entfernung überwindet. Der Wille 
zur Perception fremder Vorstellungen kann ebenfalls 
befördernd wirken, aber nicht in gleichem Maasse wie 
der Wille zur Einpflanzung, weil die Perception durch 
das wache Bewusstsein überhaupt unmöglich ist, und 
das sonnambule Bewusstsein nicht unmittelbar dem be- 
wussten Willen unterworfen ist; besser als der bewusste 
Wille wirkt die Sehnsucht des Herzens, das innige und 
dringende Verlangen, weil es den Willen des sonnam- 
bulen Bewusstseins mit erregt und spannt. 

Der Wille zur Einpflanzung wirkt gleichfalls, wenig- 
stens in der Nähe, nur vermittelst einer Erregung der 
sonnambulen Hirntheile; aber diese aktive, in wenige 
Secunden koncentrirte Erregung ist leichter zu erzielen 
als die passive zur Perception, da einer kurzen Erregung 
beim Percipirenden vielleicht gar keine energische 
Vorstellung beim Andern entspricht. Der Wille zur 
Einpflanzung kann auch ein unbewusster, in den sonnam- 
bulen Hirnschichten wohnender sein, insofern die drin- 
gende Herzenssehnsucht den Wunsch erzeugt, sich einer 
geliebten Person vernehmlich zu machen; so können 
Schlafende diesen unbewussten Willen haben und ihre 
Traumbilder auf entfernte Wache oder Träumende 
übertragen. Mit dem Erlöschen der motivirenden Ge- 
fühle (Heimweh, Liebessehnsucht) pflegt dann auch der 
unbewusste Wille zur Vorstellungseinpflanzung zu ver- 
schwinden. Alle Berichte über willkürliche Einpflanzung 
anschaulicher Vorstellungen in eine entfernte Person 
weisen darauf hin, dass das Gelingen solcher Versuche 
von der Fähigkeit des Wollenden, sich vorübergehend 
in offenen oder larvirten Sonnambulismus zu versetzen, 
ebensosehr abhängt wie von der Sensivität des Em- 
pfangenden und der Stärke des gemüthlichen Rapports 



- 6 3 — 

zwischen beiden. Der Erfolg scheint leichter, wenn die 
empfangende Person sich in träumendem oder halb- 
wachem Zustand befindet, d. h. in einem Zustand, in 
welchem ihr waches Bewusstsein mehr oder minder 
unterdrückt ist. 

Am sichersten scheint der Erfolg, wenn zwei 
Personen sich eine bestimmte Minute verabreden , in 
welcher sie ihre Gedanken auf einander richten und 
beide sich in offenen oder larvirten Sonnambulismus 
versetzen, und zwar muss der willensstärkere von 
beiden die aktive, der sensitivere von beiden die passive 
Rolle übernehmen. Haben sich zwei Personen auf 
diesen Fernverkehr erst eingeübt, so ist die Anknüpfung 
zwischen ihnen jederzeit herzustellen, indem der auf 
den einen gerichtete Wille des Andern in jenem zu- 
nächst ein unbestimmtes Gefühl oder eine ferne Licht- 
erscheinung, oder sonst ein Merkmal wachruft, das ihm 
als Weckersignal dient und ihn veranlasst, sich in son- 
nambulen Zustand zur Perception bestimmterer Vor- 
stellungen zu versetzen. Auf diese Weise sind die 
Geweihten höherer Grade in den Geheimbrüderschaften 
Tübets darauf eingeübt, mit einander Fernverkehr ohne 
Telegraphendrähte unterhalten zu können, und ähnliche 
Versuche sind in Europa vielfach gelungen. *) Sie haben 
am meisten Aussicht zwischen Magnetiseur und Son- 
nambule, falls der Magnetiseur im Stande ist, sich in 
offenen oder larvirten Sonnambulismus zu versetzen. 

Personen, zwischen denen kein gemüthli eher Rapport 
besteht, werden keine Aussicht auf Gelingen einer 
Vorstellungsübertragung auf grössere Ferne haben; in 
diesem Falle muss räumliche Nähe oder materielle Ver- 
bindung die Uebertragung erleichtern, wenn sie über- 
haupt zu Stande kommen soll. Je näher die beiden 
Personen in demselben Zimmer sich stehen, desto besser 
gelingt die Uebertragung, während bei der Uebertragung' 
über grosse Länderstrecken hin ein Einfluss der 
grösseren oder geringeren Entfernung nicht mehr be- 
merklich ist. Die Anwesenheit andrer Personen wirkt 
störend, weil alsdann die sich kreuzenden Einflüsse alier 



*J Vgl. Psych. Stud. VII, 481— 4S8, VI, 294—301, 344— 35: 
ferner du Frei „Das Gedankenlesen", S. 24 — 26. 



— 6 4 — 

ihrer Vorstellungen die eine zu percipirende Vorstellung 
trüben und verwirren ; insbesondere müssen Zuschauer 
in grösserer Entfernung vom Aufnehmenden stehen als- 
der Uebertragende. Auch bei verbundenen Augen 
scheint Gegenüberstellung beider für den Erfolg gün- 
stiger als Hintereinanderstellung. Wenn mehrere Per- 
sonen sich verabreden, dieselbe Vorstellung zum Be- 
wusstseinsinhalt zu nehmen, so erleichtert diess dieUeber- 
tragung um so mehr, je grösser die Zahl ist, offenbar 
durch eine ähnliche Multiplikation oder Steigerung 
der Einwirkung, wie sie durch Verstärkung des Ein- 
pflanzungswillens und durch Verlebendigung der Vor- 
stellung in einem Einzelnen erreicht wird. 

Sehr erleichternd wirkt Berührung beider Personen, 
Anlehnen von Stirn gegen Stirn, Auflegen der Hand 
auf Stirn, Scheitel oder Hinterkopf, Erfassen der Hände ;. 
da jedoch hier schon der Einfluss des unbewussten 
Verstehens unwillkürlicher Muskelbewegungen mit in's 
Spiel kommt, so können solche Ergebnisse nicht mehr 
für unvermittelte Gedankenübertragung beweisen. 
Besser ist es schon, eine Kette von Händen zwischen 
beiden Personen zu bilden; doch treten hier die 
Zwischenpersonen störend ein, und man erhält nur dann 
noch positive Ergebnisse, wenn der Empfangende son- 
nambul ist und zu dem Uebertragenden in magnetischem 
Rapport , zu den Zwischenpersonen aber in keinem 
Rapport steht (Ps. St. IV, 298). Es ist mir unbegreiflich, 
dass man die Versuche noch nicht mit unorganischen 
Leitungen verschiedener Stoffe (Metalldrähten, feuchten 
Schnüren u. s. w.) angestellt hat, da sich hier jede Ueber- 
tragung von unwillkürlichen Muskelbewegungen durch 
Einschaltung von Z wisch enbefestigungen mit Sicherheit 
vermeiden lässt. Zwischen Magnetiseur und Sonnam- 
bule bedarf es keiner Berührung oder Leitung, um 
Sinnesempfindungen und Gedanken des Ersteren auf 
die Letztere zu übertragen (Ps. St. III, 529 — 531). Auch 
bei diesen Versuchen scheint das Licht einen störenden 
Einfluss zu haben, was als Bestätigung für die ent- 
sprechende Behauptung der Medien gelten kann; ausser- 
dem ist jede Ermüdung sorgfältig zu vermeiden, und 
Reihen von 30 bis 100 Versuchen hinter einander, 



- 6 5 — 

wie Richet sie angestellt hat, als principiell verfehlt zu 
verwerfen. 

Was den Inhalt der Vorstellungen betrifft, so 
scheinen Gefühle, Gemüthsstimmungen und entschieden 
ausgeprägte Empfindungen der niederen Sinnesorgane 
am leichtesten übertragbar zu sein. Uebertragung 
musikalischer Empfindungen und Empfindungskombina- 
tionen scheint noch nicht versucht zu sein, obwohl das 
Telephon als Hilfsmittel sinnlicher Vergegenwärtigung 
solche Versuche erleichtert; natürlich muss der Er- 
rathende musikalisch genug sein, um die gehörten 
Accorde zu bezeichnen, oder die gehörten Motive nach- 
zusingen. Im Bereich der Gesichts Vorstellungen ist die 
Uebertragung um so leichter, je mehr die Vorstellung 
durch hallucinatorische Deutlichkeit und Lebendigkeit 
sich der Wahrnehmung annähert; vielleicht liegt der 
alleinige Grund für die Erleichterung der Uebertragimg 
in die Ferne bei Versetzung des Uebertragenden in 
sonnambulen Zustand darin, dass nur dieser Zustand 
eine hallucinatorische Deutlichkeit und Lebendigkeit der 
Vorstellungen ermöglicht. Was nicht sinnliche Wahr- 
nehmung oder lebendige Reproduktion von solcher ist, 
wird um vieles schwerer übertragen, am leichtesten 
noch dann, wenn es sich in die sinnliche Wahrneh- 
mungsform innerlich gesprochener und gehörter Worte 
kleidet. 

Alle Ueb ertragungen in die Ferne bestehen in 
hallucinatorischen Gesichtsbildern, meist der Gestalt 
selbst desjenigen, der sich dem fernen Lieben persön- 
lich kundgeben möchte ; ich kenne keinen Fall, wo die 
von der Phantasie des Empfangenden einer solchen 
Gestalt in den Mund gelegten Worte von dem Ueber- 
tragenden als seine Wortvorstellungen verificirt worden 
wären. Alle Kundgebungen in die Ferne vollziehen sich 
durch mimische Bewegungen der eingepflanzten Hallu- 
cination oder durch symbolische Zuthaten zu denselben; 
aber niemals übertragen sich abstrakte Gedanken als 
solche in die Ferne. 

In der unmittelbaren Nähe sind unter günstigen 
Umständen nicht nur Worte, Sätze und Zahlen, sondern 
auch abstrakte Gedanken und sogar ein gar nicht in 
Worte gekleideter Gedankengehalt übertragbar. Son- 

Hartmann, Spiritismus. c 



— 66 — 

nambule vollziehen mit ziemlicher Sicherheit die Ge- 
dankenbefehle des Magnetiseurs (Ps. St. VI, 103 — 106), 
zumal wenn sie erst diese Art der Uebertragung geübt 
haben ; sie sind im Stande, Worte und Sätze in un- 
verstandenen Sprachen schriftlich und mündlich zu 
wiederholen, welche der Magnetiseur oder auch eine 
andre mit ihnen in Rapport gesetzte Person mit der 
Absicht der Uebertragung sich innerlich vorspricht, ja 
sogar sie verstehen den Sinn derselben, soweit der 
Uebertragende denselben versteht und beim lauten oder 
innerlichen Sprechen der Worte mit erfasst. Der Be- 
weis dafür liegt darin, dass Sonnambule auf Fragen, 
die in ihnen unbekannten Sprachen gestellt werden, in 
den ihnen geläufigen Sprachen sinngemäss antworten, 
aber die Antwort schuldig bleiben, sobald die Frage 
in einer Sprache gestellt wird, die der Fragende selbst 
nicht versteht.*) Hier ist es klar, dass ein Gedanken- 
gehalt übertragen wird, der durch sich selbst, abgesehen 
von den für den Sonnambulen unverständlichen Worten, 
an denen er haftet, verständlich wird; es ist diess der 
vergeistigste Fall von Gedankenübertragung, der sich 
überhaupt denken lässt. 

Wo der Wille zur Uebertragung in dem Besitzer 
der Vorstellung weder als bewusster noch als un- 
bewusster vorhanden ist, aber der bewusste oder 
unbewusste- Wille zur Perception in dem Errathenden 
besteht, da kann man im genauen Sinne des meist 
in zu weitem Umfang gebrauchten Wortes von „Ge- 
dankenlesen" sprechen, dem sich das „Charakter- 
lesen" anschliesst. Ein Sonnambuler, welcher mit einer 
ihm bisher gänzlich unbekannten Person durch direkte 
Berührung, oder durch das Mittelglied des Magnetiseurs, 
oder durch Berührung eines die persönliche Aura des 
Betreffenden enthaltenden Objekts in Rapport gesetzt 
wird, empfängt einen gewissen Gesammteindruck von 
der Person, der sich aus einer Summe von sympathi- 
sche und antipathischen Eindrücken zusammensetzt. 
Wenn nun der Wille des Sonnambulen sich auf die 
Verdeutlichung, Zergliederung und Wiedergabe dieser 
Eindrücke richtet, so wird dabei nach Maassgabe seiner 



*) Du Prel, „Das Gedankenlesen", S. 19 — 22. 



- 67 - 

Sensitivität und seiner Fähigkeit zur Uebertragung der 
sensitiven Eindrücke in Worte ein mehr oder minder un- 
vollständiges, unbestimmtes und ungenaues, aber doch 
nicht ganz unähnliches Bild der Persönlichkeit, ihres 
Charakters, ihrer augenblicklichen Gefühle und Stim- 
mungen und unter Umständen auch ihrer augenblick- 
lich Vorstellungen herauskommen. Das Gedankenlesen 
kann endlich zum unwillkürlichen Empfangen von Ein- 
drücken werden, wenn die Sensitivität des Sonnambulen 
sehr hoch gesteigert, und die sonstigen Bedingungen 
günstig sind. 

Was dabei die übertragenen Vorstellungen perci- 
pirt, ist immer nur das sonnambule Bewusstsein, nie- 
mals das wache Bewusstsein unmittelbar. Wenn das 
sonnambule Bewusstsein das allein bestehende ist, und 
über die Verständigungsmittel der Sprachwerkzeuge 
gebietet, so ist es nicht schwer, durch Abfragen den 
Thatbestand der stattgehabten Vorstellungsübertragung 
festzustellen. Anders, wenn das percipirende sonnam- 
bule Bewusstsein durch das wache Bewusstsein larvirt 
ist, und dieses die Alleinherrschaft über die Sprach- 
werkzeuge und die willkürlichen Muskeln besitzt. In 
solchem Falle kann man überhaupt gar nicht sagen, ob 
hinter dem wachen Bewusstsein ein sonnambules Be- 
wusstsein besteht oder nicht, und ob es, wenn es be- 
steht, die Vorstellungen Andrer percipirt oder nicht. 
Nur dann, wenn die Trennung zwischen sonnambulem 
und wachem Bewusstsein keine vollständige ist, son- 
dern ein leiser Schimmer des sonnambulen Bewusst- 
seinsinhalts unvermerkt in das wache Bewusstsein hinein- 
dämmert und dem Inhalt desselben eine schwache Färbung 
giebt, nur dann könnte man daran denken, mittelbar 
aus dem wachen Bewusstseinsinhalt auf eine stattgehabte 
Vorstellungsübertragung ins sonnambule Bewusstsein 
zurückzuschliessen. 

Man muss also das wache Bewusstsein eines 
normalen Menschen rathen lassen, was der Andre für 
Vorstellungen im Bewusstsein hat, und wenn dieses in 
einer langen Versuchsreihe besser räth als die Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung ergiebt, wird man berechtigt 
sein, dieses Plus auf Rechnung eines geheimen Ein- 
flusses des gedankenlesenden sonnambulen Bewusstseins 



68 — 

zu setzen, das auch im normalen Menschen verborgen 
liegt. Diese Versuche sind von Richet angestellt, *) und 
haben für das Errathen der Couleur von Spielkarten 
etwa 10 °/ bessere Resultate ergeben, als die Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung, mit deren Ergebniss die blinden 
Controlversuche übereinstimmen; wären nicht alle Er- 
gebnisse bei ermüdetem und übermüdetem Gehirn mit 
in Rechnung gestellt, so würde der Procentsatz zu 
Gunsten einer Beeinflussung des wachen Bewusstseins 
durch das sonnambule wohl erheblich grösser aus- 
gefallen sein. Es ist dringend wünschenswerth, die 
Versuche mit Vermeidung jeder Ermüdung und mit 
Ausschluss des Lichts in grösserem Maassstabe zu 
wiederholen, ausserdem aber neue Versuchsreihen an- 
zuschliessen, in welchen einerseits zwischen den Köpfen 
beider Personen eine Leitung angebracht wird, andrer- 
seits die Zahl der übertragenden Personen schrittweise 
vermehrt und die Entfernung zwischen ihnen und dem 
Rathenden variirt wird. 

Hat man mit Sensitiven zu thun, so gewinnen die 
Resultate ein ganz andres Aussehen. Während beim 
normalen Menschen unter normalen Bedingungen das 
sonnambule Bewusstsein nicht bloss unterhalb der 
Schwelle bleibt, sondern auch keinen merklichen Ein- 
fluss auf den Inhalt des wachen Bewusstseins besitzt, 
zeigt sich beim Sensitiven eine merkliche Beeinflussung 
des wachen Bewusstseins durch das sonnambule, welche 
beträchtlich gesteigert werden kann , wenn jeder 
störende und zerstreuende äussere Eindruck auf das 
wache Bewusstsein vermieden wird, und dessen Auf- 
merksamkeit sich auf die aus der sonnambulen Sphäre 
hinüberspielenden Reize koncentrirt. Die Versuche 
Baretts an gesunden aber sensitiven Kindern zeigen, 
dass die erfolgreichen Fälle der Uebertragung anschau- 
licher Vorstellungen (z. B. herbeizuholender Gegen- 
stände) von einer vorstellenden Person auf die Sen- 
sitive die wahrscheinliche Ziffer um mehr als ioo °/ 
übersteigen können, und dass bei der Uebertragung 
von mehreren die gleiche Vorstellung fixirenden Per- 



*) „La Suggestion mentale et le calcul des probabilites" (Revue philo- 
sophique 1884, No. 12 p. 609—674; 1S85, No. 1 p. 115 — 118). 



- 6 9 - 

sonen die Chancen fast bis zur Sicherheit des Ge- 
lingens steigen können, so dass der Sensitive schon 
im Vorzimmer die Vorstellung - der drinnen Sitzenden 
errieth. *) 

Noch günstiger werden die Bedingungen, wenn 
die Schwierigkeiten des Uebergangs der Vorstellung 
aus dem sonnambulen in's wache Bewusstsein ver- 
mieden werden, d. h. wenn die Versuchsbedingungen 
so eingerichtet werden, dass das bestehende wache 
Bewusstsein gar nichts von dem Errathen und Kund- 
geben erfährt. Diess ist möglich, wenn die Reflex- 
hemmungen der das wache Bewusstsein tragenden 
Hirntheile so weit abgeschwächt sind, um der Aus- 
sendung unwillkürlicher Innervationsimpulse durch die 
das sonnambule Bewusstsein tragenden Hirntheile Raum 
zu geben. Diess geschieht im Zustande eines larvirten 
Sonnambulismus, wo das vom wachen Bewusstsein ver- 
hüllte sonambule Bewusstsein entweder durch unwill- 
kürliche Muskelbewegungen oder durch mediumistische 
Nervenkraft seinen Inhalt kundgiebt. Schon die Wünschel- 
ruthe ist selbst für anscheinend normale und nicht sen- 
sitive Menschen ein treffliches Hilfsmittel, um durch 
unwillkürliches Hinweisen die Vorstellungen andrer zu 
errathen, sofern diese auf einen im Zimmer befindlichen 
Gegenstand fixirt sind, und liefert Ergebnisse, welche 
die wahrscheinliche Ziffer der Erfolge um das Zwei- 
bis Dreifache übertreffen (Revue phil. 1184 No. iz r 
p. 639 suiv.). 

Noch überraschender werden aber die Ergebnisse,, 
wenn man den klopfenden Tisch, oder den Psycho- 
graphen zu Hilfe nimmt, wozu freilich längere Vor- 
übung als zum Gebrauch der Wünschelruthe gehört. 
Das unwillkürliche Schreiben mit der Hand lässt zu 
sehr einer Verwechselung mit willkürlichem Schreiben 
und dem Verdacht einer absichtlichen Täuschung Raum, 
als dass es sich zu beweiskräftigen Versuchen eignete; 
aber bei der fernwirkenden Schrift der Medien, wo 
die Verwechselung mit willkürlicher Schrift wegfällt, 



*) IJarett, Prof. der Physik am Royal College of Science für Irland: 
„Ueber Gedankenlesen", ein Vortrag (Ps. St. X, 105 — m, 395 — 403, 

451—458, xi, 57—63). 



— yo — 

hat man ein möglichst reines Versuchsmaterial, das als 
zweifelloser Ausdruck des larvirten sonnambulen Be- 
wusstseins denn auch in der That die überraschend- 
sten Beweise von Gedankenlesen liefert. Wenn z. B. 
die Fragen in eine verschliessbare Tafel geschrieben 
werden, auf deren zweiter Innenseite alsdann das Medium 
fernwirkend die Antwort schreibt (Ps. St. IV, 388, XI, 
497), so liegt doch keine Erklärung näher als die, dass 
das sonnambule Bewusstsein des Mediums die Frage 
aus der Vorstellung des sie Niederschreibenden percipirt 
und darauf die Antwort ertheilt. 

Das Gedankenlesen wird dadurch noch verwickelter 
und der Erkennung entrückter, dass nicht bloss Vor- 
stellungen des wachen Bewusstseins, sondern auch solche 
des larvirten sonnambulen Bewusstseins der Anwesen- 
den in das sonnambule Bewusstsein des Mediums über- 
gehen können. Mit vollständiger Sicherheit würde sich 
diese Behauptung nur dadurch feststellen lassen, dass 
man mit zwei Medien experimentirt, und von dem einen 
die Antworten errathen lässt, welche das andre auf ge- 
stellte Fragen ohne Vorwissen seines wachen Bewusst- 
seins ertheilt. Mit annähernder Gewissheit lässt sich 
die Thatsache aber auch daraus erschliessen , dass die 
Sonnambulen häufig über die Vergangenheit des Fra- 
genden eine Auskunft ertheilen, welche den augen- 
blicklichen Erinnerungen seines wachen Bewusstseins 
widerspricht, dass sie aber dem Widerspruch gegenüber 
auf ihrer Auskunft beharren, und dass entweder die 
durch ihre Hinzufügung näherer Umstände geschärfte 
Erinnerung den eigenen Irrthum sofort anerkennt, oder 
dass später das durch zufällige Anlässe auf richtigere 
Fährte gelenkte Gedächtniss die Behauptung der Son- 
nambulen bestätigt.*) Gewöhnlich werden solche Fälle 
bereits als Hellsehen behandelt, doch scheint die An- 
nahme näher zu liegen, dass in dem Fragenden ein 
larvirtes sonnambules Gedächtniss existirt, welches, 
durch die Frage angeregt, vermöge seiner Hyperästhe- 
sie sich richtigere Erinnerungen vergegenwärtigt, als das 
schwerfälligere Gedächtniss des wachen Bewusstseins. 
Es kann ferner einer der Anwesenden, dessen Interesse 



*) Du Prel, „Das Gedankenlesen", S. 22 — 23. 



nach einer bestimmten Richtung hin erregt ist, in seinem 
larvirten sonnambulen Bewusstsein Erinnerungsvorstel- 
lungen von früher gehörten oder gelesenen Sätzen in 
fremden Sprachen haben; diese Vorstellungen können 
vom Medium durch Gedankenlesen errathen und unwill- 
kürlich geschrieben (oder abgeklopft) werden, ohne dass 
das wache Bewusstsein des Anwesenden die ihm sich 
darbietenden Ergebnisse als seine Erinnerungen an- 
erkennt, *) 

Da die in Rede stehenden Beispiele nicht eben 
häufig sind, und da es andrerseits einen nicht unbe- 
trächtlichen Procentsatz von Menschen giebt, bei denen 
das unterhalb der Schwelle liegende larvirte sonnam- 
bule Bewusstsein eine gewisse Lebhaftigkeit besitzt, so 
steht nichts der Vermuthung entgegen, dass es nur 
solche Menschen mit larvirtem sonnambulen Bewusst- 
sein sind, denen gegenüber die fragliche Erscheinung 
in Sonnambulen zu Stande kommt. Tritt ein solcher 
Fall ein, dass ein Sonnambuler zwei gleichzeitige von 
einander abweichende Vorstellungen in dem sonnam- 
bulen und wachen Bewusstsein des Fragenden sich 
gegenüber hat, so ist es nach dem Vorhergehenden 
nicht zu verwundern, dass die mehr hallucinatorische 
Vorstellung des sonnambulen Bewusstseins leichter per- 
cipirt wird als die mehr abstrakten Gedanken des 
wachen Bewusstseins, so dass die Erscheinung unter 
diesen Voraussetzungen sich auch ohne Hellsehen erklärt. 

Slade schaute beispielsweise die Ziffern, welche auf 
drei Münzen in verklebten Pappschachteln enthalten 
waren, und Zöllner findet darin ein Beispiel von wirk- 
lichem Hellsehen, weil er die Münzen schon lange Zeit 
vorher in die Schachteln gethan hatte, und sich nicht 
einmal mehr genau erinnerte, was für Geldsorten es 
gewesen waren. Grade in diesem Falle scheint es mir 
zweifellos, obwohl die nachherige Bestätigung durch Be- 
richtigung der Zolin ersehen Erinnerung fehlt, dass es 
sich nicht um Hellsehen sondern um Gedankenlesen son- 
nambuler Vorstellungen handelte. Denn dass Zöllner 
ein larvirter Sonnambuler war, der ohne sein Wissen 



*) Vgl. Aksakovv's schon oben erwähnte „Philologische Räthsel, me- 
diumistisch aufgegeben". 



— 72 — 

mit Slade kooperirte, ist nach der ganzen Beschaffenheit 
der in jenen Sitzungen zu Tage getretenen Erscheinungen 
höchst wahrscheinlich, und ebenso wahrscheinlich ist es, 
dass Zöllner beim Einpacken der Geldstücke dieselben 
genau betrachtet hat. Diese beiden Voraussetzungen 
genügen aber, um zuzugeben, dass erstens Zöllners son- 
nambules Gedächtniss die Zahlen der Münzen in sich 
aufgenommen hatte, und dass zweitens bei der Spannung 
der Aufmerksamkeit auf den Gegenstand das hyper- 
ästhetische sonnambule Gedächtniss sich diese Zahlen 
deutlich vergegenwärtigte, während das Gedächtniss des 
wachen Bewusstsein s sich vergeblich abmühte, sich auch 
nur der Geldsorten zu erinnern. Unter solchen Um- 
ständen konnte Slade's sonnambules Bewusstsein durch 
Vorstellungsübertragung die Zahlen percipiren, und das 
Auffallende bei dem Beispiel liegt nur darin, dass diese 
Perception so lebhaft war, um sie als visionäres Schauen 
in's wache Bewusstsein hinüberzuleiten und zum Aus- 
sprechen zu bringen, falls man nicht die Annahme vor- 
zieht, dass in diesem Augenblick das wache Bewusst- 
sein Slade's unter die Schwelle gesunken war und das 
sonnambule sich der Sprachwerkzeuge bemächtigt hatte. 
Da Slade zugleich Sprechmedium ist, so liegt auch für 
die letztere Annahme kein Hinderniss vor. 

Ein Medium hat jederzeit das lebhafte Interesse, 
die offnen und die geheimen Gedanken der Anwesenden 
zu errathen ; denn es hat das Interesse, überraschende 
Kundgebungen zu Tage zu fördern, und nichts kann 
überraschender für den „gesunden Menschenverstand "■ 
sein, als Kundgebungen einer Kenntniss, welche die An- 
wesenden mit keinem andern zu theilen glauben, oder 
welche sich sogar ihrem wachen Bewusstsein entzieht. 
Der Wille zur Perception ist deshalb im Medium stets 
als vorhanden vorauszusetzen. Arbeitet aber das Me- 
dium mit Personen, welche ihrerseits gleichfalls ein leb- 
haftes Interesse an dem Zustandekommen auffallender 
Erscheinungen haben, so muss in diesen sich der Wille 
entwickeln, das Medium nach Kräften zu unterstützen 
und ihm die Schwierigkeiten seiner Aufgabe zu er- 
leichtern. Dadurch wird aber auch der unbewusste Wille 
zur Vorstellungsübertragung angeregt. Ausserdem be- 
rühren sich bei Cirkelsitzungen die Hände beider Per- 



/o 

sonen, so dass alle Bedingungen für die Gedankenüber- 
tragung so günstig als möglich sind. Ist dann gar noch 
der Anwesende ein larvirter Sonnambuler wie Zöllner, 
so darf man sich über die das Durchschnittsmaass über- 
treffenden Erfolge solcher Sitzungen kaum noch wundern. 

Für Versuche über absichtliche Vorstell ungs Über- 
tragung kann es keine geeigneteren und bequemeren 
Objekte geben, als Medien, welche die Fähigkeit zu 
fern wirkendem Schreiben besitzen; man muss nur end- 
lich aufhören, die Nervenkraft solcher Medien zu einem 
kindischen Spiel mit thörichten Orakelfragen zu miss- 
brauchen und zu einem systematischen Experimentiren 
übergehen. Diese Versuche müssten zuerst die Em- 
pfindungen der einzelnen Sinne betreffen und allmählich 
zu immer abstrakteren Vorstellungen aufsteigen; es 
müsste auch die Entfernung des Uebertragenden vom 
Medium allmählich vergrössert und der Procentsatz der 
erfolgreichen Versuche in seiner Abhängigkeit von der 
Entfernung untersucht werden. Für die Einwirkung aus 
grösseren (meilenweiten) Entfernungen müsste man dann 
ein zweites Medium heranziehen und auch hier festzu- 
stellen suchen, ob ein Einfiuss der Entfernung besteht, 
und welcher Art er ist. Bisher bieten die spiritistischen 
Sitzungen für Vorstellungsübertragung aus grösserer 
Ferne noch kein Material, weil vorläufig nur immer das 
Medium der aktive Theil ist, anstatt sich, wie es bei 
solchen Versuchen nöthig ist, zum passiven Verhalten 
gegen ein anderes Medium an einem fernen Ort herab- 
zusetzen. 

Du Prel geht noch weiter und nimmt an, dass sich 
das Gedankenlesen nicht bloss auf solche Vorstellungen, 
welche aktuell im sonnambulen Bewusstsein gegenwärtig 
sind, sondern auch auf den latenten Gedächtnissinhalt 
erstrecke (Gedankenlesen S. 22). Als Beweis könnte 
die von ihm (9 — 10) angeführte Fähigkeit verschiedener 
Individuen (theils Besessener, theils kirchlicher Würden- 
träger, theils gewöhnlicher Menschenkinder wie Zschocke) 
gelten sollen, beim ersten Anblick eines Menschen und 
beim Hören seiner Stimme die Hauptmomente seines 
Lebens auschaulich an sich vorüberziehen zu sehen. Du 
Prel geht dabei von der Annahme aus, dass das aktuelle 
sonnambule Bewusstsein zugleich das latente Gedächt- 



— 74 — 

niss des wachen Bewusstseins sei, hat also nur mit der 
Schwierigkeit zu thun, wie aus dem gleichzeitigen Durch- 
einander aller wichtigen und unwichtigen Erinnerungen 
im sonnambulen Bewusststein die wichtigeren in geord- 
neter Reihenfolge herausgelesen werden sollen. Da ich 
dem sonnambulen Bewusstsein ebensogut wie dem 
wachen nur einzelne aktuelle Vorstellungen und daneben 
ein latentes Gedächtnissmaterial in den molekularen 
Prädispositionen der zu Grunde liegenden Hirntheile 
zuschreibe, so müsste ich eine hellssehende Uebertragung 
der molekularen Hirnprädispositionen supponiren, wenn 
nicht die Auskunft bliebe, dass der Gedankenleser durch 
seinen unbewussten Willen zum Charakter- und Schick- 
sallesen das sonnambule Bewusstsein der betreffenden 
Person zur Rückerinnerung an die Hauptmomente ihres 
Lebens magnetisch zwingt und die so aktualisirten An- 
schauungen percipirt.*) Diese Annahme verdient meiner 
Meinung nach immer noch den Vorzug vor der andern, 
dass der Seher durch den sinnlich hergestellten Rapport 
mit der Person angeregt wird, deren Schicksale nebst 
den Schauplätzen einer Wendepunkte hellsehend aus 
sich zu restituiren. 

Vom Gedankenlesen unterscheidet sich nämlich das 
Hellsehen dadurch, dass dort nur die aktuellen Vor- 
stellungen wacher, träumender oder sonnambuler Per- 
sonen durch eine gewisse Resonanz des eignen son- 
nambulen Bewusstseins percipirt werden, während hier 
nicht mehr fremder Bewusstseinsinhalt sondern that- 
sächliche objektiveErscheinungen als solche ohne die 
normale Vermittelung der Sinneswerkzeuge percipirt 
werden.**) Der Ausschluss der Wahrnehmung durch die 
normalen fünf Sinne schliesst zunächst keineswegs aus, dass 
doch irgend eine sinnliche Vermittelung stattfindet ; aber 
diese Vermittelung wirkt nicht auf Gesicht, Gehör, Ge- 
ruch, Geschmack oder Tastsinn, sondern auf das sen- 



*) Zschocke: „Eine Selbstschau" (Aarau, Sauerländer, 1842), Bd. I, 
S. 273—276. 

**) Dieser Unterschied zwischen Gedankenlesen und Hellsehen ist 
schon von Gregory in seinen „Letters on animal magnetism" (1851) be- 
tont werden, hat aber bis jetzt nur zu wenig Beachtung gefunden (Vgl. 
Wallace „Die wissenschaftliche Ansicht des Uebernatürlichen", deutsch von 
Wittig, S. 24—26). 



75 — 

sitive Gefühl, dessen Wahrnehmungen dann erst durch 
das sonnambule Bewusstsein in Gesichts- oder Gehörs- 
oder Gedanken-Vorstellungen umgesetzt werden. Am 
leichtesten erklärlich ist das sensitive Gefühl für die 
persönliche Ausdünstung von Menschen oder Thieren, 
Wahrnehmung unbemerkter Katzen, Bezeichnung des- 
jenigen unter mehreren Gläsern mit Wasser, in welches 
ein Mensch den Finger getaucht hat (Ps. St. X, 113 — 
1 14, 255 — 257), weil hier keine Umsetzung in die Wahr- 
nehmungsformen eines der fünf Sinne statt zu finden 
braucht, sondern sofort der Gedanke sich einstellt. 
Schwieriger erklärlich ist es schon, wenn ein Sonnam- 
buler durch sein Gefühl die Zeit richtig angiebt, welche 
eine beliebig gestellte und in ein Kästchen gelegte Uhr 
zeigt, wobei er die Gegenstände an die Seite des Kopfes 
legt und dann gleichsam zu sehen glaubt (III, 532), oder 
wenn er den Wortlaut von Devisen angiebt, die in 
Nüssen eingeschlossen erst kurz vorher gekauft und 
keinem der Anwesenden bekannt sind (IV, 29g). Noch 
komplicirter wird der Fall, wenn der Magnetiseur den 
Finger auf ein beliebiges ihm unbekanntes Wort der 
Zeitung setzt und die Sonnambule das Wort angiebt; 
hier müsste man, um das eigentliche Hellsehen zu um- 
gehen, schon annehmen, dass das sonnambule Bewusst- 
sein des Magnetiseurs durch seinen Finger das Wort 
percipire, und dass der Sonnambule diese Vorstellung 
durch Uebertragung des Gedankens erhalte. Die Schwie- 
rigkeit steigert sich weiter, wenn ein Medium durch 
fernwirkende Schrift eine beliebig angegebene Seite 
eines unter den Tisch gelegten geschlossenen Buches 
abschreibt, wenngleich gerade bei mediumistischen 
Sitzungen auf eine beträchtliche Erweiterung der sensi- 
tiven Wahrnehmungssphären des Mediums zu rechnen ist. 
Dem eigentlichen Hellsehen schon näher stehen die 
Fälle, wo das sensitive Gefühl nur zur Herstellung des 
Rapports, zur Hinlenkung des sonnambulen Bewusst- 
seins auf diesen Punkt oder Gegenstand unter unendlich 
vielen möglichen, aber nicht als Ersatz der Sinneswahr- 
nehmung, d. h. zur Uebermittelung des gesammten Vor- 
stellungsgehalts dient. Wenn z. B. ein Sonnambuler 
aus dem Gefühl einer Haarlocke die Art der Schmerzen 
und die Natur der Krankheit bestimmt, an welchen 



- 7 6 - 

die entfernte und ihm fremde Person leidet, oder durch 
ein Stück Elephantenzahn , das unter Lava gefunden 
worden, zu Visionen von Elephantenheerden und Vulkan- 
ausbrüchen angeregt wird, oder wenn ein Sensitiver, 
zu Hallucinationen Geneigter durch das unter den Dielen 
seines Schlafzimmers liegende trockne Blut zu Visionen 
eines Selbstmörders oder einer Mordthat angeregt wird, 
welche mit den ihm unbekannten vergangenen That- 
sachen dieses Orts übereinstimmen, oder wenn jemand 
durch unwillkürliches Schreiben die dreihundert Jahr alte 
poetische Widmung eines Spinetts, die er erst später 
in einer Spalte versteckt auffindet, im voraus wenn auch 
nicht wortgetreu so doch sinngetreu aufzeichnet,*) so 
ist in allen diesen Fällen Hellsehen im Spiele. In diesen 
Beispielen ist aber die Möglichkeit der unbewussten ge- 
fühlsmässigen Rekonstruktion der Ursachen aus den em- 
pfundenen "Wirkungen noch verhältnissmässig gross ; 
denn wir können gar nicht wissen, bis zu welchem Grade 
der Feinheit die Spuren der vergangenen Ereignisse in 
ihren Residuen aufgespeichert sind und von einem Hoch- 
sensitiven herausgefühlt werden können. 

Dagegen schwindet die sinnliche Vermittelung auf 
ein unangebbares Minimum zusammen, wo statt einer 
sensitiven Gefühlswahrnehmung ein Willensinteresse 
die Herstellung des Rapports übernimmt, z. B. eine 
starke Liebe oder Freundschaft, oder ein mächtiger 
Patriotismus und Heimathssinn. Das Fernsehen gewal- 
tiger Naturereignisse in einem fernen Lande (Brände, 
Erdbeben, Krieg u. s. w.) könnte man, insofern es ein 
gleichzeitiges ist, noch auf Gedankenlesen in dem Be- 
wusstsein dort anwesender Personen zurückzuführen 
suchen, und den Blick in die Zukunft könnte man als 
unbewusste Schlussfolgerung aus den durch Gedanken- 
lesen erkannten gegenwärtigen Zuständen zu deuten 
versucht sein, da ja die gegenwärtigen Zustände ebenso 
den Keim der Zukunft in sich schliessen wie den Nieder- 
schlag der Vergangenheit. Indessen wird diese Deutung 
doch sehr schwierig, wo es sich um Ereignisse handelt, 
die nicht innerhalb des einfachen Verlaufs einer Causal- 
reihe liegen, sondern durch unvermuthete Kreuzung 



*) Owen, „Das streitige Land", I, 179 — 184. 



— 77 — 

von anscheinend weit auseirianderliegenden Causalreihen 
entspringen. *) 

Ein Leichenseher, d. h. ein solcher, der träumend 
oder wachend Todesfalle in seinem Bekanntenkreise 
oder Heimathsort voraussieht, kann aus den durch Ge- 
dankenlesen erkannten Gefühlen von Schwerkranken 
unbewusst schliessen, dass es mit denselben zu Ende 
geht, oder aus den durch Gedankenlesen erkannten 
Stimmungen eines Gesunden unbewusst schliessen, dass 
er nahe daran ist, zum Selbstmord zu schreiten. Aber 
warum tritt dann nicht das unmittelbare Ergebniss des 
Gedankenlesens in's wache oder träumende Bewusst- 
sein, warum erst ein Schluss aus diesem? Und warum 
sind es oft grade die unwesentlichen Details der Todes - 
art, oder des Leichenzuges, welche sich als voraus- 
schauende Vision vergegenwärtigen? Wie ist aus der 
gegenwärtigen Konstellation der Verhältnisse oder gar 
aus dem gegenwärtigen Bewusstseinsinhalt andrer 
Menschen zu entnehmen, dass beispielsweise ein Selbst- 
mörder grade diese Stelle in der Stadt aussuchen wird, 
um sich zu erschiessen, oder dass dieses Pferd scheuen, 
bäumen, den gesunden Reiter abwerfen und tödtlich 
verletzen wird? Wie ist es zu erklären, wenn eine 
Dame einen Leichenzug mit wohlbekannten Leid- 
tragenden vom Fenster aus durch ihren Garten ziehen 
sieht, der noch niemals zum Durchzug von Leichen 
benutzt ist, aber in Folge einer Wegzerstörung durch 
Ueberschwemmung nach einigen Tagen wirklich zum 
Durchzug des vorausgeschauten Leichenzuges geöffnet 
werden muss? Wie kann die Kenntniss von aller 
Menschen Gedanken im Geringsten dazu förderlich 
sein, um bevorstehende Feuersbrünste im Orte oder 
seinen Nachbarorten vorauszusehen, die durch Blitzr 
schlag oder andre zufällige, d. h. aus fern abliegenden 
Causalreihen entspringende Ereignisse bewirkt werden? 

In solchen Fällen scheint es weder eine sinnliche 
Vermittelung noch eine mögliche Zurückführung des 
Bewusstseinsinhalts auf Gedankenlesen zu geben, und 
der Rapport scheint lediglich durch das Interesse für 
den Bekanntschaftskreis oder den Heimathsort bedingt. 

*) Vgl. Du Prel: „Das zweite Gesicht" (Breslau bei Schottländer, 
1883, Preis 50 Pf.), S. 13—18. 



78 - 

In solchen Fällen erst hat man es zweifellos mit völlig 
reinem Hellsehen zu thun, das immer in hallucinatorischer 
Gestalt *), wenn auch häufig in symbolischer Einkleidung 
auftritt. Grade diese Art des „zweiten Gesichts" ist 
aber weit häufiger als man denkt, und man wird bei 
vertraulichen Erkundigungen in einem sehr grossen 
Procentsatz von Familien eine Leichenseherin oder 
„Spoekenkikerin" oder doch die Ueberlieferung von 
einer solchen finden. Dieses eigentliche Hellsehen kann 
darum weder auf Gedankenlesen noch auf sensitiver 
Auffassung von Aetherschwingungen irgend welcher 
Art beruhen, sondern muss als eine Fähigkeit zum 
geistigen Ueberspringen von Raum und Zeit anerkannt 
werden. Dabei ist die Hallucination, welche dem Bewusst- 
sein die Zukunft verkündet, offenbar nur das letzte 
Ergebniss absolut unbewusster psychischer Processe, 
welche als solche keiner sinnlichen und materiellen Ver- 
mittelung bedürfen. 

Entweder gesteht man solchen Thatsachen gegen- 
über der Individualseele das Vermögen absoluten, d. h. 
von Zeit und Raum unbeschränkten, Wissens zu, oder 
man geht von der Individualseele auf deren wesenhafte 
Wurzel im absoluten Geiste zurück; in beiden Fällen 
bedarf man keiner Beihilfe von aussen und keiner 
Zwischenglieder mehr, am wenigsten von den Geistern 
Verstorbener, die doch auch nur Individualseelen sind. 

Im ersteren Fall trennt man die Monaden oder In- 
dividuen von ihrem absoluten Grunde ab, aus dem sie 
doch nothwendig entsprossen sein müssen, schreibt 
ihnen eine Eigenschaft zu, welche nur dem Absoluten 
zukommt und geziemt; im andern Falle erinnert man 
sich der unzertrennbaren Nabelschnur, welche jedes 
Geschöpf mit seiner Allmutter Natur verbindet, und 
denkt daran, dass auch in dieser Nabelschnur geistige 
Säfte kreisen müssen, die nur für gewöhnlich nicht 
Gegenstand des Bewusstseins werden. Wenn alle In- 
dividuen höherer und niederer Ordnung im Absoluten 
wurzeln, so haben sie auch an diesem eine zweite rück- 



*) Es können ebensowohl Gehörs- wie Gesichts-Hallucinationen sein, 
z. B. kann sich das Voraussehen einer Feuersbrunst durch das Hören der 
Feuerglocken und des Feuerlärms vollziehen, oder das Vorauswissen in 
die gehörten Worte einer Phantasiegestalt gekleidet sein. 



— 79 — 

wärtige Verbindung unter einander, und es braucht nur 
durch ein intensives Willensinteresse der „Rapport" 
oder Telephonanschluss zwischen zwei Individuen im 
Absoluten hergestellt zu werden, damit der unbewusste 
geistige Austausch zwischen denselben sich auch ohne 
sinnliche Vermittelung vollziehen kann. Die Hyper- 
ästhesie der das sonnambule Bewusstsein tragenden 
Hirntheile macht die Inspirationen aus den absolut 
unbewussten (immateriellen) psychischen Funktionen 
der eigenen Individualseele um vieles leichter als der 
normale Erregbarkeitszustand der das wache Bewusst- 
sein tragenden Hirntheile; die absolut unbewussten 
Funktionen der Individualseele sind aber wiederum eo 
ipso Funktionen des absoluten Subjektes als eines ein- 
geschränkten, und das starke Willensinteresse dient 
zur Motivation solcher unbewusster Funktionen, welche 
auf das sonnambule Bewusstsein inspirirend wirken. 

Im absoluten Wissen des absoluten Geistes sind 
die Fäden aller Causalreihen ideell zu einer einzigen 
Gesammtanschauung verschlungen, deshalb ist aus ihr 
auch das scheinbar Zufällige an den Ereignissen der 
Zukunft im voraus bestimmbar. Die Allwissenheit des 
absoluten Geistes umspannt implicite im gegenwärtigen 
Weltzustand die Zukunft ebenso gut wie die Vergan- 
genheit; darum kann das Individuum vermöge eines 
intensiven Willensinteresses ebensowohl die Einzelheiten 
zukünftiger Ereignisse aus dem unbewussten Wissen 
des absoluten Geistes unbewusst herausschöpfen, wie 
es die Einzelheiten der gegenwärtigen Weltlage an 
räumlich von ihm entfernten Punkten aus demselben 
zu entnehmen vermag. Insofern die absolut unbe- 
wussten psychischen Funktionen verschiedener Indi- 
vidualseelen letzten Endes doch nur Funktionen des- 
selben absoluten Subjekts mit Beziehung aufverschiedene 
Organismen sind, lässt sich von diesem konkret-moni- 
stischen Standpunkt aus begreifen, dass das starke 
Willensinteresse einer Individualseele ausreicht, um ohne 
Rücksicht auf Entfernung im absoluten Subjekt Funktionen 
auszulösen, welche auf den Organismus eines andern 
Individuums gerichtet sind, und insofern als integrirende 
Bestandtheile oder Funktionen der zu jenem gehörigen 
Individualseele erscheinen. Wirken die so ausgelösten 



— 8o — 

Funktionen erregend oder inspirirend auf die sonnam- 
bulen Hirntheile, so ist die Hallucinationsübertragung in 
das sonnambule Bewusstsein eines Andern fertig. 

Diese gemeinsame Erklärung des Hellsehens und der 
Hallucinationsübertragung in weite Ferne scheint mir 
die einzig mögliche, während ich für die Vorstellungs- 
übertragung in unmittelbarer Nähe die Erklärung Ba- 
rett's für die richtige halte. Nach dieser erzeugt jede 
Gehirnschwingung, welche einer Vorstellung korrespon- 
dirt, eine Sphäre von Induktionsschwingungen im 
Aether, durch welche in andern Gehirnen ähnliche 
Schwingungen inducirt werden. Die erste Hälfte der 
Annahme ist nach unsern heutigen physikalischen An- 
schauungen fast unvermeidlich, und die Zweifel können 
sich nur darauf richten, ob die Induktionssphäre stark 
genug ist, um andre Hirne merklich zu beeinflussen, 
und ob die Art dieser Beeinflussung eine solche ist, um 
ähnliche Vorstellungen zu induciren. Die Thatsache, 
dass die das wache Bewusstsein tragenden Hirn- 
theile gar nicht, die sensitiveren sonnambulen Hirntheile 
aber merklich von fremden Vorstellungen beeinflusst 
werden, dass die Stärke dieser Beeinflussung mit der 
Entfernung rasch abnimmt und durch Licht gestört 
wird, lässt die Vermuthung gegründet erscheinen, dass 
die vorauszusetzende Induktionssphäre von Aether- 
schwingungen wirklich der Grund für das Zustande- 
kommen eines ähnlichen Schwingungskomplexes in 
einem nahestehenden Gehirn ist.*) 

Zweifelhafter ist die Entscheidung bei der Vorstel- 
lungsübertragung auf weite Ferne, wo du Prel und 
Hellenbach ebenfalls eine Vermittelung durch Aether- 
schwingungen annehmen. Ich glaube dagegen, dass 
dieser Fall mit dem Hellsehen zusammen unter eine 
Erklärung gehört, also auf eine wurzelhafte Kommuni- 
kation zwischen den Individuen durch Rapport oder 
Telephonanschluss im Absoluten hindeutet. Ich schliesse 
diess daraus, dass bei der Vorstellungsübertragung in 
weite Ferne kein Unterschied zwischen grösseren und 
geringeren Entfernungen zu bestehen scheint, dass hin- 

*) Näher ausgeführt und vertheidigt ist diese Hypothese von Prof. 
Dr. O. Simony in seiner Schrift: „Ueber spiritistische Manifestationen vom 
naturwissenschaftlichen Standpunkt", Wien bei Hartleben, 1884. 



— Si — 

gegen die Vorstellungsübertragung in unmittelbarer 
Nähe rasch mit der Entfernung (vermuthlich proportional 
dem Quadrat derselben) abnimmt und dadurch ziemlich 
bald an eine Grenze gelangt, wo der Einfiuss auch bei 
grösster Intensität eines einzelnen Willens aufhört. 
Allerdings sehen wir das Licht auf weite Entfernungen, 
aber doch nur mit einem eigens dafür organisirten 
Sinnesapparat und auch nur dann, wenn kein undurch- 
sichtiger Körper dazwischensteht; dabei erscheinen uns 
glühende Bälle von riesigen Abmessungen als ausdeh- 
nungslose schwache Lichtpunkte. Wenn auch Gravi- 
tation und Magnetismus durch undurchsichtige Körper 
hindurchwirken, so gehören doch ganz gewaltige Kräfte 
und entsprechend grosse Massen dazu, um bei Abnahme 
der Kraft im quadratischen Verhältniss der Entfernung 
auf weite Fernen hin eine beträchtliche Wirkung zu 
üben. Die lebendige Kraft der Schwingungen be- 
schränkter Gehirntheile , wie sie einer isolirten Vor- 
stellung korrespondiren, ist ganz unvergleichlich gering 
gegenüber dem Licht und der Gravitation von Himmels- 
körpern. Wäre zum Beispiel die Gefühlssensitivität des 
sonnambulen Bewusstseins ausreichend, um über den 
Ocean hinüber, d. h. genauer durch ein grosses Stück 
der Erdkugel hindurch, von der Induktionssphäre einiger 
vereinzelten Gehirnschwingungen afhcirt zu werden, so 
würde auf ein so sensitives Individuum fortwährend eine 
solche Menge tausendfach stärkerer Eindrücke ein- 
stürmen, dass es vor der Masse und relativen Gewalt 
aller dieser Störungen gar nicht zur Besinnung käme, 
und ihm das Leben rein unmöglich würde. Darum 
meine ich, dass die Vorstellungsübertragung in der 
Nähe und in der Ferne ganz verschiedene Erklärungsprin- 
cipien erfordert, und dass die letztere mit dem eigent- 
lichen Hellsehen verwandter ist als mit der ersterem 
Nach alledem scheint es mir unmöglich, die Vorstel- 
lungsübertragung auf weite Fernen und das eigentliche 
Hellsehen durch physikalische Vermittelung zu erklären,, 
und es scheint mir eben dadurch unvermeidlich, dass man 
zu einer metaphysischen übersinnlichen Erklärung zurück- 
greifen muss. Diese übersinnliche Erklärung führt aber 
keine neuen Llypothesen ein, wie es z. B. die Erklärung 
durch Geister thut, sondern stützt sich lediglich auf den 

Hartmann, Spiritismus. 6 



— 82 — 

doch höchstens von materialistischer Seite zu bestrei- 
tenden Urständ der natürlichen Individuen im Abso- 
luten. Diese Erklärung geht zwar über die bloss na- 
türliche Sphäre hinaus, aber auch nur insofern sie auf 
die übernatürliche Wurzel des gegebenen Natürlichen 
zurückgreift, ohne welche dieses weder Essenz noch 
Existenz hätte; aber sie ist nicht übernatürlich in dem 
Sinne, dass sie eine jenseits der natürlichen belegene 
Daseinssphäre, eine hinter der gegebenen lauernde ver- 
borgene Welt übernatürlicher Individuen heranzöge. 
Sie verzichtet nur darauf, das Natürliche in der üblichen 
Abstraktion von seinem übernatürlichen Grunde fest- 
zuhalten, und nimmt es statt dessen in seiner konkreten 
Einheit mit dem ihm als Wesen und Substanz immanenten 
übernatürlichen Grunde. Gerade bei den Erscheinungen 
des eigentlichen Hellsehens (z. B. der Leichenseherei) ist 
es noch niemand eingefallen, die Ursache zu dieser 
aussergewöhnlichen Leistung wo anders als in dem hell- 
sehendem Individuum selbst zu suchen ; d. h. das einzige 
Erscheinungsgebiet, bei dem man mit bloss natürlichen 
oder abstrakt natürlichen Ursachen nicht auskommt, fällt 
nicht unter den Begriff des Spiritismus. 

Uebrigens scheint das eigentliche Hellsehen bei 
professionellen Medien nur deshalb nicht vorzukommen, 
weil sie den Anwesenden meist fremd und ohne tiefere 
Gemüthstheilnahme gegenüberstehen, und deshalb das 
Willensinteresse zur Anknüpfung der wurzelhaften 
Kommunikation fehlt. Für die Vorstellungsübertragung, 
an welcher die Medien ein Interesse haben, reicht die 
Induktion der Hirnschwingungen aus, so dass gar kein 
Bedürfniss zur Herstellung einer rückwärtigen Telephon- 
verbindung vorliegt ; für die vergangenen und künftigen 
Schicksale der Sitzungstheilnehmer und ihres Ver- 
wandten- und Freundeskreises kann aber noch viel 
weniger ein so tiefes Interesse erwachen, dass der 
unbewusste Wille aus dem absoluten Wissen seines 
absoluten Grundes zu schöpfen sich gedrungen fühlte. 
Was von den Spiritisten an ihren Medien für Hellsehen 
gehalten wird, ist keines; das eigentliche Hellsehen, die 
zarteste, wenngleich krankhafte Blüthe des unbewussten 
Geisteslebens der Menschheit, lernen die Spiritisten an 
ihren Medien bis jetzt nicht einmal kennen, weil diese 



- 8 3 - 

ihr Geschäft viel zu handwerksmässig betreiben. Für 
die Entwickelung echten Hellsehens in mediumistischen 
Sitzungen sind die Bedingungen weit günstiger, wenn 
Privatmedien im Kreise von Familienmitgliedern, Ge- 
liebten und nahen Freunden sitzen ; wenn hier echtes Hell- 
sehen eintritt, so kann es die verblüffendsten Kundgebun- 
gen hervorbringen, ohne dass man nöthig hat, nach einer 
andern Quelle ihres Inhalts zu suchen , als derjenigen, 
welche im Medium selbst und seiner wurzelhaften Ver- 
bindung mit seinem absoluten Grunde gegeben sind. 

Am Schlüsse dieses Abschnitts kann ich nicht 
dringend genug davor warnen, das theoretische Inte- 
resse, welches diese Erscheinungen erwecken, zu einem 
praktischen zu erweitern, oder gar das letztere an die 
Stelle des ersteren zu setzen. Dass tübetanische Mönche 
dazu gelangt sind, die Vorstellungsübertragung zu einer 
Art von Telegraphie auszubilden, lässt sich daraus be- 
greifen, dass ihnen ein naturgemässes Post- und Tele- 
graphen-System fehlt. Wir, die wir im Besitz eines 
solchen sind, haben gar kein Interesse daran, uns auf 
seelische Fernwirkungen einzuüben, die doch in ihrer 
hallucinatorischen Gestalt nur eine sehr unvollkommene, 
unzulängliche und unsichre Art der Gedankenmittheilung 
gestatten. Noch unvernünftiger aber ist es, die Gabe 
des Hellsehens zu pflegen. Denn wenn irgend etwas 
geeignet ist, uns das Leben erträglich zu machen, so 
ist es die Unkenntniss der Zukunft, welche der Hoff- 
nnung und dem Streben Raum lässt. 

Ein Mensch, der das Unglück hat, die Todesfälle 
in seinem Bekanntenkreise vorherzusehen, ist ein Spiegel, 
der dem Unglück und den Leiden der Zukunft ge- 
stattet, ihre Schatten schon in die Gegenwart zu werfen ; 
im besten Falle gelangt er dazu, seine Visionen still in 
sich zu verschliessen und sich gegen die Unerfreulich- 
keit seiner krankhaften Anlage abzustumpfen und zu 
verhärten. Da nur wichtige Ereignisse so weit das 
Interesse erregen, um vorausschauende Visionen hervor- 
zurufen, von den wichtigeren Ereignissen im mensch- 
lichen Leben aber der bei weiterem grössere Theil 
schmerzlicher und trauriger Art ist, so muss auch die 
Voraussicht weit mehr Leiden als Freuden anticipiren; 
da aber diese Leiden unabwendbar sind, so spricht die 

6* 



- 8 4 - 

prophetische Gabe der Wahrheit Hohn, dass man ein 
unab wendliches Leid niemals spät genug erfahren kann. 
Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen bezieht sich das 
Vorausschauen auf Naturereignisse (Schiffsuntergang, 
Hauseinsturz u. dgl.), welche den Menschen mit Unter- 
gang bedrohen, wenn er sich ihnen nicht entzieht; aber 
solche Winke zur Vermeidung von drohenden Gefahren 
sind vielleicht seltener als die grausame Ironie, mit 
w eich er grade die Voraussicht nur zu oft den Menschen 
in das Unglück treibt, weil er ihm zu entgehen gesucht 
hatte. Die Sage ist voll von solchen Beispielen; von 
neueren will ich nur den Lokomotivführer erwähnen, 
der den auf den Schienen liegenden Körper seines 
Vaters zwar im Mondschein sieht, aber ärgerlich über- 
fährt, weil er in den beiden vorhergehenden Nächten 
an derselben Stelle vergeblich vor seiner Hallucination 
den Zug zum Stehen gebracht hat. Wer die unglück- 
liche Gabe des Hellsehens besitzt, thut unbedingt wohl, sie 
möglichst zu ignoriren und auf keine Weise durch Uebung 
zu stärken, vielmehr eine Lebensweise zu führen, welche 
der Entfaltung dieser Gabe nicht förderlich ist. 



4. Die Transfigurationen und Materialisationen. 



Wenn eine Sonnambule von ihrem Magnetiseur 
den Befehl erhält, eine andre Person zu sein, als sie 
ist, so vollzieht sie diesen Befehl mit der automaten- 
artigen Willenlosigkeit und mit der hallucinatorischen 
Lebendigkeit, wie sie nur dem sonnambulen Bewusst- 
sein eigen sind. Sie versetzt sich in die mit einigen 
Stichworten bezeichnete Figur und deren Charakter 
wie ein extemporirender Schauspieler in seine Rolle, 
spricht nur noch in dem Sinne derselben, äussert An- 
sichten, Sympathien, Antipathien und Wünsche, welche 
deren Charakter gemäss sind, und unterstützt ihre Reden 
durch entsprechende mimische Haltung und Geberden, 
wenn ihr Sonnambulismus so weit vertieft ist, um diess 
zu gestatten. Die automatenartige Willenlosigkeit des 
Sonnambulismus ist nicht schärfer zu charakterisiren als 
durch die Bereitwilligkeit, mit welcher der Sonnambule 



seine ganze Persönlichkeit wegwirft und sich in eine 
aufoktroyirte andere versetzt, die vielleicht seinem Alter, 
Geschlecht, Charakter, religiösen Glauben und politischen 
Ansichten diametral entgegengesetzt ist. Ja sogar die 
Qualität als Mensch wird aufgegeben und mit der eines 
Thieres vertauscht, das vom Magnetiseur näher bezeich- 
net ist; die Erfahrungen des Sonnambulismus erklären 
das Wunder der Circe auf natürlichem Wege, voraus- 
gesetzt, dass ihre magnetische Kraft stark genug war, 
die Gefährten des Odysseus zu hypnotisiren und sowohl 
sich selbst als auch einander für Schweine ansehen zu 
lassen. 

Was im provocirten Sonnambulismus möglich ist, 
das ist auch im Autosonnambulismus, sowohl im unwül- 
kürlich eintretenden, wie im spontan hervorgerufenen 
möglich. Wie es Irrsinnige giebt, die sich für Thiere 
halten und als solche benehmen, wie namentlich in 
früheren Zeiten solche irrsinnige Hallucinationen strich- 
weise epidemisch auftraten (Wehrwölfe), so kann auch 
im spontanen Autosonnambulismus der Medien eine 
Selbstversetzung des Ich, eine innere Transfiguration 
der eigenen Persönlichkeit eintreten, welche sich durch 
entsprechende Haltung, Geberde und Rede manifestiren 
kann. Es gehört dazu die Vorbedingung, dass das Me- 
dium bei der Versetzung in Sonnambulismus die Stelle 
des dirigirenden Magnetiseurs ausfüllt, d. h. durch seinen 
noch wachen Willen seinem sonnambulen Bewusstsein 
die Direktive für seine automatenartigen Hallucinationen 
giebt. Die Personen, in welche das Medium als son- 
nambules sich transfigurirt glaubt, werden in solchem 
Falle abhängig sein von den Gestalten, welche die Phan- 
tasie desselben am meisten beschäftigen, beziehungs- 
weise auf deren Erscheinung, wie das Medium weiss, 
die Erwartung der Zuschauer gerichtet ist. Da die Me- 
dien die Tradition der spiritistischen Kreise kennen 
lernen, bevor sie über physikalische Manifestationen und 
Gedankenlesen hinausgelangt sind, so wird es erklär- 
lich, dass gewisse Figuren in den Produktionen ganz 
verschiedener Medien ebenso stereotyp wiederkehren, 
wie Arlequin, Pierrot, Colombine u. s. w. in der Har- 
lekinade; sie nennen sich John King, Katie King u. s. w., 
und werden ergänzt durch den Orientalen mit Turban, 



— 86 — 

das naseweise kleine Mädchen unter verschiedenem 
Namen u. a. m. In diese Typen hat die Phantasie der 
Medien sich derart eingelebt, dass dieselben sich ihnen 
zunächst als Figuren für die Selbstversetzung des Ich 
darbieten; schon im larvirten Sonnambulismus spielen 
dieselben ihre Rolle, indem die Kundgebungen mit 
Vorstellungsinhalt sie als Urheber der manifestirten 
Intelligenz bezeichnen und selbst schon mehr oder 
weniger im Charakter dieser Typen gehalten sind. 
Diese sich fortschleppende Tradition schliesst natürlich 
nicht aus, dass die Phantasie der verschiedenen Medien 
auch noch mit eigenthümlichen Figuren geschwängert 
ist, die sich im sonnambulen Zustande entbinden, in- 
dem das sonnambule Ich-Bewusstsein in dieselben über- 
fliesst, gleichviel ob daneben ein Bewusstsein von dem 
Fortbestand des aufgegebenen Ich als eines uneigent- 
lichen sich behauptet oder nicht. 

Es ist auffallend, eine wie grosse Veränderung der 
Gesichtszüge, der Körperhaltung, des Ganges u. s. w. 
die sonnambule Transiiguration in der äusseren Er- 
scheinung des Sonnambulen hervorzubringen vermag; 
die Grösse der Gestalt kann scheinbar beträchtlich ab- 
nehmen und etwas zunehmen, die Stimme und Aus- 
sprache eine ganz andre werden, und selbst die Tur- 
gescenz der Haut und die Feuchtigkeit des Augapfels 
können dadurch verändert werden. Auch bei mimischen 
Genies hat man derartige Veränderungen in einem den 
Laien überraschenden Grade beobachtet; die sonnam- 
bule Transfiguaration verleiht aber durch die Lebhaftig- 
keit und Unwillkürlichkeit der Hallucination einen Grad 
von Versenkung der eignen Persönlichkeit in die zu 
spielende Rolle, wie es selbst das grösste schauspieleri- 
sche Genie bei allen seinen sonstigen Vorzügen nicht 
zu erreichen vermag, weil es sich seiner Transfiguration 
doch noch immer bewusst bleibt. Die Abweichung der 
Stimme von der normalen kann bis zur unwillkürlichen 
Bauchrednerei gehen, welche bekanntlich unter andern 
Eigenthümlichkeiten auch die besitzt, dass sie das Ohr 
über den Ort der Herkunft der Stimme den grössten 
Täuschungen unterwirft. Bei einigen Medien sprechen 
schon im larvirten Sonnambulismus verschiedene Stim- 
men durch einander, welche sich selbst als von anwe- 



senden, aber noch unsichtbaren Geistern herrührend 
bezeichnen, und solche Medien werden auch ihre mimi- 
schen Transfigurationen durch lebhaftes „Zungenreden" 
unterstützen. Andere Medien, die gerade keine „Sprech- 
medien" sind, beschränken sich auf mimische Trans- 
figurationen ohne Unterstützung durch Reden, oder 
unter Zuthat seltner vereinzelter Worte. 

Es ist selbstverständlich, dass ein Medium, welches 
sich in Sonnambulismus versetzt und in diesem Zustand 
sein Ich in eine Phantasiefigur hinübergespielt hat, das 
unwillkürliche Verlangen fühlen wird, sich beim Spielen 
der vorschwebenden Rolle auch dem Charakter der 
Rolle gemäss zu kostümiren, so weit die zur Hand 
befindlichen Mittel diess gestatten. In diesem unzu- 
rechnungsfähigen Zustande wird z. B. ein sonst scham- 
haftes junges Mädchen sich nicht gehindert fühlen, seine 
Kleider abzulegen und im Hemd oder Unterrock her- 
umzuwandeln; oder wenn ihm die Figur eines Orientalen 
vorschwebt, wird es sich ein Tuch als Turban um den 
Kopf wickeln. So weit aber das erreichbare Kostüm 
nicht zur Rolle passt, wird das Medium sich bemühen, 
dasselbe hinter dem Vorhang zu halten und nur die 
seinem Phantasiebild entsprechenden Körpertheile zu 
zeigen. 

Wenn das Medium den unbestimmten aber maass- 
gebenden Drang hat, sich in seiner mimischen Trans- 
figuration zu zeigen, um die Erwartung der Zuschauer 
zu erfüllen, so wird es die Hindernisse, welche es an 
der Befriedigung dieses Dranges hindern , unwillkür- 
lich zu beseitigen suchen, also Knoten lösen und Fesseln 
abstreifen, welche die Zuschauer ihm zur Sicherung an 
gelegt haben. 

Insofern das sonnambule Medium selbst an seine 
Verwandlung glaubt, d. h. sich als andre Person fühlt, 
so kann von einer Absicht des Betruges auch in dem 
Falle gar keine Rede sein, wenn es sich den Zuschauern 
als diese andre Person producirt; und falls es sich die 
..andre Person" als einen Verstorbenen, aber im Jen- 
seits Fortlebenden, denkt, so handelt es völlig bona fide, 
wenn es seine Person in der gewählten Kostümirung 
und mimischen Entstellung als die Erscheinung eines 
aus dem Jenseits herniedergestiegenen Geistes vorführt. 



— SS — 

Wenn die Zuschauer für sonnambule Zustände kein 
Verständniss haben, und entweder an die Realität einer 
Geistererscheinung glauben, oder aber den „Geist" 
packen und als das Medium „entlarven", so kann das 
Medium für beides gleich wenig verantwortlich gemacht 
werden. Das Medium ist in diesem Falle ebensowenig 
ein Geist wie ein Betrüger, sondern ein unzurechnungs- 
fähiger Autosonnambuler, den zu erschrecken man sich 
hüten muss; dass nebenbei, solche Vorstellungen auch 
ohne Sonnambulismus in betrügerischer Absicht gegeben 
werden können, soll dabei keinen Augenblick bestritten 
werden. 

Man kann nach den besten spiritistischen Autori- 
täten annehmen, dass in 95 °/ aller sogenannten Geister- 
erscheinungen das Medium selbst als Erscheinung figurirt, 
auch ganz abgesehen von betrügerischen Nachahmungen. 
Es ist ganz vergeblich, durch Fesselung das Medium an 
einen bestimmten Ort binden zu wollen, um dadurch 
sicher zu sein, dass alle abseits dieses Ortes auftreten- 
den Erscheinungen nicht das Medium selbst sind; denn 
theils ist die Geschicklichkeit der Sonnambulen im Knoten- 
lösen und Fesselnabstreifen erstaunlich, theils vermag ja 
nach spiritistischer Behauptung das Medium die Materie 
der Fesseln zu durchdringen. Der letztere Grund macht 
es auch unmöglich, unter der Voraussetzung, dass die 
spiritistischen Behauptungen wahr sind, ein Medium durch 
Einhüllen in Gaze, die um den Sessel herumgeschlagen 
und dann versiegelt ist, oder durch Einsperren in einen 
Käfig, dessen Vorderwand aus Gaze, oder Fadenkreuzen, 
oder Drahtnetzen besteht, zu sichern; denn wenn das 
sonnambule Medium diese Stoffe durchdringen kann, 
so kann es auch trotz aller dieser Vorkehrungen sich 
selbst als Erscheinung produciren. Dass das Medium 
am Beginn und Schluss seiner Kabinetssitzung auf dem 
Sessel ist, zwischen durch aber zu jeder neuen Er- 
scheinung aufsteht (manchmal auch aufsteht, ohne dass 
eine Erscheinung sichtbar wird), ist durch Kontrole des 
Sesselgewichts von Sekunde zu Sekunde erwiesen, 
wenngleich diese Beobachtungen keine Allgemeingültig- 
keit beanspruchen können. 

Soviel ist gewiss, dass, wenn man einmal die Be- 
hauptung von der Durchdringlichkeit der Materie für 



- 8 9 - 

Medien annimmt, es ganz andrer Mittel bedarf, um die 
Nichtidentität von Medium und Erscheinung zu beweisen, 
als materielle Absperrung des Mediums. Darauf ist aber 
bei der Angabe, dass 95°/ der Erscheinungen das Me- 
dium selbst zum Kern haben, noch nicht einmal Rück- 
sicht genommen, so dass der übrig bleibende Rest von 
5 °/ beim Wegfall dieses Beweismittels noch gar sehr zu- 
sammenschrumpfen dürfte. InallenFällen,wo die Behaup- 
tung der Nichtidentität beider auf keine andern Gründe 
gestützt ist als auf diese materielle Absperrung, ist sie 
als schlechthin unerwiesene Behauptung zurückzuweisen; 
alles was die Erscheinung thut, ist in solchen Fällen als 
ein Thun des Mediums aufzufassen, z. B. wenn sie sich 
Haarlocken oder Gewandproben abschneidet und ver- 
theilt (Ps. St. I, 487; II, 22), Möbel verrückt, Gegenstände 
herumträgt, die Hand oder den Arm reicht, mit den 
Zuschauern herumwandelt und Unterhaltung führt, sich 
photographiren lässt (II, 19 — 20, 22), ihre Füsse, Hände 
oder Gesicht in geschmolzenem Paraffin abdrückt, und 
diese Abdrücke den Zuschauern einhändigt (VI, 526, 
545 — 548) u. s. w. Alle solche Berichte, welche die 
objektive Realität der Erscheinung beweisen sollen, 
leiden an dem Mangel, dass sie sich über die Frage 
■der Identität von Erscheinung und Medium auf Grund 
der Fesselung oder Absperrung des Mediums hinweg- 
setzen. In Amerika, wo die Medien gleich familien- 
weise oder gar bandenweise „arbeiten" (Ps. St. VI, 500), 
kann man auf die Berichte überhaupt gar keinen Werth 
legen, da hierbei nicht nur der sonnambulen Helfers- 
helferei sondern auch dem offnen Betrug Thür und 
Thor geöffnet ist. Dass alle bisher von solchen Er- 
scheinungen überreichten Gegenstände, Blumen, Ge- 
wandproben, Haarlocken u. s. w. irdischer Herkunft 
sind, haben sie selbst im Falle der Befragung noch nie 
bestritten; bei den Zeugstoffen kann der Sachverstän- 
dige den Preis für das Meter ganz genau bestimmen, 
und bei Haarlocken ist zu berücksichtigen, dass ver- 
schiedene Stellen des Kopfhaars in der Dunkelheit und 
Färbung nicht unerheblich von einander abweichen. 

Ein Theil der Spiritisten behauptet, dass die Er- 
scheinung für gewöhnlich vom Medium räumlich ge- 
trennt sei, und dass erst, wenn sie von rohen Händen 



— QO — 

ergriffen werde, das Medium unter plötzlicher Durch- 
dringung der absperrenden Materie in die Erscheinung 
hineinfahre, weil es sonst den Tod davon tragen würde. 
Da scheint es denn doch näher zu liegen, dass die Er- 
scheinung sich dem sie Ergreifenden unter den Händen 
verflüchtigt, und unter Durchdringung der absperren- 
den Materie zum Medium zurückeilt, als umgekehrt; 
wenn aber das Medium so plötzlich die absperrende 
Materie durchdringen kann* um sich mit der Erscheinung 
im Augenblick der Gefahr wieder zu vereinigen, so ist 
nicht abzusehen, warum es dieser Gefahr nicht lieber 
gleich vorbeugt, d. h. in aller Ruhe mit und in der Er- 
scheinung hinausspaziert. 

In der That aber giebt es ein Gebiet von Erschei- 
nungen, wo die Möglichkeit, dass man das Medium 
selbst vor sich habe, ausgeschlossen ist, und dieses 
Gebiet greift insofern in die Transfigurationen des Me- 
diums über, als die Erscheinung desselben Verände- 
rungen in Grösse, Gestalt, Färbung, Bart und Gewan- 
dung zeigt, welche mit den im Kabinet zu Gebote 
stehenden Mitteln schlechterdings unerreichbar sind. 
Wenn das Medium vor der Sitzung genau untersucht 
ist, wohl gar die eignen Kleider mit gelieferten von 
leicht erkennbarem Schnitt und Kolorit vertauscht hat, 
und die Oertlichkeit unter genauer Kontrole steht, so 
ist nicht abzusehen, wo das Medium Hilfsmittel zur" 
Verkleidung hernehmen soll, wie es sich weisse schleier- 
hafte Gewänder, derbe Stoffe mit schwerem Falten- 
wurf, Barte, Turbane, Masken, Kothurne u. s. w. ver- 
schaffen soll. Wenn die Zuschauer es gleichwohl als 
Figuren von verschiedenem Alter, Geschlecht, Grösse, 
Kleidung, Nationalität u. s. w. auftreten sehen, so 
müssen andre Ursachen dieser Erscheinung aufgesucht 
werden. 

Was uns auf die richtige Fährte verhelfen kann, 
ist zunächst der Umstand, dass solche ungewöhnliche 
und anscheinend unerklärliche Erscheinungen selten oder 
nie vor Zuschauern auftreten, welche zum ersten Mal 
einer mediumistischen Sitzung beiwohnen, und dass 
selbst solche Zuschauer, welche an mediumistische 
Sitzungen gewöhnt sind, mit einem neuen Medium erst 
mehrere Sitzungen durchmachen müssen, in welchem 



— QI — 

sich nur physikalische Erscheinungen zeigen, bis das 
sonnambule Bewusstsein des Mediums selbst den Zeit- 
punkt für gekommen erklärt, um zum Versuch mit 
Transfigurationen überzugehen. Es ist eine ganz all- 
gemeine Erfahrung, dass die Erscheinungen um so 
reichhaltiger und ungewöhnlicher werden, je mehr 
Sitzungen das Medium mit demselben Cirkel von Per- 
sonen durchmacht, und dass jedes neu eintretende Mit- 
glied diesen Steigerungsprocess unterbricht oder gar zu- 
rückschraubt. Hieraus geht hervor, dass erst ein engerer 
Rapport zwischen dem Medium und den Theilnehmern 
angeknüpft werden muss, bevor die Transfigurationen 
und Materialisationen gelingen können, und zwar kommt 
es nicht auf ein rein menschliches, freundschaftliches 
Verhältniss zwischen ihren wachen Bewusstseinen an, 
sondern nur auf ein Verhältniss zwischen ihren sonnambu- 
len Bewusstseinen, d. h. auf einen magnetischen Rapport. 

Die physikalischen Erscheinungen steigern sich in 
dem Maasse, als die Theilnehmer zu unbewussten Hilfs- 
medien erzogen werden, d. h. als sie lernen, mehr und 
mehr Nervenkraft von sich zu geben und diese der 
Verfügung des Mediums zu überlassen; der Vorstel- 
lungsinhalt der Kundgebungen wird um so überraschen- 
der, je mehr sie sich dem Willen des Mediums zum 
Gedankenlesen erschliessen , sich den unbewussten 
Willen zur Vorstellungsübertragung an das Medium 
einpflanzen lassen, und sich vom Medium zur Entfaltung 
eines larvirten sonnambulen Bewusstseinsinhalts aus 
dem hyperästhetischen sonnambulen Gedächtniss an- 
regen lassen. Nachdem auf diese Weise ihr latenter 
Mediumismus einigermaassen geweckt und die magne- 
tische Macht des unbewussten Willens des Mediums 
über ihr larvirtes sonnambules Bewusstsein genügend 
installirt ist, kann das Medium, dessen sonnambules 
Bewusstsein dieses Entgegenkommen der Hilfsmedien 
sehr gut fühlt, zu Erscheinungen übergehn, welche eine 
gewisse Macht über die Seelen der Zuschauer voraus- 
setzen. 

Bei den verschiedenen Gliedern eines kleinen Cir- 
kels wird die Macht, welche das Medium im Verlauf 
der vorhergehenden Sitzungen erlangt hat, verschieden 
sein ; infolge dessen muss auch die Summe der Erschei- 



nungen verschieden sein, welche die verschiedenen Zu- 
schauer konstatiren. Diese Thatsache wird selten ge- 
nügend beachtet; anstatt dass jeder Zuschauer ohne 
Rücksprache mit den andern einen eignen Bericht über 
jede Sitzung liefern sollte, einigen sich die Theilnehmer 
über einen gemeinsamen Sitzungsbericht, in welchem 
die subjektive Verschiedenheit der Erscheinungen ver- 
schwindet. Während bei den physikalischen Erschei- 
nungen (mit Ausnahme der Lichterscheinungen) die 
Einigkeit sehr leicht zu erzielen ist, hält dies bei den 
Transfigurationen und Materialisationen oft sehr schwer, 
besonders in ihrem ersten Auftreten; später, wenn alle 
Theilnehmer in genügendem Maasse unter die Macht 
des Mediums gerathen sind, werden auch auf diesem 
Gebiet die Stimmen wieder mehr gleichlautend. 

Zunächst pflegt das Medium nur einzelne Körper- 
theile, Hände, Arme, Kopf, für kurze Augenblicke 
durch den Vorhang zu stecken; erst allmählich zeigt 
es den ganzen Oberkörper oder tritt in ganzer Figur 
hervor. Da zeigt sich denn sofort, dass einige Zu- 
schauer zweifellos das Medium zu erkennen glauben 
und gar nichts andres sehen als die Gestalt desselben, 
während andre Zuschauer, und zwar in einer unterein- 
ander übereinstimmenden Weise eine von der des 
Mediums wesentlich abweichende Erscheinung gesehen 
zu haben behaupten. Aehnlich ist es bei Lichtsitzungen 
am Tisch, wo einzelne Anwesende in einer erheblichen 
Entfernung von dem Medium, dessen Hände Allen 
sichtbar auf dem Tische liegen, Hände verschiedener 
Gestalt unter dem Tische hervorkommen gesehen haben, 
während andre davon gar nichts gesehen haben. Es 
ist klar, dass es sich in solchen Fällen um eine Ueber- 
tragung der Hallucinationen des Mediums in die son- 
nambulen Bewusstseine der hinreichend empfänglichen 
Anwesenden handelt ; denn wir haben schon oben ge- 
sehen, in welchem Grade die Verhältnisse in solcher 
Lage das Zustandekommen von Hallucinationsüber- 
tragung begünstigen. 

Bei uns Occidentalen ist die bewusst oder unbe- 
"wusst gewollte Hallucinationsübertragung auf einen bei 
wachem Bewusstsein befindlichen Empfänger, der nicht 
den Willen hat, sich halluciniren zu lassen, und nichts 



— 93 — 

davon ahnt, dass das von ihm percipirte Anschauungs- 
bild die übertragene Hallucination eines Dritten sei, 
etwas höchst Ungewöhnliches. Nur die Geschichte der 
religiösen Geistesstörungen liefert eine Anzahl von Bei- 
spielen, dass ganze Versammlungen von Ekstatischen 
sich ebenso mit Hallucinationen wie mit Krämpfen und 
Veitstanz ansteckten, wobei freilich das Wort eine 
mächtige Beihilfe gewährt, um der empfangenden Phan- 
tasie eine bestimmte Richtung zu geben. Ausserdem 
sind Beispiele dieser Art in allen denjenigen Fällen zu 
finden, wo Lebende oder Sterbende, Wache oder 
Träumende sich mit heisser Sehnsucht und hallucina- 
torischer Lebendigkeit in die Nähe einer andern 
entfernten Person versetzen, und durch so erfolgte 
Herstellung des Rapportes in der letzteren eine ent- 
sprechende Hallucination von ihrer persönlichen Gegen- 
wart erzeugen. (Ps. St. VI, 294, 344; VII, 471 fg.). 
Dabei ist zu beachten, erstens dass das Gelingen des 
Versuchs bei hinreichend sensitiven Empfängern nicht 
davon abhängig zu sein scheint, ob man den zeitweiligen 
Aufenthaltsort derselben kennt und seine Gedanken auf 
diesen richten kann oder nicht, und zweitens, dass 
wenn überhaupt die Umgebung des Empfängers in 
beiden Bewusstseinen sich darstellt, sie doch in jedem 
in einer andern perspektivischen Verschiebung je nach 
der wirklichen oder vorausgesetzten Stellung des An- 
schauenden in derselben erscheint. Auf andre Hallu- 
cinationen als die persönliche Erscheinung des Ueber- 
tragenden scheint sich in Europa die Uebertragung 
selten erstreckt zu haben; nur bei dem „zweiten Ge- 
sicht" oder eigentlichen Hellsehen scheint unter be- 
günstigenden Umständen eine Hallucinationsansteckung 
von dem eigentlichen Seher auf prädisponirte Begleiter 
vorzukommen. *) 



*) Ein sehr anschauliches Beispiel hiervon findet man Ps. St. IX, 
152 — 154. Das von Schopenhauer (Parerga 2. Aufl. I, 316 — 317) ange- 
führte Beispiel erklärt sich ganz einfach so, dass das eingekerkerte Me- 
dium die Hallucination, welche es auf die unter seinen magnetischen Ein- 
fluss gerathenen Zellengenossen übertrug, zwei Mal im Schlafe und erst 
das dritte Mal im wachen Zustande hatte, so dass bei den beiden ersten 
Malen die Uebereinstimmung der von den Mitgefangenen gesehenen Er- 
scheinung mit dem gleichzeitigen Traumbild des schlafenden Mediums nicht 



— 94 

Häufiger dagegen werden Fälle von Hallucinations- 
übertragung von indischen Fakirs und türkischen Der- 
wischen berichtet. Man wird z. B. gezwungen, eine 
zusammengeringelte Giftschlange unter einem aufge- 
hobenen Tuche liegen zu sehen, wo gleich darauf nichts 
mehr zu sehen ist (Ps. St. IV, 200) ; oder man sieht in 
einem geschlossenen Zimmer bald wilde Gänseheerden 
fliegen, bald eine Menge Schlangen sich ringeln, bald 
die Wände zusammenrücken als ob sie einen erdrücken 
wollten (IX, 469 — 470). 

Neuere Magnetiseure haben das Gebiet der einge- 
pflanzten Hallucinationen selbst in öffentlichen Vorstel- 
lungen producirt, haben jedoch die Empfänger zu dem 
Zweck zunächst in hypnotischen Zustand versetzt und 
ausserdem das befehlende Wort gebraucht, um die 
Hallucination hervorzurufen. Sie haben auf diese Weise 
einen übelschmeckenden Stoff für einen wohlschmecken- 
den essen lassen, einen Stab für eine Schlange ansehen 
lassen, den Glauben erweckt, dass der Magnetiseur in 
der Luft herumfliege (Ps. St. III, 536 — 537) u. s. w. 
Was so mit Beihilfe des Wortes bei einem ihm gänz- 
lich fremden offnen Sonnambulen -einem wachen Mag- 
netiseur möglich ist, das ist einem sonnambulen Mag- 
netiseur auch ohne Beihilfe des Wortes bei einem ihm 
näher bekannten larvirten Sonnambulen möglich; was 
in den vorher genannten Beispielen bei sensitiven Em- 
pfangern aus weiter Ferne möglich ist, das ist in der 
Nähe auch bei nichtsensitiven Empfangern möglich. 
Wenn der dringende Wunsch des übertragenden Son- 
nambulen nicht dahin geht, seine Hallucination von 
seiner persönlichen Gegenwart beim fernen Empfanger 
auf diesen zu übertragen, sondern sich vielmehr dahin 
richtet, seine Hallucinationen von der persönlichen 
Gegenwart verstorbener Geister auf den nahen Em- 
pfanger zu übertragen, so wird mit dem Inhalt der zu 



kontrolirt werden konnte. Es ist höchst wahrscheinlich, dass auch Thiere 
für die Uebertragung von Hallucinationen empfänglich sind (vgl. Owen, 
Das streitige Land, I, 33 — 41 ; Davis, Der Zauberstab, deutsch von Wittig, 
Leipzig 1867, S. 338 — 340); ja sogar es wäre bei dem relativen Ueber- 
gewicht der mittleren Hirntheile in den Thieren nicht zu verwundern, wenn 
ihre durchschnittliche Empfänglichkeit dafür grösser wäre als die der 
Menschen. 



■- 95 — 

übertragenden Hallucinationen auch der Inhalt der vom 
Empfänger percipirten entsprechend wechseln. Wenn 
das Medium beispielsweise die Hallucination hat, nicht 
mehr es selbst, sondern etwa der Geist John King oder 
Katie King zu sein, und als solcher aufzutreten und zu 
agiren, so wird auch in den Empfänger die Halluci- 
nation übertragen werden, dass das aus dem Vorhang 
hervortretende Medium nicht mehr das Medium sondern 
John King oder Katie King sei. Wenn in einem an- 
dern Falle das Medium die Illusion hat, dass aus seiner 
Herzgrube sich ein Nebel und aus dem Nebel eine 
Geistergestalt entwickele, so wird auch der fascinirte 
Zuschauer dieselbe Hallucination haben (IX, 83 ; IV, 546 
bis 548). 

Die Psychiatrie unterscheidet zwischen Hallucina- 
tionen im engeren Sinne und Illusionen, und versteht 
unter den ersteren Phantasieprodukte ohne sinnliche 
Wahrnehmungsgrundlage, unter den letzteren Phan- 
tasieumbildungen sinnlicher Wahrnehmungen. Danach 
ist es eine Hallucination, wenn man eine zusammenge- 
ringelte Schlange auf einem Teller liegen sieht, aber 
eine Illusion, wenn man einen Stab oder Strick für eine 
Schlange ansieht; eine Hallucination, wenn man eine 
nebelhafte Gestalt aus einem Medium herauswachsen 
sieht, aber eine Illusion, wenn man das Medium selbst 
für eine Geisteserscheinung ansieht. Uebrigens gehen 
Hallucination und Illusion mit messenden Grenzen in 
einander über; denn abgesehen von den Zuständen 
verschlossener Sinneswahrnehmung muss doch auch jede 
Hallucination ein Stück sinnlicher Wahrnehmung ver- 
drängen und sich in das momentane Gesammtbild der 
Wahrnehmungen eingliedern, und andrerseits giebt es 
Illusionen, bei denen die Umbildung des zu Grunde 
liegenden ganz entgegengesetzten Wahrnehmungsbildes 
schwieriger scheint, als die Neubildung auf indifferentem 
Grunde es sein würde. So gehen auch Illusionen und 
Hallucinationen in einander über, wenn man bald das 
Medium selbst für eine ganz abweichende Gestalt an- 
sieht, bald eine dem Medium sehr ähnliche Erscheinung 
für das nicht in ihr steckende Medium nimmt, oder 
endlich das Medium und das Phantom auseinandergehen 
und wieder zusammengehen sieht. wSo lange es sich 



- 9 6 - 

um geringere Abweichungen der Gestalt vom Medium 
handelt (wie z. B. bei den Beobachtungen von Crookes) 
ist das Vortreten des Mediums selbst offenbar ein Er- 
leichterungsmittel für das Zustandekommen der Hallu- 
cinationsübertragung; wenn es sich aber um sehr ab- 
weichende Gestalten handelt, kann die Einpflanzung der 
Hallucination leichter werden als diejenige der Illusion, 

Für gewöhnlich gilt die "Wahrnehmung derselben 
Erscheinung durch mehre Beobachter als ausreichende 
Bürgschaft ihrer Objektivität; dies kann aber unter 
solchen Verhältnissen, welche die Hallucinationsüber- 
tragung auf die Anwesenden ausnehmend begünstigen, 
nicht mehr gelten. Denn wenn auch die Ueberein- 
stimmung der Wirkung selbst hier noch auf eine iden- 
tische transcendente Ursache schliessen lässt, so ist 
doch diese identische Ursache hier nicht mehr ein 
materielles Ding (an sich) im objektiv realen Räume, 
welches die Sinneswerkzeuge der Anwesenden afficirt, 
sondern die subjektive Hallucination des Mediums, 
welche die sonnambulen Bewusstseine durch Induktion 
gleicher Gehirnschwingungen afficirt. Man muss sich 
also in diesen Fällen nach anderen Unterscheidungs- 
merkmalen zwischen Wahrnehmungsbild und Hallu- 
cination umthun. 

Wenn man Gelegenheit hat, eine gesehene Gestalt 
zu betasten, und die Hand durch die Gestalt ohne 
Widerstand hin durchgreift, so wird sicherlich die Wahr- 
scheinlichkeit sehr gross sein, dass eine blosse Vision 
oder Gesichtshallucination vorliegt; aber Sicherheit ge- 
winnt man damit nicht, denn es giebt körperliche For- 
men in solchen Aggregatzuständen der Materie, welche 
zwar an ihren Oberflächen das Licht reflektiren, aber 
nicht für den Tastsinn wahrnehmbar sind. Dass Ge- 
stalten, welche man durch Beobachtung ihres Ent- 
stehens und Vergehens als verschieden vom Medium 
erkennt, einen Schatten werfen, ein Spiegelbild haben 
(Owen I, 267, 274), durch Vergrösserungs- oder Ver- 
kleinerungsgläser betrachtet vergrössert oder verkleinert 
erscheinen, und durch ein Prisma verdoppelt werden, 
scheint eine sichere Bürgschaft für ihre Objektivität zu 
bieten. Gleichwohl wäre diess ein Fehlschluss, denn 
alle diese Eigenschaften zeigen die Hallucinationen 



— yy — 

auch; ja sogar die Vergrösserung und Verkleinerung 
durch Gläser und die Verdoppelung durch ein Prisma 
wird in der Psychiatrie ebenso wie die Erweiterung 
und Verengerung der Pupillen bei Annäherung und 
Entfernung der Gestalt als Prüfstein zur Unterscheidung 
ächter Hallucinationen von blossen Phantasievorstel- 
lungen oder fingirten Hallucinationen benutzt. Einen 
sichern Beweis für den hallucinatorischen Charakter 
einer gesehenen Gestalt kann nur die Photographie er- 
bringen, wenn Platten von einer für die scheinbare 
Lichtstärke der Erscheinung ausreichenden Empfindlich- 
keit keinen chemischen Eindruck zeigen. Wo man es 
mit selbstleuchtenden Erscheinungen zu thun hat, pflegen, 
wie schon oben bemerkt, die überbrechbaren Strahlen 
so zu überwiegen, dass die Platte selbst dann schon 
Eindrücke zeigt, wenn die nicht sensitven Beobachter 
noch gar nichts sehen ; wo man es dagegen mit Er- 
scheinungen ohne selbstleuchtende Kraft zu thun hat, 
kann man durch momentan aufblitzende elektrische 
Bogenlampen oder durch brennenden Magnesium draht 
rasch eine genügende Beleuchtung erzielen, um posi- 
tiver Ergebnisse im Falle der Objektivität der Erschei- 
nung sicher zu sein. 

Thatsächlich sprechen alle bisher angestellten 
photographischen Versuche an Gestalten, die von den 
Zuschauern gesehen wurden, gegen die Objektivität der 
Erscheinungen; denn dieselben sind in allen bisher be- 
richteten Fällen negativ ausgefallen, ausser in denjenigen, 
wo das Medium selbst zur photographischen Aufnahme 
gelangte. In den letzteren Fällen sind die Bilder bei 
weitem nicht deutlich genug, um entscheiden zu können, 
ob ausser der Gestalt des Mediums selbst auch noch 
die es umkleidende Illusion zur photographischen Re- 
produktion gelangt sei, mit andern Worten, ob die 
erhaltene Photographie dem Phantom und nicht bloss 
dem in ihm steckenden Medium ähnlich sei. Bei der 
von Crookes angefertigten Photographie, auf welcher 
das Medium gleichzeitig mit dem Phantom zu sehen ist 
(Ps. St. II, 2i liegt der dringende Verdacht vor, dass 
anstatt des angeblichen Phantoms das Medium , und 
anstatt des vermeintlichen Mediums die durch ein 
Kissen ausgestopfte Kleidung des Mediums in halb 

Hartmann, Spiritismus. 7 



- y8 - 

verdeckter Stellung photographirt worden sei. Da eine 
materielle Absperrung des Mediums keine Sicherstellung" 
gewährt, so müsste erst eine gleichzeitige Aufnahme 
vom Medium und Phantom aufgezeigt werden, ehe man 
den bloss vom Gesichtssinn der Zuschauer wahrgenom- 
menen Erscheinungen Objektivität zugestehen könnte. 
Alle bisher aufgezeigten Photographien , welche diese 
Bedingung zu erfüllen scheinen, haben sich entweder 
als Betrug spekulativer Photographen herausgestellt 
(Ps. St. II, 338 — 345), oder sind dringend verdächtig, 
von übereifrigen Spiritisten zur Bekehrung der Ungläu- 
bigen in betrügerischer Weise angefertigt zu sein. 

Für gewöhnlich sucht man eine etwaige Sinnes- 
täuschung des einen Sinnes dadurch zu entdecken, dass 
man die andern Sinne zu Hülfe nimmt, und glaubt in 
der übereinstimmenden Aussage mehrerer Sinne eine 
hinreichende Bürgschaft für die Objektivität der wahr- 
genommenen Erscheinung zu finden. Diese Regel ist 
vollständig ausreichend, wo es sich um eigentliche Sin- 
nestäuschungen bei wachem Bewusstsein, aber nicht, 
wo es sich um wirkliche Hallucinationen , d. h. Ueber- 
tragungen aus dem sonnambulen ins wache Bewusstsein 
handelt; denn hier steigt mit dem Grade der Lebhaftig- 
keit der Hallucination auch die Zahl der an ihr mitbe- 
theiligten Sinne. Der schwächste Grad der Hallucination 
betrifft nur einen einzigen Sinn, entweder bloss den 
Tastsinn (Berührungen durch unsichtbare Hände), oder 
bloss das Gehör (Sturmglocken, Feuerglocken, Sphären- 
musik, Kriegslärm, menschliche Stimmen), oder bloss 
den Geruch (charakteristischer Parfüm einer Person oder 
Lokalität), oder bloss das Gesicht. Bei wachsender 
Energie der sonnambulen Bewusstseinsthätigkeit ruft 
die Hallucination eines Sinnes die ihm naturgemäss 
associirten Empfindungen und Anschauungen der übrigen 
Sinne hervor, wobei die hervorgerufene nebensächliche 
Empfindung sogar früher als die Haupthallucination in's 
Bewusstsein eintreten kann, wenn der dramatische Ver- 
lauf der Gesammthallucination es so erfordert. Beispiels- 
weise hört man zuerst die Aussenthür aufschliessen und 
auf- und zumachen, dann Tritte auf dem Vorplatz, dann 
die Zimmerthür öffnen und dann erst tritt die Vision 
ein, während in minder lebhaften Fällen die begleitende 



— 99 — 

und voraufgehende Gehörshallucination fehlt und die 
Zimmerthür sich lautlos zu öffnen scheint, wenn nicht 
gar die Gestalt durch die geschlossene Thür hin- 
durchgeht. Tritt nun die Vision näher auf den Be- 
obachter zu, so kann sich diesem, wenn er in ihr einen 
Bekannten wiedererkennt, sehr wohl die Geruchshallu- 
cination des gewöhnlich von demselben benutzten Par- 
füms associiren, und endlich kann die Gestalt ihm die 
Hand auf die Schulter legen, wobei sich die Tasthallu- 
cination der berührten Schulter associirt. Diese kom- 
binirten Hallucinationen von vier Sinnen werden aber 
nicht die geringste Bürgschaft gewähren für die Ob- 
jektivität der Erscheinung; vielmehr wird die gegründete 
Vermuthung, dass eine dieser verschiedenen Sinnes- 
empfindungen hallucinatorischen Charakters sei, aus- 
reichen zur Begründung des Verdachtes, dass sie alle 
es seien und aus gemeinsamer hallucinatorischer Quelle 
stammen. 

Wenden wir diese Grundsätze auf die mediumisti- 
schen Erscheinungen an, so haben wir aus der wohlbe- 
gründeten Vermuthung von der hallucinatorischen Be- 
schaffenheit der gesehenen Phantome den Verdacht zu 
schöpfen, dass auch die Tastempfindungen, welche sich 
zu diesen Visionen hinzugesellen, oder mit ihnen ab- 
wechseln, blosse Hallucinationen sind. Allerdings müssen 
wir uns hierbei vor einer vorschnellen Verallgemeinerung 
hüten, wie schon der Umstand beweist, dass Gehörs- 
hallucinationen bisher bei mediumistischen Sitzungen 
nicht beobachtet zu sein scheinen, da die gehörten 
Stimmen vielmehr die sonnambul verstellte Stimme des 
Mediums sind. Nur wenn es richtig ist, dass mehrere 
Stimmen nicht bloss rasch abwechselnd aus verschie- 
denen Gegenden des Zimmers zu kommen scheinen, 
sondern bisweilen auch gleichzeitig im strengen Sinne 
des Worts durcheinandersprechen, nur dann würde man 
auch von mediumistischen Gehörshallucinationen zu 
sprechen haben. 

Was speciell die Tasthallucinationen betrifft, so 
bleibt die Möglichkeit offen, dass der empfundene Druck 
von unsichtbaren oder visionären Händen, Füssen u. s. w. 
auch von einem System von dynamischen Druck- und 
Zuglinien herrührt, welches das Analogon einer drücken- 

7* 



— IOO — 



den Handoberfläche ohne dahinterliegenden materiellen 
Körper darstellt, ähnlich wie die Entstehung der Ab- 
drücke solche voraussetzen lässt. Ob im besonderen 
Falle eine dynamische Einwirkung der mediumistischen 
Nervenkraft stattfindet oder bloss eine übertragene 
Tasthallucination vorliegt, ist nicht daraus zu entschei- 
den, ob die vermeintliche Hand unsichtbar bleibt oder 
zugleich sichtbar wird ; denn wie ein Traum die zu ihm 
passenden Sinneswahrnehmungen mit in sich verarbei- 
ten kann, so kann auch die Vision einer Hand sich mit 
einem wirklich wahrgenommenen Händedruck (ohne 
Hand) für das Bewusstsein zur Einheit eines schein- 
baren Wahrnehmungsobjekts verschmelzen, ebenso gut 
wie die Gesichts- und Tasthallucination der Hand sich 
zur Einheit eines scheinbaren Wahrnehmungsobjekts 
verschmelzen können. Diese Verschmelzung zur Ein- 
heit eines scheinbaren Wahrnehmungsobjekts gehört 
sogar mit zum Inhalt der zu übertragenden Hallucination, 
insofern das Medium selbst in seinem sonnambulen Be- 
wusstsein diese Verschmelzung schon vollzogen hat; 
und zwar ist es dabei ganz gleich, ob das Medium die 
Gesichtshallucination der Hand mit dem Phantasiebilde 
der zu erzeugenden Tasthallucination oder mit dem 
Phantasiebilde der durch seine mediumistische Nerven- 
kraft zu erzeugenden Tast Wahrnehmung verschmolzen 
hat. 

Befindet sich die vermeintlich gedrückte Körper- 
stelle des Beobachters zweifellos ausserhalb der Wir- 
kungssphäre des anwesenden Mediums, so ist man 
sicher, dass man es nur mit einer Verbindung von Ge- 
sichts- und Tasthallucination zu thun hat; im andern 
Falle bleibt der Zweifel bestehen, und kann nur da- 
durch zu Gunsten einer Combination von Gesichtshallu- 
cination mit realen Eindrücken der mediumistischen 
Nervenkraft entschieden werden, wenn dieselbe ver- 
meintliche Hand oder derselbe Fuss gleich darauf ohne 
Unterbrechung seiner Sichtbarkeit einen bleibenden Ab- 
druck in geeignetem Material hervorbringt. Dieser Ver- 
such ist meines Wissens noch nirgends angestellt wor- 
den; ich kenne nur einen vereinzelt dastehenden Bericht, 
dass in einer Materialisationssitzung ein Abdruck von 
einem gleichzeitig sichtbaren (aber nicht fühlbar ge- 



IOI — 

wordenen) Kinderfuss hervorgebracht worden sei (Ps. 
St. VII, 397) und zwar unter Emporhebung des Vor- 
hangs, hinter welchem das Medium sass, also zweifellos 
innerhalb seiner Wirkungssphäre. 

Dieser Bericht bedürfte zunächst der Bestätigung 
durch ähnliche Beobachtungen Anderer; dagegen erhält 
er einige Unterstützung durch verschiedene Beispiele 
von allerdings schwacher Beglaubigung, welche ausser- 
halb mediumistischer Sitzungen sich spontan ereignet 
haben sollen. 

Es wird z. B. jemand an eine Person dadurch er- 
innert, dass er in halbsonnambulem Zustande neben 
sich eine Hand den Namen der betreffenden Person 
schreiben sieht ; oder ein Schiff wird veranlasst, seinen 
Kurs zu ändern und ein gescheitertes Schiff zu retten, 
weil der Steuermann einen fremden Schiffskapitän in 
der Kajüte hat sitzen und schreiben sehn und im Schiffs- 
buch von fremder Hand darauf die Worte gefunden 
wurden : „Steuert westwärts". Wenn man es nicht vor- 
zieht, die Schrift als eine im sonnambulen Zustande von 
den betreffenden Beobachtern mit eigner Hand unbe- 
wusst und ohne nachherige Erinnerung vollzogene an- 
zusehen, so bleibt nur die Annahme übrig, dass die- 
selben spontane Schreibmedien mit der Befähigung zu 
fernwirkender Schrift waren, und dass sie die aus der 
Ferne in ihr sonnambules Bewusstsein übertragenen 
Vorstellungen, beziehungsweise die Ergebnisse ihres 
Hellsehens durch diese Art der Vermittelung sich zum 
Bewusstsein brachten, also selbst fernwirkend schrieben, 
während sie zugleich die Vision einer schreibenden 
fremden Hand oder eines schreibenden fremden Menschen 
hatten. Es wäre gar kein Wunder, wenn demnächst 
auch bei der fernwirkenden Schrift der Medien berichtet 
würde, dass die schreibende fremde Hand von den Be- 
obachtern gesehen worden sei, was meines Wissens 
bis jetzt nicht geschehen ist, wenigstens nicht bei Licht- 
sitzungen; es würde aber darin nicht der mindeste 
Grund liegen, in solcher gesehenen Hand etwas andres 
als eine übertragene Gesichtshallucination zu suchen. 

Aehnlich ist das Verhältniss, wenn gesehene Ge- 
stalten , bei welchen die Sicherheit besteht , dass sie 
reine Hallucinationen und nicht bloss Illusionen sind, 



— 102 

materielle Gegenstände aufheben, herumtragen, einem 
Zuschauer einhändigen, wieder abnehmen und an ihren 
Platz zurückbringen. Diess alles kann mit zu dem In- 
halt der übertragenen Hallucinationen gehören, so gut 
wie das Zusammenrücken der Zimmerwände in dem 
oben erwähnten Beispiel; es kann aber auch durch die 
veränderten Plätze einzelner Gegenstände nach be- 
endigter Sitzung bewiesen, werden, dass wirklich eine 
objektive Ortsveränderung der materiellen Dinge statt- 
gefunden hat. Wenn diese Bewegungen sich innerhalb 
der Wirkungssphäre der Nervenkraft des Mediums zu- 
getragen haben und die Art und Stärke der durch 
diese Kraft zu bewirkenden Leistungen nicht über- 
steigen, so liegt kein Grund vor, dieselben auf eine 
andre Ursache als diese zu beziehen. Das sonnambule 
Medium hat dann seine Hallucination der auftretenden 
Gestalt mit dem Phantasiebild der vorzunehmenden 
Ortsveränderung von Gegenständen verschmolzen, hat 
die letzteren unbewusst mit Hülfe seiner mediumisti- 
schen Nervenkraft bewirkt, und hat dabei selbst den 
guten Glauben gehabt, dass seine Phantasiegestalten 
diese Ortsveränderungen selbstthätig aus eigener Kraft 
bewirken; durch Uebertragung seiner Hallucination auf 
die Zuschauer hat es dann auch die unwillkürliche 
Ueberzeugung mit übertragen, dass die gesehenen Orts- 
veränderungen der Dinge durch die hallucinirten Ge- 
stalten bewirkt sei. 

Uebrigens kenne ich keinen Bericht über solche 
stattgehabte Bewegungen materieller Dinge durch 
Phantome, aus dem hervorginge, dass die Bericht- 
erstatter sich der Notwendigkeit einer Unterscheidung 
zwischen Hallucination und Illusion und der Schwierig- 
keit der Unterscheidungsmerkmale bewusst gewesen 
wären; alle bisherigen Berichte dieser Art legen die 
Vermuthung nahe, dass die vermeintlichen Kraftleistun- 
gen der Gestalten nur einfache Muskelkraftleistungen der 
Medien waren, welche in dem Phantom drinsteckten. 

Wenn eine erscheinende Gestalt Stücke von ihrem 
Schleier abreisst, welche dem Zuschauer wie Spinne- 
webe zwischen den Fingern in Nichts zerrinnen, und 
wenn sie darauf durch Ausschütteln des Schleiers die 
Lücken desselben wieder ergänzt, so ist es klar, dass 



— 103 — 

man es in solchem Falle mit einer Vereinigung von Ge- 
sichts- und Tasthallucinationen zu thun hat. Wenn da- 
gegen die Gestalt sich von den Zuschauern Stücke von 
ihrem Gewand abschneiden lässt, welche sich derb wie 
irdische Stoffe anfühlen , so entsteht schon Zweifel , ob 
Tasthallucination oder Apport eines realen Objekts statt- 
findet. Wenn die Stoffproben später gleichfalls zer- 
rinnen oder nach der Sitzung nicht mehr auffindbar 
sind, so ist ihr hallucinatorischer Charakter als erwiesen 
zu betrachten; wenn sie nachher vorhanden und nach 
ihrem Preise für das Meter zu taxiren sind, so ist ihre 
Realität und zugleich ihre irdische Herkunft zweifellos. 
Wenn die innerhalb der Wirkungssphäre des Mediums 
stehende Gestalt ein Stück irdischen Zeuges an sich 
trägt, so bleibt die Möglichkeit offen, dass das Medium 
dieses Stück Zeug durch seine mediumistische Nerven- 
kraft schwebend erhält und dem Zuschauer annähert, 
ebenso dass es durch dieselbe Kraft fernwirkend eine 
Scheere zum Schneiden verwendet, alles in hallucinatori- 
scher Projektion auf die visionäre Gestalt, die bei alle- 
dem auch nicht die geringste Realität zu haben braucht. 
Näher liegt freilich der Verdacht, dass eine Gestalt, 
welche einen irdischen Stoff an sich trägt und mit der 
Scheere Stücken aus demselben ausschneidet, keine 
Hallucination , sondern eine das Medium als agirenden 
Kern in sich tragende Illusion sei; weil eben diese Ge- 
stalt Illusion ist, d. h. eine Anzahl hallucinatorischer 
Elemente an sich trägt, kann sie auch hallucinatorische 
Gewandstücke (Schleier u. s. w.) an sich tragen, welche 
sich dem Tastsinn als zerrinnende Spinnewebe oder als 
ungreifbares Nichts darstellen. 

Es wird bei künftigen Materialisationssitzungen vor 
allem darauf ankommen , zu unterscheiden , erstens ob 
die gesehenen Gestalten Illusionen oder Hallucinationen 
sind, zweitens ob ihre vermeintlichen Aktionen im 
letzteren Falle dauernde Wirkungen von aufzeigbarer 
Art hinterlassen, und drittens ob solche Wirkungen 
von den Gestalten innerhalb oder ausserhalb der Wir- 
kungssphäre der Nervenkraft des Mediums vollzogen 
worden sind. Ob eine Gestalt reine Hallucination und 
nicht eine Illusion sei, ist nur dadurch festzustellen, dass 
entweder die Hand durch dieselbe hindurchgreift, oder 



— 104 — 

dass ihr Entstehen oder Verschwinden beobachtet wird 
(Ps. St. VT, 292; IX, 146 — 147), oder dass sie mit dem 
sonnambulen Medium zugleich bei zweifellosem Aus- 
schluss eines Helfershelfers gesehen wird (VIII, 435; 
IX, 157; Hellenbach's „Geburt und Tod" 114). Wo 
diese Beweise fehlen, ist zunächst immer nur eine Illusion, 
welche das Medium in sich schliesst, anzunehmen, schon 
weil dieser Fall der gewöhnliche und die reine Hallu- 
cination abgelöster Phantome seltenere Ausnahme ist. 
Jedenfalls ist nochmals daran zu erinnern, dass es keine 
Gegeninstanz gegen diese nächstliegende Voraussetzung 
ist, wenn das Medium gefesselt oder in einen Käfig ge- 
sperrt ist. 

Die bis jetzt vorliegenden Berichte aus spiritisti- 
schen Kreisen scheinen mir keinerlei Angaben zu ent- 
halten, welche dazu nöthigen könnten, über die nächst- 
liegende Erklärung durch Hallucinationsübertragung in 
Verbindung mit der fernwirkenden mediumistischen 
Nervenkraft hinauszugehen. Von mechanischen Wir- 
kungen dauernder Art durch reine, d. h. vom Medium 
abgelöste Phantome ausserhalb der Wirkungsphäre der 
Nervenkraft des Mediums ist noch nirgends etwas be- 
richtet. So lange diess nicht der Fall ist, scheint es 
mir wissenschaftlich unberechtigt, den behaupteten sub- 
jektiven Erscheinungen eine objektive Realität beizu- 
legen, und Hypothesen zur Erklärung solcher objektiv 
realer Erscheinungen aufzustellen. Versuche zur Be- 
stimmung der Gewichtsveränderung des Mediums wäh- 
rend des Auftretens der Erscheinungen und zur Ge- 
wichtsbestimmung der Erscheinungen selbst beim Ueber- 
schreiten einer Brückenwage könnten wohl geeignet 
scheinen, diese Frage zur Entscheidung zu bringen, 
wenn durch selbstregistrirende Apparate die Möglich- 
keit von Hallucinationen des während der Sitzung Ab- 
lesenden ausgeschlossen würden ; aber dem steht der Um- 
stand entgegen, dass in Folge der Ladung mit medium - 
istischer Nervenkraft sowohl das Medium selbst, auch 
ohne Abgeben von Materie an die Erscheinung, sein 
Gewicht beträchtlich vermindern kann, und dass es 
auf dieselbe Weise die Brückenwage dynamisch be- 
lasten kann, während die Erscheinung dieselbe zu über- 
schreiten scheint, auch ohne dass die Erscheinung selbst 



— io5 — 

Realität und Gewicht besitzt. Auf diesem Wege ist 
also nichts Sicheres zu konstatiren *). 

Uebrigens selbst gesetzt den Fall, die Spiritisten 
hätten Recht mit ihrer Annahme, dass das Medium 
einen Theil seiner organischen Materie abgebe und 
daraus eine Gestalt von zuerst dünner, nach und nach 
aber dichter werdender Materialität bilde, so würde 
doch nicht bloss die gesammte Materie dieser objektiv 
realen Erscheinung aus dem leiblichen Organismus des 
Mediums, sondern ebenso auch ihre Form aus der son- 
nambulen Phantasie des Mediums, und die etwa von 
ihr entfalteten dynamischen Wirkungen aus der Ner- 
venkraft des Mediums stammen; sie würde nichts sein, 
thun und wirken, als was die sonnambule Phantasie des 
Mediums ihr vorzeichnet und vermittelst der ihr zur 
Verfügung stehenden Kräfte und Stoffe seines Organis- 
mus verwirklicht. Auf eine andre Ursache als das 
Medium zurückzugehen, dazu würde selbst in diesem 
Falle schlechterdings kein Vorwand gegeben sein, wie 
diess von Janisch in umfassender und überzeugender 
Weise nachgewiesen worden ist**). So lange indess 
nicht ganz andres Beweismaterial beigebracht wird, als 
das bisherige, muss der Ausdruck „Materialisation" als 
ein irreleitender und unberechtigter entschieden ver- 
worfen werden; die Phantome der sogenannten Mate- 
rialisationssitzungen sind nach allem, was man bisher 
sagen kann, wirklich nur Phantome, d. h. subjektive 
Erscheinungen ohne objektive Realität, aber Erschei- 
nungen, deren relative Uebereinstimmung in den Zu- 
schauern durch ihren Ursprung aus der in sie über- 
tragenen Hallucianation des sonnambulen Mediums er- 
klärt wird. 



*) In dem einzigen mir bekannten Falle, wo eine Erscheinung ge- 
wogen wurde, stimmte ihr Gewicht mit demjenigen des Mediums überein 
(Ps. St. VIII, 52), woraus doch zu schliessen, dass es das Medium selbst 
war, welches die Waage betrat. 

**) „Gedanken über Geistermaterialisation" von Dr. Janisch, Real- 
schuldirektor (Ps. St. VII, S. 115 — 122, 177 — 1S4, 207 — 213). 



— IOÖ 



5. Die Geisterhypothese. 



Wir haben nunmehr das gesammte Gebiet der in 
mediumistischen Sitzungen bisher beobachteten Erschei- 
nungen durchwandert, und können sehr wohl begreifen, 
wie durch diese zum Theil höchst überraschenden Er- 
scheinungen der Glaube an Geister als an die sie be- 
wirkende Ursache in solchen Personen hervorgerufen 
werden kann, welche ohne zusammenfassende Ueber- 
schau und ohne sorgfältige Kritik sich dem unmittel- 
baren Eindruck der gemachten Erfahrungen hingeben. 
Bringen dieselben gar noch den Glauben an das Vor- 
handensein von leiblosen Geistern und die Möglichkeit 
ihrer Offenbarung, bringen sie ferner die Sehnsucht 
nach Wiederherstellung des durch den Tod unter- 
brochenen Verkehrs mit lieben Angehörigen und Freun- 
den mit, verfallen sie endlich dem fascinirenden Ein- 
fluss der Medien und der von denselben auf sie über- 
tragenen Hallucianationen, so wäre es geradezu psycho- 
logisch unerklärlich, wenn dieselben sich von der Zu- 
rückbeziehung eines Theils der Erscheinungen auf über- 
natürliche, ausserhalb der Medien gelegene Ursachen 
freihielten. Anderseits haben wir gesehen, dass ' für 
das unbefangene kritische Urtheil in dem durchwan- 
derten Gebiet mit Ausnahme des eigentlichen Hell- 
sehens nicht der leiseste Anlass zum Ueberschreiten 
der natürlichen Erklärungen gegeben ist, und dass der 
Schein des Gegentheils auf einer psychologisch zwar 
erklärlichen aber wissenschaftlich unhaltbaren Täuschung 
beruht. Die Unhaltbarkeit der spiritistischen Erklärungs- 
weise wird noch besser einleuchten, wenn wir verfolgen, 
wie sich dieselbe im Laufe der Zeit aus der plumpsten 
Sinnlichkeit allmählich mehr und mehr vergeistigt, da- 
mit aber auch mehr und mehr sich selbst den Boden 
unter den Füssen weggezogen hat, bis auf einen schmalen 
Fussbreit Raumes, auf dem sie jetzt noch künstlich ba- 
lancirt, ohne von dieser haltlosen Stellung aus noch 
etwas zur wirklichen Erklärung beitragen zu können. 

Der einfache sinnlich naive Glaube des Volkes ist 
der, dass die Verstorbenen in ihrer bisherigen Gestalt, 



I07 



aber mit einem schattenhaften, durchdringlichen, ge- 
wichtlosen, unsichtbaren Körper fortleben und in ihren 
gewohnten Oertlichkeiten noch längere Zeit trübselig 
umherwandeln, ehe sie sich entschliessen , von dieser 
Erde gründlich Abschied zu nehmen, und in himmlische 
oder höllische Regionen aufzusteigen oder niederzu- 
fahren, aus denen sie dann noch ausnahmsweise und 
vorübergehend zur Erde zurückkehren können. Diese 
Geister sind es, welche, durch die Nähe des Mediums 
in unerklärlicher Weise angezogen, ihre Gegenwart 
durch Klopfen, Möbelschieben, Tischrücken, Schrift ohne 
Berührung, Stimmen u. s. w. kundthun, und endlich 
durch Entlehnung von Lebenskraft (Blut) aus dem Me- 
dium in den ihnen eigenthümlichen Gestalten sichtbar 
werden können. Wenn man sich etwas nicht erklären 
kann, so muss es ein Geist gethan haben; wie der 
Geist es gemacht hat, die Erscheinung zu Stande zu 
bringen, das ist seine Sache; ein Geist muss eben alles 
können, dafür ist er ja ein Geist. Dieser allen alten 
Völkern und in der Hauptsache auch noch dem heuti- 
gen niederen Volke gemeinsame Glaube hat seine syste- 
matische Ausbildung bei den Indern erhalten, welche 
annehmen, dass ausser den Pitris (Ahnengeistern) auch 
lebende Personen ihren Körper verlassen und mit ihrem 
unsterblichen Astralleib oder Schemen sich an ferne 
Orte versetzen können, um andern zu erscheinen. Eine 
Psychologie, welche mit dem Gebiet der Hallucinationen 
noch gar nicht näher vertraut ist, muss nothgedrungen 
zu einer solchen Hypothese greifen; wir aber können 
uns damit begnügen, sie nach dieser ihrer historischen 
und psychologischen Begründung zu würdigen. 

Dieser naive Geisterglaube erhielt in seiner An- 
wendung auf die mediumistischen Erscheinungen den 
ersten Stoss durch die Ueberlegung, dass ja das Me- 
dium denn doch auch ein Geist sei, und dass derselbe, 
wenn er sich im sonnambulen Zustand der Hemmnisse 
des gewöhnlichen Leibes entledigt habe, alles das wohl 
auch können müsse, was die Geister Verstorbener 
können. Man konnte sich also denken, dass der Geist 
des Mediums sammt seinem Astralleib aus seinem wie 
todt daliegenden Leibe hinausgefahren sei, im Zimmer 
herumspaziere und mit den andern anwesenden Geistern 



— IOi 



zusammen rumore. Hier findet zwar schon Arbeits- 
teilung zwischen den Geistern und dem Geist des Me- 
diums statt, aber die Art , wie der Geist des Mediums 
selbst den ihm zufallenden Theil der Arbeit verrichtet, 
ist noch dieselbe plump sinnliche, in welcher die Ahnen- 
geister auch wirken, nämlich durch Anpacken mit den 
Gliedmaassen ihres unsichtbaren Astralleibes unter Aus- 
schluss jeder mechanischen Fernwirkung. Dabei erschien 
die Erklärung durch Geister noch immer als die un- 
mittelbare, die durch den ausgewanderten Geist des 
Mediums als die abgeleitete, welche sofort in Schwierig- 
keiten gerieth, wenn das Medium nicht in kataleptischer 
Hypnose sondern bei wachem oder bei larvirtem son- 
nambulen Bewusstsein war. 

Der einmal gefasste Gedanke, dass ein Theil der 
Erscheinungen vom Medium selbst herrühre, forderte 
nun sein Recht auch für den Fall seines Bewusstbleibens, 
und der Nachweis der mediumistischen Nervenkraft und 
ihrer Wirkungen auf eine gewisse Entfernung kehrte 
die naive Auffassung um. Indem man die mediumistische 
Nervenkraft mit dem irreleitenden Ausdruck „psychische 
Kraft" bezeichnete und sich durch diese Bezeichnung 
verleiten liess, den Sitz dieser Kraft in der Seele an- 
statt im Nervensystem des Mediums zu suchen, galt 
nun auf einmal die Erklärung der Erscheinungen durch 
die psychische Kraft des Mediums als die unmittelbare, 
und die Zuhülfenahme der psychischen Kraft der Geister 
als die abgeleitete Erklärung. Denn ein ganz klein 
wenig kritische Besonnenheit musste zu der Einsicht 
führen, dass Geister mit unsichtbaren, unfühlbaren und 
alle Materie durchdringenden Astralgliedmaassen ohne 
Muskeln und Knochen auch nicht anpacken und heben 
könnten, sondern ihre dynamischen Wirkungen auf 
spirituelle Weise vollbringen müssten, wofür die „psy- 
chische Kraft" des Mediums die nächste und einzige 
Analogie zu bieten schien. 

Wenn man einmal zu dieser Umkehrung gelangt war, 
so lag es auf der Hand, dass man zunächst sehen musste, 
wie weit man bei der Erklärung der Erscheinungen mit 
ihrer Zurückführung auf das Medium ausreichte, und erst 
dann zur Beihülfe von Geistern greifen durfte, wenn 
diese Erklärungsursache aus irgend welchen Gründen 



— log — 

nicht zu genügen schien. Schon auf diesem Punkte 
würde vermuthlich die Geisterhypothese in sich zu- 
sammengebrochen sein, wenn man es nur mit physika- 
lischen Erscheinungen zu thun gehabt hätte; so lange 
aber der Vorstellungsinhalt der Kundgebungen und die 
vermeintlichen Materialisationserscheinungen die Mit- 
wirkung von Geistern doch jedenfalls noch unentbehr- 
lich scheinen liessen, so lange trug man kein Bedenken, 
die doch einmal statuirten Geister auch bei den phy- 
sikalischen Erscheinungen mitwirken zu lassen. Immer- 
hin fing man in dieser Phase bereits an einzugestehen, 
dass doch der grössere Theil der Erscheinungen auf das 
Medium selbst als ihre alleinige Ursache zurückzuführen 
sei. Hatte schon Davis („Present Age" p. 197, 161, 
134) diess für 60 Procent der Erscheinungen eingeräumt, 
so gingen die neueren deutschen Spiritisten, wie Hellen- 
bach, in diesen Zugeständnissen noch viel weiter. 

Grade der näheren Beschäftigung mit den Materiali- 
sationserscheinungen war es vorbehalten, die Geister- 
hypothese noch weiter zu untergraben. So lange man 
in dem naiven Glauben befangen war, dass die Geister 
alles Klopfen und Tischrücken mit eigner Hand be- 
sorgten, und sprächen, ohne sich der Stimmwerkzeuge 
des Mediums zu bedienen, blieb die Mitwirkung des 
Mediums bei den Materialisationen darauf beschränkt, 
dass es sich dazu hergab , sich von den Geistern die 
Stoffe aus seinem Leibe herausziehen zu lassen, welche 
diese brauchten, um ihre unsichtbar unter uns herum- 
wandelnden Gestalten sichtbar und fühlbar zu machen. 
Von diesem Gedanken war die äussere Anordnung der 
Sitzungen geleitet, und kein Spiritist dachte zunächst 
daran, dass das Medium bei der Sache aktiv betheiligt 
sein könne. Diese naive Auffassung wurde durch zahl- 
reiche „Entlarvungen" erschüttert, bei welchen das er- 
griffene Phantom sich als das Medium selbst entpuppte. 
Nun erst begann die Unterscheidung zwischen Trans- 
figuration und Materialisation, und endlich musste man 
das Verbleiben des producirten Phantoms beim Medium 
als Regel, die Ablösung desselben vom Medium als 
Ausnahme anerkennen. Obendrein blieb die Ablösung 
meist unvollständig; bald waren es nur Gliedmaassen 
oder Köpfe oder blosse Rümpfe mit Stummeln (Ps. St. 



— HO — 

VIII, 53; IX, 146 — 147), welche in einiger Entfernung 
vom Medium sichtbar wurden, bald erhob sich vom 
Unterkörper des liegenden Mediums über dessen Ober- 
körper der Oberkörper eines Phantoms. Wenn aber 
eine vollständige Ablösung erfolgte und das Phantom 
in dem Process seines Entstehens und Vergehens be- 
obachtet wurde, so zeigte sich, dass dasselbe ganz und 
gar aus dem Medium ausströmte und in dasselbe zu- 
rückströmte, und zwar nicht als fertige sich allmählich 
mit Stoff füllende und wieder entleerende Gestalt, son- 
dern als formloser, erst allmählich Gestalt gewinnender 
und ebenso wieder in Gestaltlosigkeit zerrinnender 
Nebel. 

Hieraus ging unzweifelhaft hervor, dass das Me- 
dium selbst der unbewusste Producent der Phan- 
tome, sowohl der an ihm verbleibenden, als der von 
ihm sich ablösenden sei, dass im Medium nicht bloss 
die passive Stoffquelle für das Sichtbarwerden der Ge- 
stalten, sondern neben der stoffgebenden auch die form- 
gebende und gestaltende Ursache der Erscheinun- 
gen zu suchen sei, an deren objektiver Realität im 
spiritistischen Lager zunächst noch kein Zweifel auf- 
tauchte. Es gehörte denn doch nur recht wenig kri- 
tische Besonnenheit dazu, um sich zu sagen, dass die 
Geister, mögen sie nun in jeder Hinsicht leibfrei, oder 
mit einem Astralleib, Aetherleib oder Metaorganismus 
bekleidet gedacht werden, jedenfalls einer ganz andern 
Ordnung der Dinge angehören müssten, und dass sie 
keinenfalls mit einer Gestalt von denselben räumlichen 
Dimensionen, wie der von ihnen im Tode abgelegte 
Organismus besass, am wenigsten aber mit spirituellen 
Gewändern, gleich den im Leben getragenen, bekleidet, 
unter uns unsichtbar herumspazierten, so dass von einem 
blossen Sichtbarmachen der schon vorhandenen Gestalt 
keine Rede seine könne. Wollte ein Geist sich den 
Zuschauern offenbaren, so war es wohl begreiflich, dass 
er seine aus dem früheren Leben denselben bekannte 
Gestalt und Kleidung dazu wählte, aber diese Gestalt 
musste erst völlig neu producirt werden, wozu der Geist 
als solcher ausser Stande war, und wozu er eben die 
stoffgebende und formgebende Leistung des Mediums 
in Anspruch nehmen musste. Dem Geist bleibt, wenn 



— III — 

er sich uns offenbaren will, nichts übrig, als in das Me- 
dium hineinzufahren und aus diesem heraus mit den 
Stoffen und Kräften desselben sich uns vernehmlich zu 
machen, wie ein Mensch, der in einen Sack gesteckt 
ist und nur durch den Sack hindurch gestikuliren kann. 

So gelangte der Spiritismus dazu, alle physikalischen 
Wirkungen und alle Materialisationserscheinungen als 
Produkte des Mediums anzusehen, und die Geister nur 
als die Maschinenmeister zu betrachten, deren Wille und 
Intelligenz in der Absicht, sich zu offenbaren, hinter den 
Medien steht und die in deren Organismus verborgenen 
Kräfte spielen lässt. Die Geister haben nach dieser 
Ansicht aufgehört, irgend welche Wirkungen im Be- 
reiche der irdischen Natur unmittelbar und persönlich 
hervorzubringen, sie bleiben aber die transcendente Ur- 
sache der Erscheinungen, welche das Medium willenlos 
und bewusstlos producirt. Eine kritische Auflösung der 
Verwechselung von „psychischer Kraft" und „mediumi- 
stischer Nervenkraft" muss das Aufgeben des naiv-sinn- 
lichen Geisterglaubens zur Notwendigkeit machen; denn 
was die Geister auch sonst noch an sich haben mögen, 
ein Nervensystem, vermittelst dessen sie (wie der Rochen 
elektrische Entladungen) Nervenkraftladungen produciren 
könnten, haben sie ebensowenig wie ein Muskelsystem, 
vermittelst dessen sie Tische und Stühle heben und 
schieben könnten. 

So läutert sich die Hypothese der unmittelbaren 
Geister Wirkung zu derjenigen einer ausschliesslich durch 
das Medium vermittelten Geisterwirkung; das Medium 
ist jetzt der einzige Ausführende und die Geister weichen 
auf den Standpunkt von bloss intellektuellen Urhebern 
der Erscheinungen zurück. Indem sie jedoch von dem 
willenlosen und bewusstlosen Medium Besitz ergreifen, 
bleibt ihnen zunächst doch noch die psychische Seite 
der Produktion vorbehalten, und es ist vorläufig nur 
erst die leibliche Seite derselben, welche sie an das 
Medium haben abtreten müssen. Der Geist des Mediums 
selbst wird dabei, so weit als nöthig, von seiner Herr- 
schaft über den Leib zeitweilig depossedirt und seine 
Stelle durch den „kontrolirenden Geist" eingenom- 
men. Es ist also der Wille des kontrolirenden Geistes, 
welcher die vom Gehirn des Mediums ausgehenden 



Innervationsimpulse so bestimmt und leitet, dass un- 
willkürliche Muskelbewegungen in den Gliedmaassen 
des Mediums entstehen, oder mediumistische Nerven- 
kraft entfaltet wird; der fremde Geist ist es in Person, 
welcher durch den Leichnam des Mediums Handschrift 
oder fernwirkende Schrift producirt. Ebenso ist es dieser 
Geist, dessen Phantasie die zu materialisirende Gestalt 
vorschwebt, und welcher sie durch die im Organismus 
des Mediums aufgespeicherten und schlummernden 
Kräfte verwirklicht. Die ganze Aussenseite der Er- 
scheinungen hat nunmehr ihren Ursprung im Medium, 
und nur die Innenseite, der Vorstellungsgehalt der 
Kundgebungen ist es jetzt noch, welcher die Mitwirkung 
der Geister unentbehrlich zu machen scheint, und zwar 
deshalb, weil vorausgesetzt wird, dass das Medium im 
bewusstlosen Schlaf-Zustand gar keine Intelligenz mehr 
zur Verfügung habe, und im wachen Zustande keine 
andre als das an den Erscheinungen unbetheiligte wache 
Bewusstsein. 

Man kann die Hypothese der mittelbaren Geister- 
wirkung auf dieser Stufe ihrer Ausbildung als Besessen- 
heitshypothese bezeichnen; denn das Medium ist 
grade soweit, als sein wahres Bewusstsein die Herr- 
schaft über seinen Organismus verloren hat, vom kon- 
trolirenden Geiste besessen. Der Geist des Mediums 
ist bei dem Vorgang vollständig ausgeschaltet. Ent- 
weder ist er in völlige Bewusstlosigkeit versunken, oder 
der Rest von bestehendem Bewusstsein beherrscht nicht 
mehr die zum Zustandekommen der Erscheinungen er- 
forderlichen Innervationsimpulse, weiss auch direkt nichts 
von dem Gebrauch, welchen der kontrolirende Geist 
von seinem Organismus und dessen Kräften macht, 
sondern erfährt von den Erscheinungen ganz ebenso 
wie die Zuschauer erst hinterdrein etwas, nachdem sie 
zu Stande gekommen sind und sich der Sinneswahr- 
nehmung bemerklich gemacht haben. Diese Besessen- 
heitshypothese ist natürlich ein grosser Fortschritt gegen 
den" naiven Geisterglauben , weil sie wenigstens in Be- 
zug auf die Aussenseite der Erscheinungen den beobach- 
teten Thatsachen Rechnung trägt; aber sie ist dennoch 
unhaltbar, weil sie denselben in Bezug auf die Innen- 
seite derselben, d. h. den Vorstellungsinhalt der Kund- 



— ii3 — 

gebungen noch keine Rechnung trägt. Sie entspricht 
einer Psychologie, welche unter dem Geiste des Men- 
schen nichts als den Inhalt seines normalen, wachen 
Bewusstseins versteht und von relativ oder gar absolut 
unbewussten Begehrungen, Gefühlen und Vorstellungen 
noch nichts ahnt. Sie wird schlechterdings widerlegt 
schon durch die einzige Thatsache, dass es einen Son- 
nambulismus giebt, einen Zustand, in welchem die Men- 
schen dem Inhalt ihres Bewusstseins durch Worte und 
Handlungen Ausdruck geben, während ihr waches Be- 
wusstsein ganz unterdrückt oder doch abgeschwächt 
ist, und in welchem das (nachherige oder gleichzeitige) 
wache Bewusstsein der Regel nach von dem Inhalt 
des sonnambulen Bewusstseins nichts weiss, während 
dieses doch von jenem weiss. Wenn ein Medium im 
sonnambulen Zustand mündlich genauen Aufschluss zu 
geben vermag über den Inhalt der früher geleisteten 
fern wirk enden Schrift, von welchem sein waches Be- 
wusstsein nichts wusste, so ist damit der zwingende 
Beweis geliefert, dass das sonnambule Bewusstsein des 
Mediums bei seinen mediumistischen Leistungen nicht 
ausgeschaltet oder übersprungen wird, sondern irgend- 
wie mitbetheiligt ist. Dasselbe wird dadurch bewiesen, 
dass alle Kundgebungen einen dem geistigen Niveau 
und den Ansichten des Mediums entsprechenden Inhalt 
zeigen, dass sie sozusagen alle mit dem Lokalton oder 
Personalton des Mediums gefärbt sind. Schreitet man 
gar von der Erklärung der Transfigurations- und Ma- 
terialisationserscheinungen durch dynamisch stoffliche 
Efflorescenz aus dem Medium zu derjenigen durch 
Hallucinationsübertragung fort, so wird die Hallucination 
im sonnambulen Bewusstsein des Mediums (in Verbin- 
dung mit dem Willen zur Uebertragung) zur unmittel- 
baren Entstehungsursache für die subjektiven Erschei- 
nungen der Zuschauer, gelangt also zu erhöhter Wich- 
tigkeit. 

Muss nun die Mitbetheiligung des sonnambulen 
Bewusstseins sammt der Aktion der dasselbe tragenden 
Hirntheile unweigerlich zugestanden werden, so kann 
auch der Durchgang der Vorstellungen und Willens- 
akte des kontrolirenden Geistes nicht mehr als ein rein 
passiver Vorgang gedacht werden; andrerseits kann 

JI artmann, Spiritismus. £ 



— Ii4 — 

das Zusammenwirken des kontrolircnden Geistes mit 
dem Geiste des Mediums nicht als eine Konkurrenz 
um die Herrschaft über den Organismus gedacht wer- 
den, wie sie zwischen dem sonnambulen und wachen 
Bewusstsein beim larvirten Sonnambulismus wirklich 
besteht. Vielmehr muss dem sonnambulen Bewusstsein 
und den es tragenden Hirntheilen die alleinige Herr- 
schaft über diejenigen Theile und Kräfte des Organis- 
mus, welche die mediumistischen Erscheinungen her- 
vorbringen, überlassen bleiben, und die Wirksamkeit 
des kontrolirenden Geistes muss sich darauf beschrän- 
ken, im sonnambulen Bewusstsein des Mediums diejenigen 
Beg'ehrungen, Gefühle und Vorstellungen hervorzurufen, 
welche für die Geisteroffenbarung erforderlich sind. 
Damit kommt dann der Begriff der Besessenheit völlig 
in Wegfall, indem er in den anderartigen Begriff der 
Inspiration umschlägt ; d. h. die Besessenheits-Hypothese 
hat sich zur Inspirations-Hypothese hindurch ge- 
läutert. 

Nach der Inspirations-Hypothese ist es das sonnam- 
bule Bewusstsein des Mediums selbt, welches bestimmte 
Sätze schreiben oder eine bestimmte Gestalt zur Er- 
scheinung bringen will; aber welche Sätze und welche 
Gestalt ihm zur Ausführung vorschweben, soll nicht. von 
psychischen Processen im Geiste des Mediums selbst, 
sondern davon abhängen, welche Gedanken oder welche 
Gestalt der kontrolirende Geist aus seinem Bewusstsein 
in das sonnambule Bewusstsein des Mediums überträgt. 
Jetzt erst ist die intellektuelle Urheberschaft der Geister 
auf ihren wahren und feineren Sinn zurückgeführt, in- 
sofern sie als ihr Correlat nicht bloss einen zeitweilig 
entseelten Organismus sondern die Einheit von Leib 
und Seele der ausführenden Person erfordert. Erst 
mit dieser Wendung tritt die Geisterhypothese in ein 
Stadium, welches es der Psychologie und Metaphysik 
anständiger Weise ermöglicht, sich im Ernste mit un- 
kritisch zu beschäftigen, während das Voraufgeschickte 
nur zur historischen Orientirung des Lesers dienen sollte. 

Die Vorstellungsübertragung ist ein uns bereits 
geläufiger Begriff; wenn es „Geister" giebt, so könnte 
sie wohl von einem „Geist" auf einen Menschen als 
möglich angenommen werden, da sie zwischen zwei 



— H5 — 

Menschen möglich ist. Indess bestehen doch für diese 
Annahme einige nicht zu unterschätzende Schwierig- 
keiten. Der Geist eines Verstorbenen besitzt kein Ge- 
hirn., dessen Schwingungen in einem in der Nähe be- 
findlichen Menschengehirn ähnliche Schwingungen in- 
duciren könnten; die mechanische Vermittelung durch 
Aetherschwingungen, wie wir sie bei der Vorstellungs- 
übertragung unter Menschen in unmittelbarer Nähe 
oder Berührung voraussetzen dürfen, fällt also für über- 
tragende Geister weg, und es bleibt nur die andre Art 
der Vorstellungsübertragung ohne materielle Vermitte- 
lung übrig, welche an keine Entfernung gebunden 
scheint. In der That nehmen auch die neueren Spiri- 
tisten auf Grund mediumistischer Kundgebungen an, dass 
der kontrolirende Geist sich in beliebiger Ferne von 
dem ihn offenbarenden Medium befinden könne, ohne 
dass dadurch die Intimität des Rapports zwischen bei- 
den beeinträchtigt werde. Der Uebelstand dabei ist 
nur der, dass nach unsern Erfahrungen auf weite Ent- 
fernungen gar keine Gedanken oder Worte sondern 
nur sinnlich anschauliche und möglichst lebhafte Hallu- 
cinationen übertragen werden können, wie sie aus- 
schliesslich in den das sonnambule Bewusstsein tragen- 
den Hirntheilen sich entwickeln zu können scheinen; 
Geister aber haben kein Gehirn, weder diejenigen 
Theile desselben, welche das wache, noch diejenigen, 
welche das sonnambule Bewusstsein tragen, und ihre 
Gedanken können darum schwerlich mit jener leben- 
digen hallucinatorischen Sinnenfälligkeit bewusst sein, 
wie allein die den Sinneswerkzeugen näherliegenden 
sonnambulen Hirntheile sie ermöglichen. Dass die Be- 
dingungen für die Vorstellungsübertragung von einem 
Geist in das sonnambule Bewusstsein eines Menschen 
im Uebrigen günstiger seien als für die aus dem sonnam- 
bulen Bewusstsein eines andern Menschen, diess anzu- 
nehmen haben wir keinerlei Anlass; es ist nichts in 
Sicht, was die beregte Schwierigkeit ausgleichen könnte, 
man müsste denn auf den naiven Volksglauben zurück- 
greifen, dass ein Geist alles können muss, weil er eben 
ein Geist ist. Grade dasjenige, was z. B. für die im 
Medium bei einer Materialisationssitzung wirksame 
Phantasievorstellung eines Verstorbenen charakteristisch 

S* 



— n6 — 

ist, die hallucinatorische Sinnenfdlligkeit, muss der Vor- 
stellung des Geistes an sich selbst abgehen, wogegen 
dasjenige, was man dem Geiste am ehesten zutrauen 
könnte, den wortlosen Gedankengehalt zu schreibender 
Sätze, nach unsern Erfahrungen wiederum nicht aus 
der Ferne übertragbar ist. 

Zu diesen formellen Schwierigkeiten der Ueber- 
tragung gesellen sich noch andre, welche den Inhalt 
der Kundgebungen betreffen. Dieser Inhalt ist ge- 
wöhnlich unter dem geistigen Niveau des Mediums 
und der Anwesenden und erhebt sich höchstens auf, 
aber niemals über dasselbe. Diese Thatsache ist voll- 
kommen begreiflich, wenn das sonnambule Bewusstsein 
des Mediums die alleinige geistige Quelle desselben 
bildet; aber sie zerstört die Geisterhypothese. Denn 
wenn die Geister uns nichts Besseres, als was wir selbst 
schon wissen, zu offenbaren haben, oder nach Lage 
der Dinge zu offenbaren im Stande sind, so wird das 
einzige Motiv hinfällig, welches man für ihre Neigung, 
sich zu offenbaren, angeben kann: der Wunsch, uns 
weiser und besser zu machen, als wir es ohnehin sind. 

Abgesehen von diesen formellen und inhaltlichen 
Bedenken ist die Geisterhypothese auf der Stufe der 
Inspirations-Hypothese vor allen Dingen überflüssig, ein 
blosses fünftes Rad am Wagen. Auf der Stufe der 
Besessenheits-Hypothese erschien die Geistermitwirkung 
nur noch darum unentbehrlich, weil man von der Vor- 
aussetzung ausging, dass dem Medium ausser seinem 
(entweder unterdrückten oder bei Seite geschobenen) 
wachen Bewusstsein keine Intelligenz zu Gebote stände. 
Auf der Stufe der Inspirations-Hypothese, wo diese Vor- 
aussetzung nicht mehr besteht, muss aus dem besonderen 
Inhalt der Kundgebungen erst geschlossen werden, dass 
das sonnambule Bewusstsein des Mediums ausser Stande 
sei, sie zu produciren. So lange man von sonnambuler 
Gedächtniss-Hyperästhesie, Gedankenlesen und Hell- 
sehen nichts weiss, gelten alle diejenigen Kundgebungen 
als Offenbarungen inspirirender Geister, welche einen 
Vorstellungsinhalt produciren, der dem wachen Be- 
wusstsein des Mediums fremd oder auf dem Wege 
sinnlicher Wahrnehmung für dasselbe unverkennbar ist. 
Sobald man aber diese drei Erkenntnissquellen neben 



— 1 17 ~ 

der sinnlichen Wahrnehmung einräumt, ist überhaupt 
kein Vorstellungsinhalt mehr denkbar, welcher seiner 
Natur nach unfähig wäre, aus ihnen geschöpft zu sein. 

Der Spiritismus kann aber die Möglichkeit der Vor- 
stellungsübertragung aus einem Geist in den andern und 
diejenige des Hellsehens gar nicht bestreiten, ohne sich 
die Möglichkeit der Inspiration selbst abzuschneiden; 
denn was der inspirirende Geist weiss, kann er beim 
Mangel sinnlicher Wahrnehmungsorgane nur durch Hell- 
sehen oder Gedankenlesen erfahren haben, und was das 
sonnambule Bewusstsein des Mediums von diesem Geiste 
empfängt, kann es nur durch Inspiration, d. h. durch 
Vorstellungsübertragung empfangen. Die Einschaltung 
des gedankenlesenden (oder hellsehenden) und inspi- 
rirenden Geistes zwischen das gedankenlesende (oder 
hellsehende) Medium und den zu percipirenden Vor- 
stellungsinhalt ist also nicht eine Lösung, sondern nur 
eine Verdoppelung der in dem Problem des Gedanken- 
lesens oder Hellsehens liegenden Schwierigkeit, wobei 
noch der erschwerende Umstand hinzutritt, dass aus den 
angezeigten Gründen das Gedankenlesen aus dem Be- 
wusstseinsinhalt eines leibfreien Geistes für das Medium 
viel schwieriger ist als dasjenige aus den Gedanken 
eines andern Menschen, zumal eines neben ihm sitzen- 
den und durch direkte oder indirekte körperliche Be- 
rührung mit ihm verbundenen. 

So hat sich die gesammte Geister-Hypothese in ein 
reines Nichts aufgelöst, nachdem zuerst die direkten 
physikalischen Kraftleistungen, dann die Hervorbringung 
der Materialisationserscheinungen, und endlich auch die 
Produktion des Vorstellungsinhalts der Kundgebungen 
sich von den vorausgesetzten Geistern auf das Medium 
verschoben haben. Ob es Geister giebt, oder nicht, 
haben wir hier nicht zu untersuchen ; jedenfalls sind 
sie, wenn es welche giebt, in jenes Jenseits zurückver- 
wiesen , aus welchem der Spiritismus sie in's Diesseits 
herabgezogen zu haben glaubte. 

Es giebt einige allgemeine methodologische Grund- 
sätze, gegen welche man nicht ungestraft verstösst. Man 
soll erstens die Principien nicht ohne Noth vervielfälti- 
gen, also nicht eine zweite Art von Ursachen suppo- 
niren, so lange man mit einer einzigen Art derselben 



— 1 1 8 — 

auskommt. Man soll zweitens so lange als möglich bei 

l'rsachen, deren Existenz durch die Erfahrung" oder 
zweifellose Schlüsse verbürgt ist, stellen bleiben, und 
nicht ohne Noth zu solchen Ursachen greifen, deren 
Existenz zweifelhaft oder unerwiesen ist und ersl 
durch ihren Werth als Hypothese zur Erklärung der 
fraglichen Erscheinungen erhärtet werden soll. Man 
soll drittens so lange als möglich mit natürlichen Ur- 
sachen auszukommen suchen und nicht ohne dringende 
Xoth zu übernatürlichen greifen. Gegen diese drei 
Grundsätze verstösst der Spiritismus. Die eine, er- 
fahrungsmässig gegebene, natürliche Art von Ursachen, 
welche wir in den Medien besitzen, erkennt er zwar an, 
statuirt aber neben ihr eine zweite, erfahrungsmässig 
nicht gegebene, übernatürliche Art von Ursachen, deren 
Existenz erst durch dies fragliche Erscheinungsgebiet 
erwiesen werden soll. 

Damit man neben der ersten Art von Ursachen 
auch noch die zweite gelten lasse, müsste sich nun doch 
der Spiritismus gedrungen fühlen, seine ganze Kraft 
daran zu setzen, um genau die Grenzlinie zu be- 
stimmen, jenseits welcher die Erklärung'sfähigkeit der 
ersten Art von Ursachen aufhört, und um mit der sorg- 
fältigsten Kritik zu beweisen, warum ihre Zulänglich- 
keit jenseits dieser Grenzlinie aufhört. So lange diese 
Grenzbestimmung und dieser Beweis nicht erbracht ist, 
ist die dem Behauptenden obliegende Beweislast für die 
Mitwirkung der zweiten Art von Ursachen ungehoben; 
der Spiritismus hat aber noch nicht den leisesten 
Versuch gemacht, sich dieser Aufgabe zu entledi- 
gen. So lange sie unerfüllt bleibt, entbehrt die Geister- 
Elypothese jedes Schimmers einer wissenschaftlichen Be- 
gründung und Berechtigung, und alle Philosophen, welche 
die Geisterhypothese des Spiritismus adoptirt haben, 
haben damit einen bedenklichen Mangel kritischer Vor- 
sicht gezeigt. 



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